An Lippis Lippen – aus Heft 6/2016

lippiWer Wolfgang Lippert googelt, könnte erschrecken, schreien, sich auf den Boden werfen, denn er ist tot! Herzinfarkt. Das hat er nicht verdient. Dick und kahl war er am Ende, verziert mit einem Seidenschal, so weit gesunken, anderer Leute Haare zu schneiden. Dann erst begreift man: Google hat den falschen Lippert in die Poleposition gesetzt (wahrscheinlich hat der Verstorbene gespendet). Der »richtige« Wolfgang Lippert muss natürlich gänzlich oben stehen. Und dann lange, lange nüscht. Denn er ist der einzige Lippert, der es zu Ruhm gebracht hat. Man kennt ihn von Ahrenshoop bis Zarrenthin, von Ahlbeck bis Zabenstedt (doch wer kennt schon Zabenstedt?). Ob Mann, ob Weib – alle rufen ihn bei seinem Kosenamen, was eigentlich nur Honi vorbehalten bleiben sollte.

Lippert ist ja längst zu »Lippi« geworden. »Lippi, der Strahlemann mit Pechsträhnen«, so nennt er sich selbst, der »beliebteste gesamtdeutsche Entertainer« der Welt, auch als App. Es klingt unglaublich (und kann von ihm gar nicht oft genug gesagt werden), aber ja, 15 Millionen sahen diesen Mann vor gefühlten 200 Jahren bei der zwischenzeitlich ausgestorbenen Familien-Show Wetten, dass..?. Wenn man die Säuglinge und Todkranken nicht mitzählt, können das nicht nur die Fernsehgucker aus der DDR gewesen sein. Nein, auch richtige Deutsche (und Österreicher, Schweizer) hingen an Lippis Lippen.

Und wenn sich nur jeder zweite Überlebende heute an ihn erinnern sollte, dann sind das so viele Menschen, wie Brandenburg und Sachsen zusammen Einwohner haben – die Syrer mal noch nicht mitgezählt. Ergo: Lipperts Popularität ist vom Bundespräsidenten nicht zu toppen. Dieser Mann hat das Charisma eines funkelnden Kristalllüsters, den Charme eines Strichers kurz vor Morgengrauen, den Esprit eines internierten Kolibris und die hemmungslose Penetranz eines Spendensammlers der Volkssolidarität, weshalb ihm eigentlich nur zwei Berufswege möglich waren: Parteisekretär (später Generalsekretär) oder Entertainer.

Für die politische Laufbahn war ihm der Kommunismus nicht wichtig genug, ein bisschen Spaß tut’s auch, dachte er, also beglückte er vergnügungshungrige VEB-Brigaden mit seinem bübischen Witz und verblüffte die disziplinierten Werktätigen mit einer Lässigkeit, die die sich nicht mal in der Badewanne leisteten. Ein Typ, bei dem man gern mal ein Auge zudrückte, wenn ihm unversehens die Hand ins Dekolleté der »Henne« Helga Hahnemann rutschte.

Lippi vereint in seiner prächtigen Person die reizendsten Seiten eines Narziss – die ölige Kumpelhaftigkeit, die absolute Abwesenheit von kritischer Selbstreflexion und die 24-Stunden-Bereitschaft, sich in Bruchteilen von Sekunden fast geräuschlos selbst zu begatten. Weniger glanzvolle Minuten hat ein Narziss bekanntlich dann, wenn er auf die Fresse fällt. Dann weint er, und dann kann seinetwegen Berlin bombardiert werden – sein Unglück ist das größte. Es sind immer die anderen schuld. Der Gottschalk, die eitle Nase, der die Niederlage gegen den lustigen, ungleich reicher mit Talent gesegneten Ossi nicht verwinden konnte und seinen alten Wetten, dass..?-Job wieder haben wollte, die blöde, dicke, schlecht belüftete Baumarktkassiererin, die ihm diese noch blödere Zange untergeschoben hat, und die Senderchefs, die rein gar nichts unternahmen, als die Zuschauerzahlen seiner letzten großen Show, Goldmillion, 1994 von 10 Millionen auf 1,7 Millionen sanken. »Ich sehe nicht ein, dass ich immer für Dinge geradestehen muss, die ich nicht allein zu verantworten habe«, grämte sich Lippert 1994 in einem Interview mit der Welt. Die Zuschauer, die weggeschaltet haben, wurden übrigens bis heute nicht strafrechtlich belangt.

