Der Blinddarm – aus Heft 3/2016

jaegerMag es denn auch unbequem sein, mag es selbst Mut, ja Courage erheischen, wird man es dennoch einmal aussprechen dürfen: Unsere (!) Demokratie ist keine Wegwerfwindel, sie ist vielleicht sogar deren Gegenteil. Sie will (um im Bilde zu bleiben) wiederaufbereitet, will sozusagen gepampert werden, auch und gerade in diesen Tagen, in denen der Wahrheit ein eisiger Hauch in den Nacken bläst!

Da wird ein Mann landauf, landab – gehässig auf Stehempfängen, »lustig« im Karneval und hämisch von Familienvätern auf dem Sofa, die ihn in den Regionalnews aus dem WDR-Studio Düsseldorf wiedererkennen – »der Blinddarm« genannt! Nicht irgendein Mann, sondern der ordentlich bestallte Minister des Innern und der Kommunalaufsicht eines unserer größten und schönsten Bundesländer, eine respektable Erscheinung, um die 1,90 Meter lichte Höhe, das Haupthaar rot wie die Abendsonne, klares, ehrliches, offenes Gesicht, keine Schuppen, kaum Ohrenschmalz, warmer, kräftiger, trockener Händedruck: Ralf Jäger. Ein Blinddarm?

Eine untadelige bundesrepublikanische Vita schmückt diesen Mann, fern der unsäglichen K-Gruppen, der RAF-Sympathisanten und des Steinewerferklüngels (alles heutzutage leider ministrable Biografien): Ausbildung zum Ladenschwengel, Pharmavertreter, Pädagogikstudium (abgebrochen), Ochsentour durch den SPD-Unterbezirk und sämtliche Gremien. Dann beschloss er, sein Leben restlos dem Gemeinwohl zu widmen und Politiker zu werden. Am liebsten ohne Diäten, Gehalt und Pension, aber wenn es denn sein muss, auch mit.

Fünfundfünfzig ist er heute, gereift in manchem Gefecht um einflussreichere Positionen und um Direktmandate bei schwindender Wahlbeteiligung, versiert im »Pflegeberuf« eines Demokratie-Pflegers, eines Menschen-Verstehers! Von der Knöllchenvergabe und dem Pinkelregime bei Volksfesten über die V-Leute des Verfassungsschutzes, den Vollzug der Nachtruhe im Flüchtlingslager bis zur Terrorabwehr hat er praktisch alles am Hals, was 18 Millionen Menschen (so viel, wie es einmal Ossis gab!) abends beruhigt zu Bette gehen lässt. Ralf Jäger – ein Blinddarm?

Der Blinddarm des Mannes ist nicht sein Johannes, sondern ein funktionsloses, zuweilen gefährlich nutzloses Organ, das bei Phlegmasie behände extrahiert werden muss. Man nennt es auch Wurmfortsatz, von dem aus man zu »Wurm« gelangt. Ralf Jäger – ein Wurm! Ein Wurm, der in den OP-Abfall gehört!

Der Minister, sagt die Opposition, habe fünf Jahre lang im Amt nur Unheil angerichtet, er sei entweder verantwortungslos oder schlicht zu dumm für den Job. Aber seit voriger Woche sagt sie gar nichts mehr, braucht sie nicht. Es reicht ihr, dass »der Blinddarm« in der Welt ist.

Wie »der Blinddarm« in die nordrhein-westfälische Welt kam, das ist eine sonderbare Geschichte, voller mutwilligen Missverstehens und missbräuchlich vorgetragener Empörung: Angesichts des ungeheuerlichen Vorwurfs, er habe nicht gehandelt, sondern im Gegenteil sorgfältig unterlassen, als marokkierende Knaben Kölnerinnen auf der Domplatte prioritär an die primären Geschlechtsteile langten, sagte der Minister – sachlich und der Wahrheit zugeneigt, wie die Eliten es schätzen: Die Gesundheitsministerin könne ja auch nicht eingreifen, wenn ein Blinddarm entfernt werde. Und? Kann sie etwa? Nein, kann sie nicht und wieder nicht!

