Der Obergrenzer – aus Heft 12/2015

Der ObergrenzerSechshundertachtundvierzig-tausendsechshundertundzwölf!« Das war Horst Seehofers letztes Angebot, dann stand er auf und ging erst mal aufs Klo. Über die Zahl konnte die Olle eine Weile nachdenken. Klare Ansagen zu machen, das war sein Ding. Zuvor war es bei diesem Koalitionstreffen der Parteivorsitzenden zu einem kleinen Disput gekommen. »Wir schaffen das!«, hatte die Kanzlerin verkündet. Seehofer, der genau wusste, wer mit »wir« gemeint war, konterte: »Nein!« Merkel, auch nicht auf den Mund gefallen, sagte: »Doch!« Seehofer hielt konsequent dagegen: »Nein!« Merkel wiederholte: »Doch!« So ging es dann eine knappe Viertelstunde hin und her.

Klar könnte man einen Haufen billiger Arbeitskräfte gut gebrauchen, um die Nord-Süd-Stromtrasse unter die Erde zu legen, dachte Seehofer am Pissoir. Aber die ganzen Stromangelegenheiten waren hier und jetzt zum Glück kein Thema. Für Strom aus der Nordsee, aber ohne Leitungen; für Windenergie, aber ohne Windräder – so schnell wie der Bürger bei dem Thema rotierte, konnte nicht einmal Seehofer seine Meinung ändern. Da waren ihm die Flüchtlinge lieber, dort waren sich alle einig: Die Obergrenze musste her, eine feste Zahl! Und falls die Merkel nicht einlenkte, war er bereit, die Bedingungen für die anstehende Sezession auszuhandeln. Ein eigenständiges Bayern, an der Spitze: er, der Seehofer Horsti, als gewählter König.

Als er vom Klo zurückkam, hielt die Merkel gerade einen ihrer berühmten pointierten Mo no - loge. Der Bürger kannte ja nur die Merkel der vagen Aussagen, die Merkel, die herumlaviert, sich planlos in Substantivreihungen hineinquatscht, die Schultern hochgezogen, das harmlose Muttchen mimend. Niedlich. Dabei konnte sie durchaus ganz anders sein. Hitler hatte im kleinen Kreis ja auch nicht immer rumgebrüllt. Wissen die Wenigsten.

Seehofer nahm Platz und blickte zu Sigmar Gabriel. Der saß nur da, hörte stumm zu – tat zumindest so – und kaute auch schon wieder auf irgendwas herum. Dabei hatte Merkels Assistentin vorhin alles Essbare abgeräumt. Dieser Gabriel, dieser Tausendsassa! Das war einer nach seinem Geschmack: heute hü, morgen hott. Unberechenbar, auch und gerade für die eigenen Leute. Die mussten mit spontanen Kurswechseln immer auf Trab gehalten werden, sonst kamen die auf dumme Gedanken. – »Der Söder, die blöde Sau!«, schoss es Seehofer durch den Kopf. Den hatte er, nachdem er ihn jahrelang protegiert hatte, damals bei seinem Rundumschlag ordentlich abgewatscht: »pathologischer Ehrgeiz«, »charakterliche Schwächen«, »leistet sich zu viele Schmutzeleien«.

Das hatte gesessen. Geweint soll er haben, der Söder, hieß es in dessen Finanzministerium. Die anderen Hasenhirne kamen auch nicht besser weg: »Der Scheuer soll erst mal ein Praktikum in der Politik machen.« Röttgen und Guttenberg: »Glühwürmchen!« Denen hatte er’s gezeigt. Der Seehofer nimmt, der Seehofer gibt, dachte Seehofer. Herrsche und teile, wie der Franz Josef selig gesagt hätte. Auf Lateinisch, versteht sich.

Merkel wandte sich ihm zu. Das Wort »Obergrenze «, sagte sie, könne sie im Zusammenhang mit Asyl einfach nicht verwenden, sie wolle sich auf nichts und schon gar keine Zahl festlegen.

Seehofer drohte abermals damit, die Bundesminister der CSU aus Berlin abzuziehen. Immerhin drei an der Zahl: Alexander Dobrindt, Gerd Müller und noch einer. Die Regierung würde praktisch zusammenbrechen ohne die Expertise dieser drei Fachkräfte, das Land wäre lahmgelegt. Das ist Fakt, rief er. Da konnte der Schäuble sich vor ein paar Tagen hinter vorgehaltener Hand noch so amüsieren und witzeln, dass das Vorhaben, diese drei abziehen zu wollen, genau so sei, als wenn er, der Schäuble, Jogi Löw damit drohen würde, bei der kommenden EM fürs defensive Mittelfeld nicht zur Verfügung zu stehen. Sehr lustig, dachte Seehofer.