Damals wussten wir noch nicht, dass die ganze Welt eigentlich eine einzige Verschwörung ist. Heute verstehen wir: Mit Lippis Schmach sollten die Ostdeutschen gedemütigt und für immer aus dem Grundbuch der Kulturvölker eliminiert werden. Dabei steht Wolfgang Lippert für das, was er tut, sehr gern sogar. Kürzlich will er die Insassen eines Urlaubsfliegers aus Todesfurcht befreit haben: Die Maschine wurde instabil – eigentlich wäre es an Lippi gewesen, das Ding sicher zu landen, aber neuerdings sind ja die Türen zum Cockpit verschlossen (aus Furcht vor Psychopathen), also begann er den Menschen das zu geben, was sie in ihren letzten Minuten ersehnen: Anekdoten von Lippi, nicht alle, nur die witzigsten. Die Passagiere, gerade noch von Todesangst wie gelähmt, riefen: Ja, Lippi, es ist eine Lust, mit dir zu sterben!

Doch nicht immer wurde Lippi die ihm von Natur gebührende Aufmerksamkeit zuteil. Als er den Stuhl seiner Lehrerin, die ihn wegen seiner herausragenden Talente nicht mochte, wegzog und sie übel stürzte, wurde das nicht als früher Begabungsnachweis gewürdigt. Typisch Sozialismus, typisch Erziehungsdiktatur: Die Pädagogin tat das Falscheste – sie ignorierte den Entertainer. Er spürte die Leere, die Kälte in sich – ein frühkindliches Trauma, das bei Wetten, dass..? wieder aufleben sollte …

Jede Minute seines Lebens hat das Zeug zur Legende. Die Geschichte seiner Zeugung klingt wie eine Episode aus »Sound of Music« – wie seine Mutter, eine warmherzige, einfache Frau, unter der musikalischen Begleitung ihres Mannes, eines Kapellmeisters, den Samen empfing, aus dem sich der Fötus Lippi herausschälen sollte. (Da war auch noch ein älterer Bruder, er wird kaum erwähnt – war er bei der Stasi?)

Der »Sonnenschein von Rahnsdorf« war so beliebt, dass er den Kindergarten meiden musste, weil ihn da alle anfassen wollten. Er übte sich im elterlichen Garten als Alleinunterhalter. Mäuse waren sein Publikum. Das ist Lippis dunkle Seite, auf die er Wert legt, weil sie seinem Ego Tiefe verleiht. Im Garten betrieb er eine Mäusezucht und verkaufte die Nager an ein Versuchslabor. Welch eine moralische Größe gehört dazu, diese Taten heute vollständig offenzulegen?! Vom Mäusezirkus war es nur ein kleiner Schritt in den Olymp der ostdeutschen Fernsehunterhaltung, dem Kessel Buntes. Und dann der Welthit: »Erna kommt«. Darin heißt es »Erna kommt wieder, Erna kommt«. Bis heute ist nicht vollends entschlüsselt, was Lippert seinem Publikum damit zurufen wollte: Handelte es sich um einen multiplen Orgasmus, der in der DDR noch gar nicht eingeführt war?

Auf Ernas Höhepunkt – es herrschte noch vollständiger Sozialismus – bot Radio Bremen Lippi eine Rateshow an. Und er durfte. Ein unglaubliches Reiseprivileg, das eigentlich nur noch Joachim Gauck und seine Söhne genießen durften. Einmal einen Fuß in der Westtür, kriegten die ihn dort nicht wieder los. Lippert oszillierte zwischen Ost und West, und daraus schlussfolgerten die Ossis: »Wir sind ein Volk«. Ohne Lippi keine Revolution! Wolfgang Lippert ist ein Vorbild an Geschmeidigkeit, immer höflich, immer auf der richtigen Seite, immer guter Laune, nie verschlagen. Trotz seines atemberaubenden Erfolgs ist er ein Mann der kleinen Leute geblieben. Einmal bot er einem einfachen Bühnenarbeiter sogar absolut spontan an, ein Bier auf ihn zu trinken. Der sagte daraufhin zu Lippert: »In der Kathedrale meines Herzens wird immer eine Kerze für dich brennen.« Wir wüssten das nicht, wenn Lippi selbst es nicht gern erzählen würde.

Nach der Heimwerkerpause (Zange!) hat seine Karriere wieder Fahrt aufgenommen. Er wandert durch die Talkshows und reißt den Moderatoren die Mikros aus den Händen. Bei den Störtebeker- Festspielen reitet er sich den Arsch wund, von seinem Gesang ganz zu schweigen, für die Archiv-Show Ein Kessel Buntes beim MDR hopst er vor der Bluebox rum. Und er hat ein unterhaltsames Buch geschrieben. Der Titel fasst die Pole seiner turbulenten Vita zusammen: Wetten, dass ... Erna kommt?

Felice von Senkbeil
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#1 Engwicht, Erik 2016-06-08 15:32
Unsere Besten: ,, Lipperts Popularität ist vom Bundespräsident en nicht zu toppen". Da ist Lippe doch der ideale Nachfolger!
Zitat
 

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