Kultur der dünnwandigen Hose – aus Heft 4/2016

slotiDer Evolutionismus des 19. Jahrhunderts bietet gewissermaßen die historisierten Varianten einer Ontologie der kämpfenden Prinzipien altorientalischen Typs, die auch unter der Vorherrschaft des Monotheismus nie ganz erloschen war und in den kryptischen dualistischen Unterströmungen der abendländischen Metaphysik überlebt hatte.« Ein Satz wie in Stein gemeißelt, klar und wahr, schön, und doch auch wieder nicht. – Für derlei noch milde confusio linguae und treffende Bonmots wird Peter Sloterdijk von seinen Feinden gefürchtet und von seinen Freunden geliebt. Ja, hin und wieder soll er für derlei Tiefsinniges sogar die ein oder andere opera mani, wie er es nennt, oder wie der Engländer sagt: handjob abgegriffen haben, häufiger sogar noch als der nur unwesentlich schönere Richard David Precht. Diesen hält Sloterdijk für einen aufgeblasenen Schaumschläger, während Precht Sloterdijk eher als schaumschlagenden Wichtigtuer betrachtet. Die objektive Wahrheit, seit jeher Gegenstand der großen Denker – hier kommen ihr beide Philosophen sehr nahe.

Sloterdijk, der auf den ersten Blick als wirrer Zausel daherkommt, der sich im Fernseh in Schachtelsätze verstrickt, entpuppt sich bei oberflächlicher Betrachtung als ausgewachsener scholasticus und Fremdwortconnaisseur. Auch sein Zitate- und-Namedropping ist als vorbildlich, wo nicht gar als fanatisches Distinktionsgeraune zu bezeichnen. Als selbsternannter Nachfolger Nietzsches eifert Sloterdijk seinem Vorbild in Sachen Gesichtsbehaarung nach, wenn auch mit eher mäßigem, recht fusseligen Ergebnis. Diesem influxus physicus folgend, bleibt die Wirkung auf sein Denken nicht aus. Doch während der Wahnsinn gen Lebensende bei Nietzsche vom Tripper herrührte, kultiviert Sloterdijk diesen zu seinem eigenen gaudium.

Sloterdijks Denken vollzieht sich in Metaphern, ist also gleichsam ein gepflegter, mit erlesensten Rosengewächsen und seltenen Orchideen geschmückter Ziergarten, der die meiste Zeit von einer sich auf Trüffelsuche befindlichen Wildschweinrotte heimgesucht und komplett um- und niedergerüsselt wird. Wobei anstelle von Trüffeln beim Umpflügen nur tote Waschbären und Eichhörnchen zu Tage treten, die Sloterdijk von den Reifen und vom Kühlergrill seines Mercedes schabt und dann im Garten verbuddelt. – Bildlich gesprochen. In veritate und also in echt fährt Sloterdijk freilich Porsche, und das nicht nur der Studentinnen wegen, sondern wegen der Frauen allgemein und weil es halt oft auch pressiert auf dem Weg von A nach B.

Seine langen Texte, die er »Großessays« nennt, weil das – nomen est nomen est nomen – besser klingt, handeln von Formen und Aggregatzuständen, von Globen, Blasen, Schäumen, Glitsch, Schmodder und Rhombendodekaedern. Hochwissenschaftliche Arbeiten, die sowohl Laien wie auch Fachleuten ein anerkennendes Augenrollen abnötigen.

Sloterdijks Stärken aber liegen nicht in der Philosophie, sondern in der fundierten Gesellschaftskritik. Vor Jahren avancierte er zum advocatus westerwelli, der wortgewalttätig die »Fiskalkleptokratie « des Staates geißelte und eine endgültige Abschaffung der »Zwangssteuern« forderte. Nichts weniger als eine Revolution schwebte ihm vor, eine »Revolution der gebenden Hand«, mithin also eine Revolution von ganz ganz oben. Das Eintreiben von Steuern, so Sloterdijk, entwürdige Staat und Steuerzahler, es bevormunde den Wohlhabenden, der gerne sein Scherflein beitragen und Almosen geben würde, doch zu Recht bockig werde, wenn man ihn dazu nötige. Viel schöner für alle wäre es doch, könnte die gebende Hand ihr Geld nach eigenem freien Willen als Geschenke verteilen – an die Rasse, an das Geschlecht, an die Leute eben, die der gebenden Hand gefallen, und nicht einfach rechtsstaatlich neutral an jeden dahergelaufenen faulpelzigen Diogenes. Wäre ja noch schöner, wenn plötzlich die arbeitende Hand des servi was zu melden hätte! – Das Feuilleton war begeistert. Ein Beispiel dafür, dass »dit Janze« (Aristoteles) prima funktionieren würde, ist Sloterdijk himself bzw. ipse:

