Falten im Zentralmassiv - aus Heft 2/2011

Auf eine Cohiba mit Arnold Schwarzenegger

Wenn Österreicher ihre Heimat verlassen und im Ausland eine politische Karriere anstreben, stellen sich beim friedfertigen Teil der Weltgemeinschaft schon mal die Nackenhaare auf. Als Arnold Schwarzenegger zu Kaliforniens größtem Gouverneur aller Zeiten gewählt wurde, war das anders. Ein Erdbeben der Entzückung rollte von San Diego bis zum Upper Lake, weil nun endlich einer da war, der nicht das übliche Politikergeschwurbel verzapfte, sondern oft genug schon bewiesen hatte, dass man auch mit Halbsätzen seine Endziele erreichen kann. Im Laufe seiner siebenjährigen Amtszeit schmolzen die Hoffnungen jedoch wie eine Titan-Legierung im Hochofen. Nicht einmal neue Highways ließ der Österreicher bauen. Unser Korrespondent Florian Kech traf den scheidenden Gouverneur.

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In Sacramento modert alles vor sich hin. Über den Häusern kreisen mexikanische Aasgeier, die die Grenze ohne Visum überqueren konnten. Einzig die Wiener Schnitzel im Schaufenster einer verwaisten Metzgerei leuchten in unverschämtem Rosa, weil inzwischen selbst die kalifornischen Maden unter akuter Austrophobie leiden und nichts mehr annagen, was aus dem Alpenland stammt. Eins muss man Schwarzenegger lassen: Wenn er was anpackt, macht er keine halben Sachen. Er hat den Goldenen Staat Amerikas in rekordverdächtiger Zeit zu einem postapokalyptischen Schattenreich heruntergewirtschaftet, in dem die Bevölkerung mit TV-Sendungen,in denen Jagd auf Menschen gemacht wird, bei Laune gehalten wird. Man hat mir versichert, dass er sich noch in der Stadt aufhält. Aus der Entfernung sehe ich, wie hinter dem State Capitol weißer Rauch aufsteigt. Hat sich nicht auch sein Landsmann einst im Innenhof flambieren lassen, nachdem die ganze Welt um ihn herum in Schutt und Asche lag?

Wenig später stehe ich mit einer gewissen Erleichterung in Schwarzeneggers Raucherzelt. Er lebt und nuckelt nachdenklich an seiner Zigarre. Auf seinen Armlehnen ruhen zwei griffbereite Panzerfäuste. Doppelte Vorsicht ist bekanntlich die Mutter des Humidors.

Mit einem einladenden Wink mit der Panzerfaust bittet mich der Gouverneur, Platz zu nehmen. Auf dem Glastisch wartet eine Cohiba darauf, von mir in einen sündhaft teuren Cognac getaucht zu werden. Aus Respekt vor den Landessitten und Schwarzeneggers enormen Bizeps trachii verschweige ich, dass ich eigentlich militanter Nichtraucher bin und über meinem Bett einen lebensgroßen Starschnitt von Sebastian Frankenberger hängen habe.

Insgeheim bewundere ich den Mut dieses Selfmademan. Beeindruckend, wie er das strengste aller denkbaren Rauchverbote ebenso kühn umgeht wie das auch für Zigarren geltende Wirtschaftsembargo gegen Kuba. – Aber was sollte ihm schon geschehen? Folter? Kindergartenkinder? Der Schlangenkultführer Thulsa Doom? – Lächerlich.
Alles an diesem Mann ist quadratisch, praktisch, überdimensional. Sein Quadratschädel hat das Format eines Ambosses und sein monströser Körper das Ausmaß eines alpinen Zentralmassivs, dessen Gletscher langsam Falten und Altersflecken bekommen.