Eine feministisch-metrosexuelle Meute, die immer (wahrscheinlich über soziale Netzwerke) zusammeneilt, wenn irgendwo Milch verschüttet, ein Eichhörnchen gehäutet, ein Schwein gekeult oder eine Mädchenbrust pars pro toto der gesamten Mädchenpersönlichkeit gelobpreist wird (siehe »positiver Rassismus«), fühlte sich schlagartig und stellvertretend für alle Frauen von Wladiwostok bis zum Kap der guten Hoffnung mit einem Blinddarm verglichen: Wir, die Geschändeten von der Domplatte, sind doch keine Wurmfortsätze! Darauf muss man erst mal kommen. Trotz all dem war der Minister erleichtert, dass er vom Manuskript abgewichen war und also nicht gesagt hatte: »Der Minister für Verteidigung kann ja auch nicht eingreifen, wenn die Luftwaffe islamistische Horden bombardiert.«

Inzwischen spricht Herr Jäger fast jeden Tag ein populäres Thema an (Fleiß bescheinigen ihm gern bitterbös auch seine Gegner). So äußert er Unverständnis, dass die Männer der Bürgerwehren Quarzhandschuhe gegen die Kälte tragen, mit denen man leicht Nasen brechen kann. Auch dass die Bürgerwehren in seinem Regierungsbezirk mit dem Mannschaftsbestand von Hooliganformationen identisch sind und bei ihren Razzien (sogenannte »Kontrollspaziergänge«) die Einteilung der männlichen Bevölkerung in arisch und nichtarisch bevorzugen, will ihm nicht ganz einleuchten. Aber was er auch tut oder unterlässt – es hilft nichts. Man schiebt ihm Schmutz vor die Ministeriumspforte.

Seit Anfang Januar behaupten sie, er habe in der Silvesternacht durch eine WE-Meldung (»Wichtiges Ereignis«) seiner Gewährsmänner auf der Domplatte Kenntnis davon gehabt, dass es dort just betont körperlich zugehe. Nein, diese Kenntnis hatte er nicht, sagte Jäger, seine Polizei sei zu feige gewesen, ihm, dem Chef, reinen Wein einzuschenken, so habe er eben bis weit nach Mitternacht Champagner schlürfen müssen. Zum Beweis hat er nicht nur die leeren Flaschen vorgewiesen, sondern auch seinen Polizeichef entlassen (das tut man doch nur, wenn man ein reines Gewissen hat). Dann ein mutiger Schritt, ein politischer Geniestreich! Um den Bösmeinenden vollends die Mäuler zu stopfen, las er vor dem Landtag bewusste WE-Meldung vor. Nur leider war er vor Aufregung mit den Äuglein in der Zeile verrutscht und hat einen Satz übersprungen, nämlich den, der feststellt, dass soeben eine 19-Jährige vergewaltigt wurde.

Bewundernswert, wie die Hannelore, seine Ministerpräsidentin, zu ihm steht! Sie weiß, was sie ihrem tapferen Minister schuldig ist. Denn besagte WE-Meldung (»alles ruhig«) hat Jäger in der Nacht – ganz rückversichernder Unterstellter – auch an sie weitergeleitet. Sie war daraufhin so sediert, dass sie erst am 4. Januar überhaupt ihre Sprache wiederfand.

Es ist skandalös, dass ein so eloquenter, spritziger Plauderer und Charmeur wie Ralf Jäger von der Meute gezwungen wird, sich nur noch spröde zu äußern. »Ich werde jeden Pflasterstein umdrehen «, und: »Ich werde nichts unter dem Teppich kehren«, nölt er wie ein überforderter Facilitymanager.

Nach dem Büro-Frühstück entschuldigt er sich jeweils bei den Opfern »für die Fehler, die die Polizei gemacht hat«, und kurz vor Feierband gibt er, wie einer, der seine Amnesie bekämpft, den Satz zu Protokoll: »Meine Aufgabe als Innenminister ist es, alles, was in meiner Macht steht, dafür zu tun, dass sich solche Taten nicht wiederholen.«

Doch halt, kürzlich war er noch mal locker, Bild berichtete: »Während an Karneval Polizeischüler als letzte Reserve in den Einsatz geschickt werden, plant der Innenminister eine Polonaise.« – Er hatte seinem ganzen Ministerium Dienstfrei und Remmidemmi spendiert. Der Blinddarm gab eine Sause!

Hoffentlich ist er katholisch. Da hilft ihm vielleicht der alte Pfaffenspruch: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand

Mathias Wedel

 

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