»Ausländer raus!« – aus Heft 4/2016

Das Verhältnis zwischen der Presse und ihren Lesern, dem Fernsehen und seinen Zuschauern scheint gestört. Viele Deutsche misstrauen den Medien. Manche sagen sogar schlimme Wörter, beschimpfen zum Beispiel Claus Kleber als Propagandisten, als willfährigen Büttel der Bundesregierung und eitlen Geck, den die Kanzlerin gefügig machte, indem sie ihn am Scheitel aufhing, bis eine seiner Gesichtshälften abrutschte. Doch es gibt auch weniger sachliche Stimmen. Sie erreichen vermehrt in Form von beleidigenden Leserbriefen die Redaktionen und lassen Journalisten, gestandene Alkoholiker, weinen. Wie konnte es dazu kommen?

Eigentlich kann sich eine pluralistische Presselandschaft keine bessere Leserin wünschen. Elke Schadow liest die Süddeutsche, die FAZ und die Kreuzwort Favorit im Abonnement. Und die Rentnerin nimmt sich Zeit, die Blätter sorgsam zu studieren. Seit vielen Jahren. Bis vor Kurzem mit Wohlwollen. Sehr interessiert. Zeile für Zeile. Selbst nachdem die Mode der Stummelsätze aufkam.

Doch nun schickt Frau Schadow den Machern ihrer einstmaligen Lieblingslektüre aufgebrachte Leserbriefe. »Von einer Demokratie oder gar einer Meinungsfreiheit ist in diesem Land nicht mehr auszugehen«, schrieb sie dem Spiegel, weil der über die Geschehnisse in Köln viel zu spät berichtet hatte und sie zudem das Gefühl hatte, die Schriftgröße würde immer kleiner werden.

Hätten die Hamburger eher über die Silvesternacht geschrieben, dann hätte Frau Schadow vielleicht überlegt, ihr Spiegel-Abo zu verlängern. Aber da das Magazin nur wöchentlich erscheint, ist der Fehler systemimmanent. »Wenn der Araber am Sonntag eine Christin nach der Messe hinter einen Busch zieht und sie vergewaltigt, wie es ihm der Koran vorschreibt, dann kann ich es frühestens am darauffolgenden Samstag im Spiegel in allen Einzelheiten nachlesen«, sagt sie mit ungeduldigem Blick. Deshalb holt sie sich ihre Informationen lieber von zwielichtigen Internetseiten. Dort wird von fadenscheinigen Personen auf das übelste gehetzt. Von Leuten, denen journalistische Standards egal sind.

SPON nennt sich eine dieser neuartigen Informationsquellen. Hier darf jeder schreiben, der sich genügend Pomade in die Haare geschmiert hat. Ein gewisser Jan Fleischhauer zum Beispiel hat auf dieser Plattform Ende letzten Jahres unter dem Titel »Seid umarmt, ihr Rumänen!« den Anschein erweckt, ein Heer aus Osteuropäern würde sich nach Deutschland machen, um böswillig den Sozialstaat kaputt zu betteln. Diese Artikel machen in der Online-Welt die Runde und bereiten die Stimmung im Lande, die Brandanschläge auf Ausländerheime und Ölfrisuren möglich machen.

Wer den Hetzern glaubt, geht davon aus, dass der Koordinator der Flüchtlingskrise Peter Altmaier die Macher der etablierten Medien unter seiner Knute hält. »Wenn es nur so wäre!«, sagt uns der Chefredakteur einer großen Tageszeitung – er möchte nicht namentlich genannt werden –, bevor der Kanzleramtschef sein Würgehalsband festzieht und den röchelnden Mann fortschleift. Nein, hier wird nicht manipuliert. Doch selbst die wenigen Lügenpresse- Schreier, die dies zur Kenntnis nehmen, sind überzeugt, dass die Medien in vorauseilendem Gehorsam nur erwünschte Meinungen transportieren.

Das bringt Rentner Paul Krampnik auf die Palme: »Offen faschistische Positionen finden in unseren ach so liberalen Medien doch überhaupt nicht mehr statt«, bemängelt der pensionierte Berufssoldat. »Gut, da gibt es noch Harald Martenstein vom Tagesspiegel, Reinhard Müller, Berthold Kohler, Jasper von Altenbrockum von der FAZ, Ulf Poschardt, Henryk M. Broder von der Welt, Birgit Kelle und alle anderen Focus-Mitarbeiter, aber sonst? Sonst ist die Presselandschaft doch eine linksgrün-versiffte Kloake!« Auch zum Thema Pädophilie und zum betäubungslosen Ausweiden von knuffigen Eisbärenbabys habe er in letzter Zeit keinerlei wohlwollende Meinung mehr aus den großen Verlagshäusern vernommen. »Die Presse ist gleichgeschaltet! Da brauchen die sich nicht wundern, wenn ihre Verkaufszahlen sinken«, schreit er. Die Journalisten säßen zudem in ihren Elfenbeintürmen. Sie bekämen von den einfachen Problemen der Leute nichts mehr mit; vom Lehrermangel beispielsweise, schlechter Hygiene in Krankenhäusern oder dem tränentreibenden Gegenwind beim Radfahren. Und Otto-Normalleser habe nun mal ein Gespür dafür, wenn er sich nicht vertreten sieht.

Doch wie sollen Journalisten reagieren? Sie scheinen derzeit die Sündenböcke der Nation zu sein. Nicht mal die Bild kann das Volk noch erreichen. Jahrelang hat sie sich kritisch und sachlich mit Ausländern auseinandergesetzt: mit allgegenwärtigen Araber-Banden, alles vollscheißenden Roma und der immerschlechten englischen Fußballnationalmannschaft. Merkwürdig, dass sich viele Bild-Leser von der Refugees-Welcome-Kampagne der Boulevardzeitung nicht repräsentiert fühlen. Da muss etwas neu verhandelt werden zwischen Zeitungsmachern und Rezipienten.

Letztlich wird den Redaktionen nichts anderes übrig bleiben, als auf die Unsicherheiten eine Ant - wort zu finden. Man wird dem Leser wieder zuhören müssen, bis man ihm wie früher nach dem Maul schreiben kann. Dafür braucht es Geduld, Spucke und Blasen an den zarten Edelfedertastaturfingern.

Und man muss den Mut haben, seine Meinungen zu revidieren, sobald einem der geringste Gegenwind widerfährt. Dabei könnte es schon ein Anfang sein, mit einer versöhnlichen Überschrift aufzumachen. Einer Überschrift, die den durchschnittlichen deutschen Leser da abholt, wo er steht. Die obige wäre ein guter Anfang.

Andreas Koristka

 

---Anzeige---