Wer fasziniert wie ich die tanzenden Möpse unter seinem eng anliegenden Anzug beobachtet, erkennt jedoch sehr schnell, dass Schwarzenegger auch über einen bestechenden Intellekt verfügt. Doch wieso ist sein Staat dann pleite? Fakt ist, nach sieben Jahren Schwarzenegger haben sich die Schulden in Kalifornien vervielfacht. Mindestens! Manche sprechen vom Griechenland der Vereinigten Staaten. Als ich ihn darauf lieber nicht anspreche, schmunzelt er wissend. »Griechenland ist doch ein wundervolles Land«, sagt er. »Es hat so großartige Menschen wie Platon oder Rehhagel hervorgebracht. Im Übrigen ist Geld nicht alles im Leben, weshalb ich während meiner Amtszeit auf ein Salär komplett verzichtet habe. Dass die Lehrer und Krankenschwestern im Land trotz mehrfacher Aufforderung nicht bereit gewesen sind, meinem Beispiel zu folgen, beweist deren spätgriechische Dekadenz.« Schwarzenegger macht man nichts vor, er hat seinen Milton Friedman nicht nur gelesen, sondern dessen letztem Schmöker sogar noch ein Vorwort über das Leistungsprinzip in der Muckibude angefügt.

»Zwei Dinge habe ich gelernt«, sagt er und rückt seinen Adductor longus zurecht. »Erstens, dass gegen unsichtbare Panzerwesen aus dem Weltraum mit einer Uzi wenig auszurichten ist, und dass man sich zweitens als schwangerer Kerl niemals auf Danny de Vito verlassen darf. Von diesen Einsichten habe ich als Gouverneur unheimlich profitiert.«

Trotzdem muss er sich einem weiteren Vorwurf aussetzen – nicht gerade von mir, der ich gebannt auf seinen Gluteus maximus starre, aber allgemein –: dass er kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt zwei Häftlinge begnadigt hat, bei denen es sich zufälligerweise um Sprösslinge enger Spezl handelte. »So ein Blödsinn!«, ächzt Schwarzenegger und stößt wie ein brodelnder Vulkan die zähe Rauchfontäne seiner Cohiba aus. Für die folgenden Minuten gleicht das Raucherzelt einer kalifornischen Gaskammer. Wer von den beiden Begnadigten spreche, beginnt er zu rechnen, dürfe von den zwei Dutzend Hinrichtungen unter seiner Ägide nicht schweigen.

Die Zahlen sprechen für Schwarzenegger, der mit Schulungen und Trainingskursen dafür gesorgt hat, dass in Kalifornien die bestqualifizierten Henker weltweit ihren Dienst verrichten. »Wer hier die Todesspritze verabreicht bekommt, kann sich glücklich schätzen«, erklärt er. Solche Errungenschaften werden gerne übersehen oder dem Gouverneur sogar noch übel genommen, wie ausgerechnet in seinem Heimatland, wo aus Protest gegen Arnies Vollstreckungseifer das Grazer Arnold-Schwarzenegger-Stadion kurzerhand den Namen wechselte. Der verstoßene Sohn übt sich in Gelassenheit: »Mir doch wurscht! Wenn sie daheim für verurteilte Hallodris so ein großes Herz haben, sollen sie den Bunker meinetwegen Josef-Fritzl-Stadion nennen!«

Immerhin auf einem Feld erntet Schwarzenegger einhellig Anerkennung. Kurz nachdem er seine zweite Amtszeit angetreten hatte, verkündete er ehrgeizig, der Klimaerwärmung eine Abreibung zu verpassen, von der sie sich nicht mehr erholen werde. »Durch die entschlossene Senkung des Wohngeldausstoßes für Bedürftige sank die Durchschnittstemperatur in einer typischen kalifornischen Zweizimmerwohnung um sagenhafte 50 Prozent«, prahlt er. Obwohl er nicht in den USA geboren wurde, hat Schwarzeneggerseinen Traum vom Einzug ins Weiße Haus längst nicht abgeschrieben. Und wer sollte ihn stoppen? Der medialen Erziehung seiner Kinder zuliebe will er sich aber vorerst wieder dem Filmgeschäft widmen.

»Nach den Erfahrungen als Gouverneur fühle ich mich endlich bereit, ins Charakterfach zu wechseln«, sagt Schwarzenegger hoch inspiriert und entlastet seinen Latissimus dorsi, indem er sich zu mir beugt. »James Cameron«, flüstert er, »hat mir bereits eine Rolle auf den Leib geschneidert: Ich als feinfühliger John F. Kennedy, der aus dem Jenseits wiederkehrt und der Geschichte eine neue Wendung verleiht, indem er unterm Rücksitz eine Panzerfaust hervorzieht und damit den Häuserblock, aus dem Oswald die Schrotflinte auf mich richtet, treffsicher zusammenbröselt. Super Plot!«
Ab irgendwann in den Kinos.

Florian Kech
Zeichnung: André Sedlacze
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