Doch dann fiel ihm ein: Schäuble hatte recht. Sein, Seehofers, zur Verfügung stehendes Per - sonal war eine einzige Zumutung. Die eine ließ teure Spielzeugautos billig im Knast produzieren, der andere war zu dämlich, ein Maut-Gesetz nach EU-Recht anzufertigen. Und unwillkürlich wieder der Gedanke: Der Söder, die blöde Drecksau! Ekelhaft! Einfach e-kel-haft! »Na dann halt siebenhundertsiebenundsiebzigtausendvierhundertachtundfünfzig! Allerletztes Angebot«, rief er. Merkel reagierte gar nicht. Hilfesuchend sah er sich um. Noch immer war der Gabriel am Mümmeln. War das eine warme Leberkässemmel? Wo kam die denn her? Der musste irgendwo in seinem Jackett ein Depot angelegt haben. Mit Alufolie oder Thermozeug isoliert. Diese Sozialdemokraten! Vor vielen Jahren, als er sich als Ein-Mann-Opposition innerhalb der CSU einen Namen gemacht hatte, galt er, Seehofer, selbst als Sozialdemokrat. Aufgeregt hatte er sich da. Klar putzte er sich mit einem Desinfektions - tuch die Hände, wenn er Wählergriffel angefasst hatte. Aber so viel Verachtung für einfache Leute, wie sie Sozialdemokraten aufbrachten, konnte nicht mal er erübrigen. Dafür waren ihm die Leute viel zu egal.

»Meinetwegen achthundertneunundneunzigtausendundfünf«, sagte er zu Merkel gewandt. Die verzog angewidert das Gesicht. Also erklärte er kategorisch, was er schon oft erklärt hatte: »Wer betrügt, fliegt! Multikulti ist tot!« Seine Mimik fügte hinzu: Und ich habe es eigenhändig umgebracht. Was dieses Multikulti, dessen Überreste er im Geiste irgendwo in den Ingolstädter Donauauen verscharrt hatte, eigentlich war, hätte auch er nicht genau sagen können. Irgendwas mit Preußen jedenfalls. Denn sein eigentlicher Hass richtete sich meist nur indirekt gegen den faulen Ausländer – der fleißige konnte hier und da durchaus recht nützlich sein, man hatte sich ja nur mal den FC Bayern anzuschauen. In erster Linie richtete er sich gegen die, die ihn, den faulen Ausländer, reinließen. Vor Jahren schon hatte er deshalb verkündet, er werde sich innerhalb der Koalition »sträuben bis zur letzten Patrone«, falls CDU und FDP Zuwanderung in die Sozialsysteme planen würden. Das hatte ein großes Hallo gegeben. Bis zur letzten Patrone! Was für eine Eingebung. Seitdem wurde er von Merkels Bodyguards ausgiebig gefilzt, bevor er in ihr Büro durfte. Das war es wert.

Seehofer versuchte es mit einem anderen seiner Lieblingssätze: »Wir wollen nicht zum eitrigen Furunkel der ganzen Welt werden!« – Merkel schaute irritiert, selbst Gabriel hielt kurz im Kauen inne, dann verbesserte er sich: »Quatsch! Wir wollen nicht zum Sozialamt für die ganze Welt werden. « Zwar hätte nicht mal die Merkel jemals das Gegenteil gewollt, weshalb er sich den Spruch auch hätte verkneifen können, vernünftig klang er trotzdem. Deshalb war er sich auch sicher: So wie er damals das Steuergeschenk für die Hoteliers erfolgreich der FDP in die Schuhe geschoben hatte, genau so konnte er nun, da er genug gezetert hatte, im Anschluss an dieses sogenannte Spitzentreffen jegliche Verantwortung für irgendeine Zahl oder auch keine Zahl weit von sich schieben.

Sorgen um Deutschland hatte er dennoch. Denn es musste schon sehr viel schief laufen in einem Land, dachte Seehofer, wenn ein Meinungsbrummkreisel und Oberhallodri wie er, der Horsti, plötzlich als Stimme der Vernunft galt. Aber ob nun Sechshundertachtundvierzigtausendsechshundertundzwölf oder zwei Millionen mehr, ihm sollte es wurscht sein. Die Wiederwahl auf dem CSU-Parteitag war ihm jedenfalls sicher.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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