Die Alaafghanen kommen – aus Heft 1/2016

Das Problem ist lange verdrängt worden: Weil Turnhallen mit Flüchtlingen belegt sind, stehen viele Faschingsveranstaltungen vor dem Aus. Ein Glücksfall, werden die meisten denken, allerdings übersehen sie dabei die verheerenden Folgen. Betroffene Narrenzünfte wollen auf unschuldige Nachbargemeinden ausweichen, wo die Hallen meist auch schon voll sind. Die Not ist so groß, dass die vertriebenen Jecken selbst vor Landesgrenzen nicht haltmachen. In protestantischen Regionen geht die Angst um. Und ganz Deutschland fragt sich: Wohin mit den Narren?

»Isch hob nüscht gegen Jecken«, sagt Claudi R. (atheistisch-evangelisch), »ober missen die ausgerechnet zu uns gommen?!« Die Stimme der im Prinzip weltoffenen Weischlitzerin klingt brüchig, wie bei jemandem, dem die Kehle durchgeschnitten wird. Weischlitz ist Sachsens Tor zur Hölle respektive Bayern. Seine Grenznähe droht dem stillen Örtchen mit der unbelegten Turnhalle jetzt zum Verhängnis zu werden.

Claudi R. arbeitet im Weischlitzer Rathaus und ist zuständig für die Hallenbelegung. Seit November klingelt bei ihr ununterbrochen das Telefon, Anrufer melden sich mit unbekannten Vorwahlen und fremden Dialekten. »De sprechen noch ni mal ’n anständsches Deutsch«, sagt sie auf gut Deitsch. Die ersten Anfragen kamen aus dem katholischen Franken, von den Sulzfelder Sauhexen, den Rimparer Rotzteufeln und den Veitshöchheimer Faschingsfotzen. Sie alle wollten dasselbe: die Weischlitzer Turnhalle reservieren, für einen Abend oder länger. Nach Rücksprache mit ihrem Bürgermeister (»Wir jecken das!«) sagte Claudi R. zunächst allen Narren zu, nicht ahnend, was für eine »Lawine« (Wolfgang Schäuble, evangelisch), welcher »Monstertsunami« (Thomas de Maizière, hugenottisch) beziehungsweise was für eine »Kackscheiße« (Stanislaw Tillich, römischhysterisch) da noch auf sie zurollen sollte.

Inzwischen melden sich im Rathaus Vertriebene aus ganz Deutschland: rheinische Jecken, alemannische Narren und hessische Spacken.
Claudi R. weist jede neue Anfrage ab, mit dem höflichen, aber bestimmten Hinweis, die Turnhalle sei ab Anfang Januar bereits überbelegt, am Rosenmontag fänden sogar zwei Prunksitzungen, ein Zunftball und ein Kinderfasching parallel statt. Ein Totschlagargument, sollte man meinen, aber die Narren lassen sich nicht abwimmeln. Die Frage, ob mer se reinlasse will, wird in Sachsen schon längst von den Jecken beantwortet: Immer mehr Karnevalsvereine machen sich auf den Weg ins gelobte Weischlitz. Hunderte Kilometer lange Fußmärsche durch die dunkeldeutsche Provinz nehmen sie dafür auf sich, immer wieder aufgehalten durch den krankhaften Zwang, an jeder Kneipe oder Tanke am Wegesrand einen exzessiven Zwischenstopp einzulegen. Viele schaffen es gar nicht bis nach Weischlitz, bleiben auf der Strecke liegen oder scheitern mit ihren bunten Motto-Booten aus Pappmaché an der Überquerung der Saale. Verunstaltet bis aufs Äußerste (Pappnase, Augenklappe, Clownsmund) ist der Anblick des närrischen Treibguts kaum zu ertragen.
»Mir dun diese Leide ja och leid«, gibt Claudi R. zu. »Das sind ja irgendwie och Menschen. Och wenn man es ihnen ni direkt ansieht.«

Doch wer sind diese »Menschen« wirklich? – Fastnachtsnarren erkennt man daran, dass sie sich ab dem 11.11. im Büro bestenfalls nur durch ihre Fahne bemerkbar machen. Bereits am Nachmittag fangen sie mit dem Kampftrinken an – mit Ausnahme von Heiligabend, da bechern sie schon zum Katerfrühstück. Zwischen Schmutzigem Donnerstag und Aschermittwoch werfen sie schließlich alle zivilisatorischen Mindeststandards über den Haufen, die das Abendland in Jahrtausenden mühsam eingeübt hat. Allerdings erinnern Experten (Jürgen Todenhöfer, Träger des Ordens wider den terroristischen Ernst) immer wieder daran, dass Fastnacht deutlich weniger Opfer auf dem Gewissen habe als George W. Bush.

