Was bleibt, das sind die Mütter – aus Heft 11/2015

KarasekMit Hellmuth Karasek ist einer der letzten großen Schwadroneure des 20. Jahrhunderts von uns gegangen. Bis zuletzt, so eine Krankenschwester, habe sich der gut gelaunte Greis am Erzählen und Erklären von Witzen versucht. »Na vier! Einen, um die Birne festzuhalten, und drei, um den Stuhl zu drehen.«

Nie war der gebürtige Böhme um einen Schwank oder einen kecken Einwurf verlegen. Oft bestaunt: seine Literaturkritiken, viel belacht: seine Theaterstücke und Buchveröffentlichungen, legendär: seine Auftritte als Waffenbruder von Marcel Reich-Ranicki im wetterwendischen Bund gegen eine österreichische Emanze mit furchteinflößender Frisur.

Als Sohn einer Souffleuse und eines böhmischnationalen Erdmarders tanzte Hellmuth schon früh seinen ganz eigenen Karasek, reüssierte als Klassenclown, gab Workshops im kreativen Gucken und versuchte sich als Vierzehnjähriger an Peter-Maffay-Imitationen, was umso beachtlicher ist, als Maffay zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren worden war.

Vor allem aber liebte Karasek das Lesen, weil sich dabei so herrlich essen und trinken ließ. Schmalzbrote und Muskateller – seine Ansprüche blieben zeitlebens bodenständig. Viele Damen wussten seine schweißfeucht vorgetragenen Schwänke und geistvoll gespuckten Bemerkungen durchaus richtig als besonders saftige Balz zu interpretieren. Kregel wie ein Kernbeißer und befeuert von der Energie eines dauergeilen Dachsbären schwafelte sich Karasek in die erste Liga deutscher Intellektuellen-Darsteller hinauf. Clever ließ er manchen Rivalen ins Aus tänzeln.

Geschickt wusste er seine Ansichten den Gegebenheiten anzupassen. Bauernschlau gab er sich als weinseliger Opportunist und harmloser, unpolitischer Simpel, was ihm so gut gelang, dass er manchmal tagelang aus dem Staunen und jahrelang aus der Rolle nicht herauskam.

Karasek war sich für wenig zu schade: Er betrieb mit Knabenpuffbesucher F.J. Raddatz einen Heizdeckenhandel, warb für Tintenfüller, fungierte als Joker in einer Show der Süddeutschen Klassenlotterie und fand eine späte Heimat im Schreiben für die Springerpresse sowie im Verfassen von Büchern über Bettgeschichten. In diesen Werken plauderte er nicht nur aus dem Nähkästchen anderer Leute, sondern glich auch seine eigenen Abenteuer mit denen anderer großer Geister wie Zweig und Shakespeare ab. Dabei offenbarte Karasek auch im fortgeschrittenen Alter ein differenziertes Frauenbild und unterschied – nachzulesen unter anderem in seinen Memoiren Auf der Flucht – gründlich zwischen drolligen Sexobjekten und Sonstigem.

Nun ist er hinübergeglitten, in eine Welt, aus der sein eimeriges Lachen nicht zu uns dringen kann. Doch die von ihm zitierten Scherze bleiben. Zum Beispiel dieser: Ein Berliner, dem sein Fahrrad gerade gestohlen worden ist, sagt: »Ein Wunder ist geschehen. Ich kann wieder laufen. – Jemand hat mein Fahrrad geklaut.«

Doch was lehrt uns jener hinweggeraffte Humor-Hasardeur und mediokre Medienhase noch? Vor allem wohl, dass ein neues Gesetz vonnöten ist: Menschen, die im Fernsehen auftreten, sollten keine Bücher veröffentlichen dürfen. Schlagen wir Karaseks literarisches Vermächtnis Das find ich aber gar nicht komisch an willkürlicher Stelle auf, finden wir Passagen wie diese:
»Was entsteht, wenn ein Gebiss in einen Teller Spaghetti fällt? Zahnpasta.

Dieser Kalauer zeigt, dass man an allen Witzen ihre Entstehungszeit ablesen kann, ja, dass Witze ein Zeitgradmesser für ihre Entstehungszeit und ihr Verfallsdatum sind. An ihnen lässt sich eine Archäologie der Zeitabläufe ablesen. Die Menschen müssen mit der italienischen Küche lange vertraut sein, also lange wissen, was Pasta ist. Und sie müssen, das ist noch länger her, über Zahnersatz verfügen.«

Dauerkiebige Heißsporne einer »Literaturkritik von unten« wie Lino Wirag, Heiko Werning oder Gerhard Henschel würden solche Zeilen dazu verführen, detailliert aufzulisten, was genau alles an ihnen schief bis rundherum falsch ist. Doch scheint es dem Verfasser dieses Nachrufs angebracht, sich dem Spätwerk eines jüngst Verstorbenen mit großer Milde zu nähern.

Was bleibt zu sagen? So wie viele Christen verkünden, Jesus sei für sie gestorben, so behauptet der Verfasser dieses Nachrufs, Hellmuth Karasek sei für ihn gestorben. Und zwar in dem nicht lange zurückliegenden Moment, als der Verfasser eine Aufzeichnung des Literarischen Quartetts vom 12. Oktober 1989 betrachtete. In dieser Aufzeichnung beschimpft Karasek mit seltenem Furor den Autor Manfred Bieler als spießigen Kretin, weil der in seinem (pseudo-)autobiografischen Roman Still wie die Nacht über die sexuellen Übergriffe seiner Mutter geschrieben hatte. »Soll er sich doch freuen, dass er eine Mutter hatte, die ihm das ermöglicht …«, ereifert sich Karasek, dessen Mutter scheinbar weitaus zugeknöpfter gewesen ist. Dann wirft er Sigrid Löffler einen Blick zu, in dem sich Geilheit und Wut zu einem Mahnmal der Ambivalenz bündeln.

Nun hat uns Karasek verlassen, und das, was man ihm zu Lebzeiten vielleicht hätte ankreiden können, sind verblassende Petitessen angesichts der Ewigkeit, in die jener Hofnarr im Speckmantel nun eingegangen ist. Möge er sich seinen Witz auch auf der anderen Seite bewahren. Es muss ja nicht sein Mutterwitz sein.

Anselm Neft

 

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