Schmiern mer mal – aus Heft 12/2015

Schmiern mer malAuf den ersten Blick ist F. Beckenbauer (Name von der Redaktion gekürzt) ganz der Alte. Er holt aus und schlägt den Ball mit kaiserlicher Eleganz über mehrere hundert Meter direkt vors Loch, wo ihm ein Windstoß aus der Klimaanlage den nötigen Rest gibt. »Die Amerikaner würden jetzt sagen: ein echter Home Run«, sagt er. Was sich andere Golfer nur einmal im Millennium erduseln, gelingt F. mehrmals zwischen den Mahlzeiten.

Triumphe sind seine Routine. Trotzdem genießt er den perfekten Schlag und schlendert andächtig den Kunstrasen ab, so wie 1990 im Stadio Olimpico in Rom, wo er Deutschland zum dritten, sich zum zweiten und Wolfgang Niersbach (»Mein größter Fehler«) zum ersten Mal zum Weltmeister gemacht hatte.

Schaut man etwas genauer hin, erkennt man einen gezeichneten Siebzigjährigen. Die Druckstellen an seinem Knöchel sind immer noch sichtbar. Sie stammen von der elektronischen Fußfessel, die ihm die Fifa während der letzten Weltmeisterschaft angelegt hatte. F. hatte damals in ganz Brasilien Stadionverbot. Nicht einmal zu Hause vor dem Fernseher durfte er das Turnier verfolgen. Sobald er ein Spiel einschaltete, wurde ihm von Sepp Blatter persönlich ein Stromschlag versetzt. An den Spätfolgen leidet er noch heute.

Jedes Mal, wenn ihn jemand auf die WM-Vergaben an Russland, Katar oder Deutschland anspricht, zuckt er unfreiwillig zusammen. Stadionverbot, Fußfessel, Fragebögen auf Englisch – was kann ein einzelner Mensch noch alles aushalten? Seit eineinhalb Jahren wird F. mittlerweile traktiert, ohne jede Beweisgrundlage. Man nennt ihn bereits den Murat Kurnaz des Weltfußballs. Doch während Kurnaz sein Martyrium hinter sich hat, ist bei F. noch lange kein Ende in Sicht.

Im Gegenteil, das Schlimmste steht ihm noch bevor (Grauer Star, Inkontinenz, Tod). Solange die Frage nach den ominösen 6,7 Millionen Euro, die vor dem deutschen Sommermärchen mehrfach das Konto wechselten, nicht restlos geklärt ist, steht F. in Salzburg unter Hausarrest. Die meiste Zeit verbringt er in seiner 6,7-Millionen-Euro-Golfhalle, einer Aufmerksamkeit seines Katarischen Spezl-Scheichs Mohammed Bin Hammam, Cousin des ehemaligen Bayern-Profis Didi Hammam. Der Scheich darf an diesem Novembermorgen mitgolfen, mit mäßigem Erfolg.

»Nimm halt amoi den Turban ab, Mohammed «, empfiehlt der Hausherr, der einarmig ausholt und erneut ein Hole-in-one schlägt. »Hobts des gsehn?«, fragt er in Richtung seiner beiden jüngsten Söhne, die reserviert Beifall klatschen. Man merkt ihnen die Verunsicherung an. Bis vor wenigen Monaten war für sie ihr Vater noch ein ehrlicher Fußball-Mafioso, der über jeden Zweifel erhaben ist; inzwischen sind sie sich da nicht mehr so sicher und tun das, was F. nie getan hat. Sie fragen Papa, was er von all den Sauereien, die im Namen des deutschen Volkes begangen worden sind, wusste. F. nimmt seinen Buben die Neugier nicht übel (»Schleichts euch!«) und versucht, ihnen den komplizierten Sachverhalt geduldig zu erklären (»Ja gut, äh …«).