Gefährlich wird die närrische Bewegung erst, wenn sich ihre Anhänger radikalisieren. Wobei zwischen den verschiedenen Richtungen unterschieden werden sollte. Aus dem friedlichen Karneval wird dann der fanatische Karnevalismus, aus Fasching Faschingsmus. Auch in Weischlitz wird man erst lernen müssen, dass man Anhänger der Fasnacht nicht gleichzeitig mit Anhängern des Karnevals an einem Ort unterbringt. Ein Faschings-Anhänger, der sich beispielsweise als die Strohpuppe aus dem Zauberer von Oz verkleidet, wird von Karnevalisten auch schon mal für den leibhaftigen Nubbel gehalten und angezündet. Der Karnevalismus ist gekennzeichnet durch eine strenge Hierarchie mit kalifähnlichem Zunftmeister oder Präsident und verbindlichem Verschleierungsgebot.

Wer dagegen verstößt, dem werden – je nach Schwere des Vergehens – Hand, Kopf oder Krawatte abgehackt. Höhepunkt für die Karnevalisten südwestlicher Prägung ist die Saalfasnacht, weswegen sie auch als Saalafisten bezeichnet werden. Eine durchschnittliche Sitzung dauert zwischen gefühlten acht und achtzehn Stunden. Zum Pflichtprogramm gehören eine Büttenpredigt, ein selbstmörderisches Männerballett sowie überfallartiger Tusch-Terror. Für Laien endet eine Karnevalssitzung meist tödlich, was den Vorteil hat, dass einem die Zugabe erspart bleibt.

Vor einem Monat hat sich Claudi R. der Ortsgruppe von Pegida angeschlossen, einem untervögelten Männerhaufen ohne Manieren. »Als weiblische Single fühlt man sisch in diesr Gesellschaft sehr gud aufgehoben«, lechzt sie verschmitzt. Die Ortsgruppe hat ihre Kampagne inzwischen der veränderten Bedrohungslage angepasst.

Sie erwägt sogar eine Namensänderung in »Alle gegen die Karnevalisierung des Abendlandes « (Alkaida). Auf ihrer letzten Montagsdemo wurden Plakate mit durchgestrichenen Narrenkappen hochgehalten, an Galgen baumelten ausgestopfte Hansele, und immer wieder skandierten die Demonstranten: »Afghanen statt Alemannen, Kurden statt Kölner«. Auch der Gemeindepfarrer marschierte mit. »Unsere Brüder und Schwestern haben im Reformationskrieg nicht ihr Blut vergossen, damit der Katholizismus auf diese verdammenswerte Weise wieder nach Sachsen zurückkehrt.«

Weischlitz’ Bürgermeister (jüdisch, so munkelt man) will den Narren nach wie vor eine Chance geben, hat aufgrund des öffentlichen Drucks aber Benimm-Regeln aufgestellt. Selbstverständlich auch in der oft holprigen Sprache der Karnevalisten:

»Wenn ihr in uns’re Halle kommt, liebe Leut’, benehmt euch so, dass es uns freut! Ihr könnt bei uns auch gerne feier’, doch geht dem Bürgermeister nicht auf die Eier!«, zitiert er und erklärt: »Die 95 Regeln werde ich demnächst am Turnhalleneingang anschlagen.« Die drei wichtigsten lauten: In Weischlitz wird nicht im Freien gepinkelt (Kacken ist erlaubt, aber nur mit Sondergenehmigung); Gesichter dürfen weder verschleiert, maskiert noch geschminkt werden; das Vergewaltigen von Frauen in der Öffentlichkeit ist verboten. – Die Jecken zeigen sich entsetzt: »Dass unter diesen Umständen kein echter Karneval mehr möglich ist, versteht sich von selbst.«

»Seit die Narren im Ort sind, draud sisch geene Frau mehr auf de Stroße. Is so!«, beteuert Claudi R., die seit Stunden in Lackstiefeln und Perücke vor der Turnhalle herumlungert. »Die solln ja ganz scheen ungezogen sein – erzählt man sisch zumindest. Aber vielleicht ist das och nur een Gerüscht«, sagt sie, »een leeres Verspreschen.« Als Claudi R. in der Dämmerung verschwindet, summt sie unterbewusst das Lied vom durstigen Sultan und der weiterziehenden Karawane.
Selten war Weischlitz seinem Untergang näher.

Florian Kech

 

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