Sie treiben's mit jedem – aus Heft 5/2016

gruenmanklAm Abend des 13. März 2016 ging die Sonne über Baden-Württemberg auf. In welches Gesicht man damals im Landesbüro der Grünen auch seinen Blick versenkte, der Stolz leuchtete aus allen Löchern. Selbst Winfried Kretschmann, den eine absolute Mehrheit der Bürger von fast einem Drittel zum größten Ministerpräsidenten aller Zeiten bestimmt hatte, sprang die Freud’ zur Goschen naus:

»Desch isch scho au de gröschde Dag en moi Lebe!« (* freie Übersetzung siehe unten!), sprudelte es aus ihm heraus, nur sehr viel langsamer. »Desch a Bollegfühl!«, schwummerte es weiter aus dem besten Grünen, den die Partei je zur Welt gebracht hatte: »Etzet koin Brezgemärkd mache! Moischd meegschd Mooschd! Dasch desch klar isch!«

Jeder, jede und jede_*/r/x hatte während dieser wenigen Sätze genug Zeit, weitere zwei, drei Gläser Sekt zu tanken. Randvoll mit Siegestrunkenheit, bemerkte niemand, dass zur selben Zeit der grüne Koalitionspartner, die SPD, über Bord gegangen war und nie wiedergesehen werden sollte. Als Tage später alle ihren Rausch bis auf den letzten Tropfen ausgewrungen hatten, war klar, dass ein anderer Koalitionär herbeigepfiffen werden musste – die CDU! Eine Partei, längst in der Mitte so links wie die Grünen rechts! Zwei Parteien also, die man im Dunkeln verwechseln und in einen Topf werfen kann, wenn etwa die CDU 1.500 neue Polizisten, die Grünen aber 2.800 tief innen auf ihrem Wunschzettel haben! Dass es unter dem Tisch seit Jahren Berührungspunkte gibt, war bekannt. Oswald Metzger, zwischen 1987 und 2007 grün und durch und durch ein Onkel der Wirtschaft, siedelte 2008 mit Sack und Pack in die CDU von Biberach über; Boris Palmer, Tübingens grün gefärbter Bürgermeister, wirbt sowieso seit Menschengedenken für die Schwarzen.

Jetzt, da der einzige Stein des Anstoßes – Stuttgart 21 – aus dem Weg ist, weil kein Grüner den Bahnhof noch in den Mund nimmt, kann sich erstmals Grün-Schwarz ans Licht wagen. Schwarz-Grün dagegen ist schon ein abgestandener Hut: Standard in Hessen seit zwei Jahren, wo die Grünen alle schwarzen Kröten schlucken und bereitwillig den Lärm hinunterwürgen, den der Frankfurter Flughafen jede Nacht über die Anwohner stülpt. Niemand auch reibt sich verwundert die Nase, dass in Sachsen-Anhalt die Grünen zur CDU ins Kabinett schlüpfen und zusammen mit der nurmehr erbsengroßen SPD eine Regierung bilden.

Wieso, weshalb, warum auch? Stellen doch die Grünen, seit Deutschland von der Flüchtlings - frage überschwemmt wird, sogar die Kanzlerin – Angela Merkel! Nicht wenige Kritiker schmecken deshalb aus der Baden-Württemberger Landtagswahl ein Menetekel für die Bundespolitik heraus.

Vorbei jene trübe Zeit, als die Grünen der SPD unterhalb der Gürtellinie angewachsen schienen und den Sozen aufhalfen, wo immer die letzten Meter zur Regierungsübernahme fehlten. Nein, nada: 2005 waren im Bund und den Ländern alle dahinsiechenden rotgrünen Koalitionen abgewählt, und als 2008 in Wiesbaden die Liebesheirat mit Andrea Ypsilanti – politisch gut sortierte Leser erinnern sich: dem Sohn eines Opel-Arbeiters – an vier falsch gewickelten SPD-Abgeordneten zerplatzte, begriffen die Grünen endgültig, dass sie ihren Kompass anders ölen mussten.

Inzwischen treiben sie es mit jedem, der nicht bei drei unter dem Regierungstisch ist. Worüber einst die Presse meterhoch vor Wut und Verwunderung aufschäumte, kräht heute kein Journalist mehr; und als schicke neue, grün verputzte FDP graust es die Grünen selbst vor der alten, klapprigen FDP nicht bis ins Bodenlose, wie der akute Fall Rheinland-Pfalz beweist. Beide Parteien sind eben im Biotop der Beamten, in der Lebenswelt der Gebildeten und Verdienenden bis zum Zenit heimisch. Gleichwohl ist die grüne Partei gelenkig genug und kann auch mit der Linken, sofern die halbwegs rechts ist wie in Thüringen.

Ob sie eines krummen Tages sogar mit der AfD ...? Der oben schon vorgeführte Boris Palmer denkt bereits dorthin, malt bewaffnete Grenzschützer gegen nackte Flüchtlinge an die Wand und streicht auch sonst jenen Bürgern um den satten Bart, für die alles so heile bleiben soll, wie es ohne die hereinschwappenden Ausländer war.

Nichts ist unmöglich für die Grünen. Noch scheint eine Zukunft hinter den Sternen zu liegen, in der sie mit der »Partei Bibeltreuer Christen« oder der »Christlichen Mitte« koalieren, obwohl die ebenfalls wertkonservativ sind; oder dass sie mit den »Violetten – für spirituelle Politik«, der »Feministischen Partei / Die Frauen« oder der »Rentner Partei Deutschlands« sich die Regierungstöpfe teilen. Aber auch die Grünen haben einmal klein angefangen und befanden sich um 1978 herum optisch im kaum messbaren Bereich. Hauptsache, man verhandelt am vielleicht gar nicht so fernen Ende so, wie es der grüne schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck mit dem eigenen Mund formuliert: Jeder muss am Ende 70 Prozent von dem bekommen, was er eigentlich wollte« – und 140 Prozent sind ein guter Kompromiss. In Schleswig-Holstein, wo die Grünen mit der SPD und dem Südschleswigschen Wählerverband regieren, ist es ein noch besserer: 210 Prozent!

Selbstverständlich gibt es selbst für eine biegsame Partei wie die Grünen Grenzen. Mit Gruppen wie der »Partei für Soziale Gleichheit« oder einer immanent systemkritisch dahersegelnden »Partei der Nichtwähler« dürften sie sich schwertun. Sonst aber stehen sie überall bereit, wo Not am Amt ist. Sie haben ihre nötige Portion Realismus gefressen, sind der real existierenden Ordnung vollständig auf den Leim gegangen und haben das Stockholm-Syndrom im Blut: Wie Geiseln sich ihren Peinigern anschmiegen und Kinder sich ihren Eltern, sind die Grünen von der normativen Kraft des Faktischen aufgesaugt worden und treiben alternativlos alternativlose Realpolitik.

Winfried Kretschmann, der den Puls am Ohr des Volkes hat, wird deshalb von Liebesbriefen und Dankesschreiben schier übergossen. »Schtuegert, Ulm und Biberach! Meckebeure, Durlesbach!«, schwampfte es am bewussten Wahlabend aus ihm, nur viel langsamer. »Mir hent se älle! Rulla, Rulla, rullala!«

Peter Köhler
Zeichnung: Burkhard Fritsche

* Ich bin high! Jetzt kein langes Drumrumreden! Meinst Du, Du würdest gerne Most trinken! Wir haben sie alle!

 

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