Der grün-schwarze Hybrid – aus Heft 2/2016

kretschmannWer Winfried Kretschmann verstehen will, muss ihm in der Kirchenchorprobe in Sigmaringen-Laiz auflauern.Wenn Dienstagabend ist, lässt Deutschlands erster grüner Ministerpräsident alles stehen und liegen, auch die junge Fahrradfahrerin, die sein Chauffeur mit dem Daimler 500 Plugin Hybrid an der roten Ampel gerade umgekarrt hat, um nicht zu spät zu kommen. Denn nichts hasst sein Chef mehr als Unpünktlichkeit.

Wenn er das Probelokal betritt, empfangen ihn seine Sängerkameradinnen und -kameraden immer noch fast so, als wäre er einer von ihnen. Ein Knicks hier, eine Verbeugung da, nach wenigen Minuten haben sich alle wieder erhoben, und es kann losgehen. Voller Demut hat sich Kretschmann in die letzte Reihe gestellt, seine weiße Kopfbürste überragt trotzdem alle. Die aufgerichteten Haarspitzen, die aus seinem ungeheuren Schädelklotz sprießen, ersparen dem Chor die Stimmgabel. Erst wenn sie gleichmäßig vibrieren, wissen die Sänger, dass sie den richtigen Ton getroffen haben. Kretschmanns Spezialität ist der gutturale Gesang. Im Chor haben sie dem ehemaligen Oberministranten und passionierten Bedenkenträger sogar eine eigene Tonlage geschaffen: das Kretsch-Moll.

Wer Winfried Kretschmann verstehen will, muss genau hinhören. Denn der Mann ist chronisch heiser, so heiser, dass ihm seine politischen Gegner im letzten Wahlkampf Krankheiten, Altersschwäche und Teufelsbesessenheit angedichtet hatten. Genützt hat ihnen die Flunkerei nichts. Der Schwabe mit den verharzten Stimmbändern hat im Mai 2011 triumphiert und Baden-Württemberg aus tausendjähriger CDU-Knechtschaft befreit. Welch ein politisches Beben!

Noch immer ist unklar, ob damals Fukushima den Grünen-Sieg ausgelöst hatte oder umgekehrt. Jedenfalls hätte im Vorfeld niemand – also eigentlich jeder bis auf die Meinungsforschungsinstitute – das Wunder von Stuttgart für möglich gehalten, am allerwenigsten Kretschmann, der immer bescheidene Triumphator aus dem Schrebergarten von nebenan.

Am 13. März sind Neuwahlen. Wozu, fragen sich viele Badener, Württemberger und Trollinger. Das fragen sie sich vor jeder Wahl. Doch diesmal sind sie mit ihrem Herrscher noch zufriedener als sonst. In Umfragen kommt ihr »Winnie«, den viele aufgrund seiner mütterlichen Fürsorge und seines Vornamens mit Winnie Mandela vergleichen, auf 72 Prozent Zustimmung.

Er ist einer von ihnen, singt im Kirchenchor, schwätzt Schwäbisch, schießt im Schützenverein, scheißt im Sitzen. Was viele in der rabenschwarzen Bevölkerung in den vergangenen fünf Jahren verdrängt haben: Kretschmann ist immer noch Grüner. Doch das soll sich jetzt ändern. Zum Wahlkampfauftakt hat der Ministerpräsident in einer umjubelten Rede seiner Partei einen neuen Namen verliehen: Die Grünen sind jetzt die »Baden-Württemberg-Partei«. »Kein Christ, der bei mir das Kreuz macht, soll sich mehr schuldig fühlen müssen«, sagt Kretschmann, hüstelt und wirft sich zwei Lutsch pastillen mit Weihrauchgeschmack ein.

Wer Winfried Kretschmann wirklich verstehen will, muss in die Vergangenheit reisen. 1948 wird »Klein Winnie«, wie ihn niemand nennt, als Sohn zweier im Moment der Zeugung bereits verheirateter Eltern geboren, worauf er viel Wert legt, obwohl er sämtliche alternative, auf Zwanglosigkeit basierende Paarungsformen ausdrücklich gutheißt. Zum Zeitpunkt der Geburt gilt Kretschmann noch als politisch weitgehend desinteressiert.

Nach dem frommen Wunsch des Vaters soll er Pfarrer werden. Doch der rebellische Erstgeborene widersetzt sich und entscheidet sich noch in der Wiege für ein Lehramtsstudium, wie sein Vater. Während des Studiums schließt er sich einer kommunistisch-sodomitischen Teufelsanbetersekte an, aus der schließlich die RAF, der IS und die Grünen hervorgehen. Die Mitgliedschaft hat er später als »fundamentalen politischen Irrtum« bezeichnet. Dagegen hat er zu seiner Lehrer-Vergangenheit lange geschwiegen.

Heute sagt er: »Da müssen wir gar nicht lang drum rum reden, das bleibt natürlich ein Schandfleck in meiner Biographie.« Eine Reue, die zwar spät, aber von Herzen kommt.