Die gebende Hand unterstützte freiwillig Sloterdijks alleinerziehende Mutter, bezahlte ihm großherzig einen Privatlehrer und ein Privatstudium der Philosophie und Germanistik – denn vor allem für Geisteswissenschaften hat die gebende Hand immer sehr viele Groschen übrig.

An einer privaten Universität erhielt er von der aus freien Stücken gebenden Hand einen Lehrstuhl, den er über Verkehrswege erreichte, die die gebende Hand aus freiem Willen heraus finanziert hatte. Und die gebende Hand war es auch, die ihren Zögling schließlich als Moderator der Sendung Das Philosophische Quartett engagierte, selbstverständlich bei einem Sender, der sich nicht etwa mittels einer Zwangssteuer finanziert, sondern durch freiwillige Spenden. – Wäre es doch auch ein regelrechtes skandalon, würde einer wie Sloterdijk durch staatliche Knete künstlich am Leben gehalten. Und die gebende Hand, das weiß sogar ein Philosoph wie Sloterdijk, beißt man nicht: »Die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.« Quod erat demonstrandum.

Neuerdings hat Sloterdijk das weite Feld der Apokalyptik für sich entdeckt. Seine neueste Flitze bzw. thésis (θέσις) geht so: Die Regierenden haben nicht nur, was jeder weiß, den Arsch, sondern vor allem die Grenzen offen. Wörtlich: »Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.

Diese Abdankung geht Tag und Nacht weiter.« Und sieht man es nicht allüberall? Der Staat und seine Organe: überrollt. Die Polizei: alles Afghanen. Richter: alles Marokkaner. Lehrer und die Fuzzies vom Ordnungsamt: Sinti und Roma. Der Wirtschaftsminister: ein Arschloch. Sloterdijks Lehrstuhl an der Uni Karlsruhe: überrollt und besetzt von einem Äthiopier. Die Entscheider beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: alles Syrer, denen plötzlich deutsche Ex-Beamte gegenübersitzen, die für eine Isomatte auf dem Turnhallenboden tagelang im Regen anstehen müssen. So sieht’s doch aus!

»Die postmodernisierte Gesellschaft«, so erklärte Sloterdijk in einem Interview diesen vermeintlichen freudschen thanatos, »existiert in einem surrealen Modus von Grenzenvergessenheit. Sie genießt ihr Dasein in einer Kultur der dünnwandigen Container. Wo früher starkwandige Grenzen waren, sind schmale Membrane entstanden. Die werden jetzt massiv überlaufen.« Jo! Schmale Membrane werden überlaufen, wo früher starkwandige Grenzen waren. Die Kultur der dünnwandigen Container hat ebenso ausgedient wie die Kultur der dickwandigen Hose und die Kultur der luftdichten Tupperbox. Was mit oder ohne Grenzen aber wohl für immer und ewig bleibt, ist die Kultur der undichten Denkerschädel. Ist dies der Beginn einer wegweisenden Grenzen- und also Borderline-Philosophie oder sind es die Stimmen in Sloterdijks Kopf (»Den kinetischen Expressionismus hören wir sprechen.«), die ihn zu derlei Aussagen zwingen? – Nescio et non curo.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#1 Magdalene Geisler 2016-03-30 21:36
Die beste Wendung in diesem Beitrag ist "fanatisches Dinstinktionsge raune". Den werde ich wohl auch mal verwenden - aber ich verweise dabei natürlich auf den Urheber. Hat mich inspiriert.
Achja, Wenn Großessayisten ihren Geist Gassi führen, dann kommt so manches Häufchen raus.
Zitat
 

---Anzeige---