Laufzeitverlängerung für Gauck? – aus Heft 6/2016

Im kommenden Jahr läuft Joachim Gaucks Amtszeit als Bundespräsident ab – und zeitgleich erreicht er die durchschnittliche Lebenserwartung eines westeuropäischen Mannes. Trotz des entsetzlich hohen Alters, was in diesem Fall kein Entscheidungskriterium sein darf, gilt der »greise Obama«, wie er von sich selbst voller Anerkennung genannt wird, als heißer Anwärter für eine Wiederwahl. Gauck ist zerrissen wie nie: Soll er noch einmal antreten? Oder soll er verzichten? Unser Autor Florian Kech zeichnete den inneren Dialog des mit sich ringenden »Gauck« (Gauck über Gauck) auf.

Pro
Sollte ein Joachim Gauck für eine zweite Amtszeit antreten? Ich meine: ja. Wir leben in Zeiten, in denen viel von Alternativen die Rede ist, da wirkt es auf die Bevölkerung beruhigend, wenn sie weiß: Es gibt auch einen Alternativlosen für Deutschland.

Über meine Zukunft habe ich bislang geschwiegen. Ich wollte das bange Warten des Volks bewusst in die Länge ziehen. Im Hinhalten bin ich ein Meister. Fragen Sie meine Lebensgefährtin Dani, die seit sechszehn Jahren auf einen Antrag wartet! Jeder weiß aus eigener Erfahrung: Je länger der Höhepunkt hinausgezögert wird, desto größer das Glücksgefühl, das sich hinterher einstellt.

Die Millionen Menschen auf den Fanmeilen am Tag meiner Wiederwahl werden ein Lied davon grölen können. Für einen Bundespräsidenten Gauck spricht, dass er weder wankt noch wackelt. Bei mir weiß man immer genau, wo man dran ist. Ich bezeichne mich bekanntlich gern als »linken, liberalen Konservativen«.

Diese Selbstbeschreibung ist natürlich noch lange nicht erschöpfend. Ein Joachim Gauck ist unter anderem nämlich auch »christlich-islamistischer Atheist«, »homo-polygamer Heteronormativer« sowie »feministisch-machoistischer Schweinesystempriester«.

Vor allem aber bin ich noch ein Unvollendeter. Mir fehlt dieser eine Satz, der Bundespräsidenten unsterblich macht. Sogar Vollhonks wie Christian Wulff (»Der Islam gehört Deutschland«) oder Horst Köhler (»Ich habe fertig«) hatten so einen. Manchmal genügte auch ein einzelnes Wort wie bei Roman Herzog (»Ruck«) oder Hermann Lübke (»Neger«). In meiner zweiten Amtszeit, das verspreche ich Ihnen hoch und heilig, werde ich ein ganzes Magazin an bleibenden Aphorismen verballern. Schließlich bewundert man mich nicht umsonst als Rhetorik-Rambo aus Rostock.

Ein idealer Bundespräsident, der ein Joachim Gauck zweifellos ist, besitzt die Begabung zur differenzierten Gegenwartsanalyse. Die NPD nannte ich »Spinner«, die Occupy-Bewegung »albern« und für den real existierenden Nationalsozialismus im Osten prägte ich den erhellenden Begriff »Dunkeldeutschland«. Klingt alles ein bisschen akademisch, aber in einer immer komplizierter werdenden Welt verbieten sich Vereinfachungen.

Die Schlüsselbegriffe meiner zweiten Amtszeit – so viel sei verraten – werden lauten: Freiheit und Krieg. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Deswegen muss der, der die Freiheit liebt, auch den Krieg lieben. Die Deutschen haben hier Nachholbedarf, und ich will gerne ihr Nachhilfelehrer sein. Wir müssen Krieg wieder als Chance begreifen. Krieg ist die Freiheit, auf den Schlachtfeldern der Welt wieder Verantwortung zu übernehmen. – Was für ein toller Satz!

Ein Hoch auf mich! Ich spreche hier wohlgemerkt von richtigen Kriegen. Kalter Krieg ist kalter Kaffee. Aus Kriegen geht immer Großes hervor: Den Amerikanern brachte er die Unabhängigkeit, uns Deutschen die Demokratie und dem Iraker die parlamentarische Mitbestimmung. Und hätte mein Vater einst nicht die Mutter überwältigt, gäbe es auch keinen Bundespräsidenten namens Joachim Gauck.
Manchmal kann auch Unterlassung ein Verbrechen sein. Aus diesem Grund trete ich wieder an.