Wer Winfried Kretschmann mal so sehen will, wie er wirklich ist, muss ihn bei sich zu Hause besuchen. Sobald er die Tür hinter sich zuzieht, legt der Sohn ostpreußischer Flüchtlinge das Schwäbisch wie einen nassen, stinkenden Anorak an der Garderobe ab und spricht astreines Hochdeutsch. Wenn er seiner Frau Gerlinde nicht gerade die Pudelfrisur richtet, verbringt das Sigmaringer Traumpaar jede freie Minuten in der Natur. Mal waten sie durch geschützte Moore, mal pflücken sie seltene Blumen, mal jagen sie vom Hochsitz aus Rehkitze und Wanderer. Hauptsache Natur. »Ich weiß nicht, was ich ohne Natur machen würde«, sagt Kretschmann, »wahrscheinlich würde ich den ganzen Tag lockenwickeln und irgendwann durchdrehen.«

Oder er würde häufiger zum Schießen gehen. Das Kleinkaliber ruht auf seinem abgestützten Arm. Kein Zittern, kein Zucken. Der Übergang von Körper zu Gewehr erscheint fließend. Der Sigmaringer Oberschützenmeister hat seinem prominentesten Vereinsmitglied das neue Premium-Modell anvertraut, eine uneigennützige Spende von Heckler und Koch. Kretschmann versucht, den roten Laserpunkt in der Mitte der Zielscheibe zu fixieren. Dann drückt er ab. »Nicht ganz in den Schwarzen«, sagt er, als er den Streifschuss am rechten Ohr des fotokopierten Guido Wolf begutachtet. Sein Grinsen lässt offen, ob er absichtlich daneben gezielt hat. Guido Wolf ist der Spaßkandidat der Landes-CDU und in seiner ganzen Erscheinung der Anti-Kretschmann.

Hier der Hofnarr Wolf, dort der Staats- und Kretschmann; hier der Zwerg, dort der Hüne; hier der Pumuckl, dort der Meister Eder. Wenn Konservative könnten, wie sie wollten, würden sie den Eder wählen.

Mit der CDU, der Partei der Wasserwerfer und Tunnelverbuddler, hat Kretschmann längst seinen Frieden geschlossen. Nun, wo er der Baden-Württemberg-Partei vorsteht, sind Grüne und Schwarze ohnehin keine Gegner mehr, sondern Teile eines gemeinsamen Ganzen, das seine Inkarnation im real existierenden Übervater Kretschmann findet. Neuerdings ertappt auch er sich immer häufiger bei der Frage: »Wahlen, Wahlen, wozu eigentlich noch Wahlen?« Während er laut nachdenkt, erinnert ihn manchmal ein Alt-Grüner von den Ewiggestrigen an die »Politik des Gehörtwerdens«, die sie sich vor der letzten Wahl auf die vermotteten Fahnen geschrieben hatten. Der Chef der Baden-Württemberg-Partei meint dazu: »Gehörtwerden, gehörtwerden – hör mir bloß auf damit.«

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#2 Böhme 2016-01-29 15:49
Liebe Redaktion, ehrlich gesagt war ich über Horst Seehofers Porträt (Der Obergrenzer) doch traurig. Er, der Seehofer, in der Großen Koalition der Bösewicht - das passt in meine Weltanschauung nicht!
Da ist das Porträt über Kretschmann, so finde ich, doch viel lustiger!
Das Vokabular über seine Gesangskünste konnte nicht besser gewählt werden. Ja, so hätte das auch unser Dieter auf den Punkt gebracht.
Weil wir hier aber nicht in "Deutschland sucht den Superstar" sind, denke ich, dass Kretschmann mit seiner Singerei, so bescheiden wie er ist, lediglich signalisieren will, was für ein guter Mensch er ist. Wie sagt doch der Volksmund so schön: "Wo Gesang und Musike ist, da lass dich nieder! Nur böse Menschen haben keine Lieder!" ...
Und die 72% Zustimmung bei den Umfragewerten, geben ihm da recht.
Zitat
 
 
#1 Böhme 2016-01-24 13:45
Liebe Redaktion,

über Horst Seehofers Porträt "Der Obergrenzer", war ich ehrlich gesagt doch traurig. Er, der Seehofer, mein ganzer Stolz Bayerns, in der Großen Koalition als Bösewicht - Das passt ganz einfach in meine Weltanschauung nicht!
Das Porträt über Kretschi, so finde ich, ist da doch sehr viel lustiger.
Das Vokabular zur Umschreibung seiner Gesangskünste konnte nicht besser gewählt werden.
So hätte das auch unser Dieter auf den Punkt gebracht.
Ich denke mir, das Kretschi mit seiner Singerei, so bescheiden wie er ist, lediglich signalisieren will, was für ein guter Mensch er ist.
Denn wie heißt es so schön: "Wo Gesang und Musike ist, da lass dich nieder! Nur böse Menschen haben keine Lieder!" ...
Und die 72%, die er an Zustimmung bei den Umfragen erreicht, geben ihm recht.

MfG Sandor Böhme
Zitat
 

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