F. ist jetzt nach Sauna zumute. Er führt seine Gäste durch einen vierhundert Meter langen Flur.
»Irgendwo müssen die ganzen Auszeichnungen ja hängen«, erklärt er. Vierhundert Meter F. Beckenbauer – ein endloser Boulevard des Erfolges. Medaille reiht sich an Medaille, Urkunde an Urkunde.
»Auf die zwoa bin ich besonders stoiz«, sagt er und deutet auf drei Goldrahmen. Darin eingefasst sind die Scheidungsurkunden von Brigitte und Sybille. Der dritte ist noch leer. Dazwischen hängen zahllose Fotos mit alten Weggefährten. F. posiert mit Pablo Escobar, wird von Pol Pot geherzt und hält mit Osama Bin Laden den Ball hoch. »Das war 1999 im Ghazi-Stadion in Kabul, in einer Halbzeitpause.
Glaubts aber ja net, dass die dort Fußball gspuit ham.« F. schüttelt schmunzelnd den Kopf. »Echte Hitzköpf san des, net weniger fanatisch als der Uli.« Es gibt aber auch Begegnungen, die ihm im Nachhinein wirklich unangenehm sind. »Des war ein Fehler«, räumt er vor einem Foto ein, das ihn zusammen mit dem DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach zeigt.

Als F. die Tür zur Sauna aufstößt, muss er feststellen, dass sie schon belegt ist. Hinter einer triefenden Zottelmähne verbirgt sich Goleo, wie immer unten ohne. »Das Vieh ist das Einzige, was mir vom Scheißsommermärchen noch geblieben ist«, sagt F. Es war Teil der Vereinbarungen mit der Fifa, dass er als damaliger OK-Präsident das WM-Maskottchen nach Ablauf des Turniers bei sich aufnimmt. Ferner soll F. für den Unten-ohne-Löwen eine Bürgschaft von geschätzten 6,7 Millionen Euro übernommen haben. »Schau, dass du Land gwinnst!« Beschämt zottelt Goleo davon. »Und a Handtuch hat er a wieder net benutzt, der Dreckbär.«

F. weist sein Dienstmädchen an, die Tierhaare von der Saunabank zu entfernen. »Gerne, Master Franz«, sagt es. Swetlana sei eine Aufmerksamkeit eines Kreml-Spezl. »Aber nicht, dass jetzt wieder einer was über Sklaven schreibt«, kommt er auf eine alte Diskussion zu sprechen. Er beteuert erneut, auf den WM-Baustellen in Katar keine geschundenen Arbeiter gesehen zu haben. »In meinem ganzen Leben bin ich nur einem einzigen Sklaven begegnet«, versichert F., »und das war Katsche Schwarzenbeck. Der hat sich im Übrigen nie darüber beklagt, für mich die Drecksarbeit zu erledigen.«

Nach einem unentgeltlichen Ratschlag an den Scheich (»Nimm halt amoi den Turban ab, Mohammed!«), spricht F. in der Sauna plötzlich ganz offen. Diese ständigen Enthüllungen, momentan komme er sich vor wie ein nackter Kaiser, sagt er. Natürlich sei in seiner Karriere nicht alles sauber gelaufen. Er erinnert an die Weltmeisterschaften von 1974 und 1990. Beide Titel hätte er nur Schummel-Elfmetern zu verdanken. »Mit dieser Schuld muss ich leben. Dafür war bei der WM 2006 alles hasenrein. Ihr glaubts doch net, dass wir sonst gegen die Spaghettis rausgflogen wärn?!«

Die Fifa-Ethikkommission habe ihm neulich einen Deal angeboten, einen sogenannten Franzvergleich, ganz nach seinem Geschmack. F. hat trotzdem abgelehnt. »Wenn mich der Fußball nicht mehr will, dann ist das halt so. Damit kann ich leben. Golf hat für mich ohnehin eine mindestens genauso große Faszination.« F. steht wieder in der Golfhalle und schaut seinen Söhnen beim Üben zu. »Wenn die beiden groß sind, werden wir auf Jahre hinaus unschlagbar sein.« Plötzlich klingt er wieder voller Zuversicht. »Dann wird Golf zum neuen Volkssport, und Deutschland zum ersten Golfstaat Europas.« Seine Söhne habe er bereits auf einem Golf-Internat in den Emiraten angemeldet. Kosten würde ihn das lediglich 6,7 Millionen Euro. Ein echtes Schnäppchen.

Florian Kech
Zeichnung: Peter Muzeniek

 

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