Timeline statt Deadline – aus Heft 2/2016

»Wer schreibt, der bleibt!« – Seit der Mensch denken kann, hat er öffentliche Toilettentüren mit seinen Gedanken und Fantasien in der Hoffnung verunziert, sich dadurch unsterblich machen zu können. Die digitale Weiterentwicklung dieses von den Psychologen »Pharao-Syndrom« genannten Charakterzugs sind soziale Internet-Plattformen. Jedes Schweinekotelett wird dort zum Wohle der Allgemeinheit gepostet, jedes animierte GIF geteilt, um sich ein Denkmal für die Nachwelt zu setzen. Doch viele User, die ja oft auch nur Menschen sind, fragen sich: Was geschieht wirklich mit meinen Daten nach dem Tod?

Da die Branchenriesen außer unbegrenzter Speicherkapazität nicht viel zu bieten haben, fürchten sie, dass ihre Schäfchen abwandern und sich im Angesicht des ewigen Log-outs wieder den Ersatzreligionen zuwenden könnten. Facebook plant deshalb den neuen Dienst New In Graveyard (NIGY). Dieser wird das Profil des Nicht-mehr- Users nach dessen Tod analysieren und mit Hilfe komplexer Algorithmen in der Lage sein, das Leben des Ablebers heuristisch weiterzuführen, sprich, Minions-Filmchen zu teilen, Fotocollagen mit dem Portrait des Eingeäscherten vor dem Louvre, in der Pizzeria um die Ecke oder im Weltall einzustellen und den Freundeskreis durch eine noch effizientere Like-Rate zu vergrößern. Facebooks griffiger Werbeslogan für NIGY: »So nice! – Du wirst dich totärgern, dass Du das nicht mehr erlebst!« Offen ist lediglich noch die Finanzierung des Dienstes, da die potentiellen Werbekunden skeptisch sind, was die Kaufkraft des Toten betrifft.

Der Versandhändler Amazon weiß, wie man an die Asche der Verstorbenen kommt: Er nutzt den Umstand, dass das nach dem Tod weiterhin aktive Facebook-Profil, dem Arbeitgeber oder Rententräger signalisiert: Diese Person ist noch am Leben, muss also weiterhin Geld erhalten. Und dieses steht für Einkäufe zur Verfügung, sofern der Kunde vor seinem Ableben die Last-Klick-Einstellung aktiviert hat. Damit er mächtigter Amazon, die gesamte Liste der Produktvorschläge, die ihm im Laufe der Zeit gemacht wurden, nach und nach abzuarbeiten, die Produkte zu liefern und den Preis abzubuchen. Der Kunde kann dabei selbstverständlich frei wählen, ob die Pakete zu ihm auf den Friedhof geliefert oder eingeäschert werden sollen.

Auch die deutschen Big-Player im Internet-Geschäft mischen mit. So plant die Deutsche Post ein großes Death Venture mit der Deutschen Bischofskonferenz, wonach die Seelen der Gläubigen nur noch per E-Post-Brief in den Himmel geschickt werden sollen. Da die Seelen ver käufer von der E-Post auch nicht schneller arbeiten als die analoge Post, kann Petrus allerdings bis zum jüngsten Tag auf die versprochene Ware warten. Die Zustellung kann durch den Erwerb einer digitalen Ablasssondermarke zum Preis von allem, was der Verstorbe ne an irdischen Besitztümern an ge häuft hat, beschleunigt werden. Sünder haben es da wesentlich leichter: Sie weht jeder beliebige Shitstorm schon zu Lebzeiten ins Fegefeuer der Eitelkeiten.

Junge Firmen trumpfen mit Neuerungen auf. Das Berliner Start-up-Unternehmen »todschick« zielt auf gut erhaltene Kunden ohne schlimmere Kopfverletzungen. Lassen diese sich mit ihrem Telefon beerdigen, lädt die App So seh’ ich gerade aus automatisch acht Mal am Tag ein aktuelles Selfie – versehen mit der Signatur: »Aus meiner Gruft gesendet« – auf sämtliche Internetprofilseiten des Verstorbenen. Die Hinterbliebenen können diese Bilder per Ashtag kommentieren oder bei Bet and Win Livewetten darauf abschließen, ob beim nächsten Bild endlich die Haut aufplatzt oder der Smartphone-Akku seinen Geist aufgegeben hat.

Online-Partnervermittlungen wie Corpseship (Slogan: »Alle paar Minuten stirbt ein Mitglied auf Corpseship – sei auch du dabei!«) wollen den Zahn der Zeit nicht verschlafen. Hier wird man über den Tod hinaus den Begleiter fürs ewige Leben finden können. »Verstorbene wirken auf viele Menschen besonders anziehend. Sie schnarchen und rauchen nicht, kennen keine Wider worte und lassen niemals die Zahnpastatube offen herumliegen«, erklärt Hilke Seelenfried vom in Berlin ansässigen Internetportal Elite-Zombie – Kadaver mit Niveau. Da die Bandbreite der Charaktereigenschaften der meisten Mitglieder von »still und boden stän dig« bis hin zu »spröde und etwas steif« reicht, und die Hobbys Chillen und Verwesen die Mehrzahl der Mitglieder eint, bietet Elite-Zombie eine Geldzurück-Garantie für jeden, der keine passende Seelenverwandtschaft findet. »Bis jetzt jedenfalls«, so Hilke Seelenfried, »hat sich noch keiner beschwert.«

Noch nie war es so schön wie heute, tot zu sein. Doch bis die gesetzlichen Voraussetzungen vollkommen ausgereift sind, kann es noch ein oder zwei Jahre dauern. So lange empfiehlt es sich, für den Fall der Fälle untenstehende Patientenverfügung auszufüllen und ständig bei sich zu tragen, damit es nicht plötzlich heißt: Deadline statt Timeline.

Michael Kaiser / Gregor Füller

 

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