Contra
Sollte ein Joachim Gauck auf eine zweite Amtszeit verzichten? Ich meine: nein. Lassen Sie uns mit meiner Wiederwahl gemeinsam ein Zeichen gegen Altersrassismus setzen. Diesen schönen Begriff habe ich einer Gauck-Hommage des Zeit-Chefredakteurs Giovanni diCaprio entlehnt.

Er könnte aber genauso gut von mir sein. Don Giovanni hat mit seiner Beobachtung vollkommen recht: Keine Gruppierung wird so massiv diskriminiert wie wir Alten. Dafür genügt ein Blick in die Statistik: Alte Menschen sind überproportional oft von Altersarmut betroffen, erkranken häufiger an Grauem Star und weisen eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit auf zu sterben als junge. Außerdem bekommen Alte oft Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Und auch mit dem Kurzzeitgedächtnis haben Alte oft Probleme. Deswegen war ich auch viele Jahre Präsident des Vereins »Gegen Vergessen«. War ich das?

Tatsache ist, dass ich geistig noch voll auf der Höhe bin. Ich halte täglich mindestens acht Vorträge und Standpauken, wenn das Schlosspersonal nicht spurt. Dazwischen lese ich. Am liebsten meine eigenen Reden oder Porträts über mich in der New York Times oder im Pommerschen Boten. Oder meine eigenen Reden. Manchmal blättere ich auch zur persönlichen Erbauung in meiner Stasi-Akte, die ich selber von mir angelegt habe.

Wenn ich im kommenden Jahr erneut kandidiere, bin ich siebenundsiebzig. Theodor Heuss – der bedeutendste Bundespräsident vor meiner Zeit – war bei seiner Wiederwahl auch über siebzig und konnte auf Empfängen noch ohne Lätzchen und Schnabeltasse am Staatsdinner teilnehmen.
Konnte er das wirklich?
Reife Leistung. Aber was ich sagen wollte: Theodor Heuss war bei seiner Wiederwahl ebenfalls über siebzig.

Die Menschen vergessen schnell. Das ist ein altes Problem der Deutschen. So erinnern sie sich nur ungern an das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte: die Wahl von Christian Wulff zum Bundespräsidenten im Jahr 2010. Man sagt, Niederlagen würden einen stärken. Das mag zutreffen. Noch mehr hat es mich allerdings gestärkt, als ich nur zwei Jahre später erneut um eine Kandidatur angefleht wurde, und diesmal kamen sie sogar parteiübergreifend angewinselt, bis auf die Stalinisten. Aus Rache habe ich wenig später das Gnadengesuch ihres Gesinnungsbruders Christian Klar abgelehnt.

Und mein Parteiverbotsantrag gegen die Linke liegt für die zweite Amtszeit auch schon in der Schublade. Oder steckt er noch in der Schreibmaschine?

Wo war ich? Richtig, man sollte nie vergessen, dass ich dem Amt die Würde wieder zurückgegeben habe. Inzwischen ist das Ansehen des Bundespräsidenten so hoch, dass mich gelegentlich ein Würdereiz überkommt. Mein Hausarzt rät mir in solchen Fällen, die Dritten aus dem Mund zu nehmen und vor dem Badspiegel Grimmassen zu schneiden. Das sei schön würdelos. Danach geht es mir meistens auch wieder besser.

Gegen Vergesslichkeit hilft Tai Ginseng oder Vorratsdatenspeicherung oder – noch besser! – PRISM. Natürlich gilt es da immer, Grenzen auszuloten, aber grundsätzlich sollten wir unseren amerikanischen Freunden für diese Gratis-Gedächtnisstütze dankbar sein. Mit dem US-Präsidenten, den ich sehr bewundere, verbindet mich im Übrigen nicht nur das Amt, sondern auch das rhetorische Talent und – wenn es dämmert – die Hautfarbe. Amerika und ich, das ist eine lange Beziehung. Land meiner Träume. Als Kind wollte ich immer Freiheitsstatue werden. Heute bin ich es.

Und wenn ich rausfinde, wer dieser zahnlose Mann im Spiegel ist, der mir die Zunge rausstreckt, kann es auch schon losgehen mit der zweiten Amtszeit.

 

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