Die Syrer kommen – aus Heft 11/2015

In unserer Hausgenossenschaft ist, seit der GEZ-Mann nicht mehr klingelt, jeder willkommen. Naja, Nazis, Kinderschänder und Steuerfahnder passen nicht so richtig zu uns, aber alle anderen friedliebenden Menschen und Tiere können ruhig versuchen, auf unserer Homepage mit der Wohnungsvermittlungskommission in Verbindung zu treten. Allerdings sollte man sich keine allzu großen Hoffnungen machen, hier zieht so gut wie nie jemand aus, und gestorben wird nur ab und zu in den dunklen Einraum-Parterre-Wohnungen, aus denen dann viele pfandfreie Flaschen geborgen werden müssen.

Aber manchmal klappt es eben doch, dass Genossen unsere wohlige Gemeinschaft verlassen, um in einem runtergekommenen Bauernhof in der Uckermark endlich zu sich selbst zu finden, wo sich die Frau der uralten Tradition des Filzens hin gibt und der Mann alte Birnensorten kultiviert. Dann wird schon mal eine der familientauglichen Wohnungen mit hoher Stuckdecke und herrlichen Eichentüren frei.

Noch lange bevor der erste Karton gepackt ist, ja, wahrscheinlich noch bevor der Mieter einen Umzugsgedanken gefasst hat, beginnen in unserer Hofgemeinschaft erbitterte Verteilungskämpfe. Zettel an der Genossenschaftswandzeitung in Aufgang 10/b werden täglich erneuert und nächtlich wieder entfernt.

Hermine Altmann hätte ja so gern eine etwas größere Wohnung, um »endlich mit meinem Liebsten zusammenziehen zu können«. Für drei, also sie, ihren fünfunddreißigjährigen Sohn aus der Ehe mit einem nach Kuba geflohenen SED-Funktionär und ihrem neuen Freund (Bernd, der oft auf dem Sandkastenrand sitzt) ist die Zwei-Zimmer-Wohnung zu klein.

»Ich suche dringend eine Wohnung für meine russischen Eltern, beide blind und Kriegsveteranen, aber sehr hilfsbereit. Wer kann helfen?«, schreibt Irina.
»Wenn meine Kinder nicht bald ausziehen, bringe ich sie um! Bitte, bitte, die freie Wohnung müssen wir haben.« Das ist Isolde, die für ihren schwarzen Humor in der ganzen Genossenschaft berüchtigt ist (aber wer ihre Kinder Tom und Jerry kennt, kann sie verstehen).

Natürlich gibt es Regeln, sehr menschliche, wie wir finden. Auf der Liste ganz oben stehen bedürftige, arme, kinderreiche Familien und die mit WBS. Da nützen auch Gugelhupfe an Türgriffen, heim lich geputzte Fahrräder oder überraschende Weinlieferungen nichts.

Die Mitglieder der Wohnungskommission sind harte Knochen, völlig unbestechlich und uneigennützig. Wieso auch nicht? Sie wohnen durchweg ruhig, sonnig und mit Grünblick auf die Kastanie.

Allerdings muss es Ausnahmen geben. Besonders wenn vor unserem Hoftor die Welt in Elend versinkt. Die Wohnungskommission fand, keiner unserer Genossen leidet so wie die Syrer, also sollte einer von denen bei uns sein Glück finden. Natürlich leidet auch keiner so, wie Bangladeschi oder Nepalesen leiden. Oder Ukrainer in Lugansk. Aber das Wohnungsamt der ganzen Welt können wir nun mal nicht sein.

Zum Tag der deutschen Einheit, den wir wie je des Jahr am 7. Oktober mit Rotkäppchen-Sekt und Haschischkeksen feierten, trafen wir im leergeräumten Fahrradkeller zusammen, um über die Vergabe der freiwerdenden Wohnung zu diskutieren. Hermine Altmann begann sofort zu weinen. Sie habe Angst, sagte sie, »die Syrer« (das hörte sich an, als wollten wir ein Auffanglager errichten) könnten radikale Gedanken mitbringen und ihren Sohn, den 35-jährigen Pädagogikstudenten, beeinflussen. Man wisse ja gar nicht, wer da kommt: »Die können sich einfach die Bärte abrasieren und schon erkennt man die nicht mehr!

»Und dann die Reinlichkeit!«, gab Frau Schmidt aus der Fünf-Zimmer-Wohnung im Ersten zu bedenken. Bohnerwachs sei für »diese alten arabischen Kulturen« ein Fremdwort. Aber es sei unsere humanitäre Pflicht zu helfen, da waren sich alle einig

Anna und Lilly, Abiturientinnen aus dem Vorderhaus, begannen mit Tränen in den Augen, von ihren Einsätzen vor dem LaGeSo zu berichten. Sie hatten bei Aldi Süßigkeiten gekauft und an die hungernden Kinder verteilt. Das sei »so erfüllend « gewesen. Wenn die erst hier wohnen würden, könne man sie besser versorgen mit Suppen und Marmelade. Und man könnte ihnen zeigen, wo der Backshop ist und wie man die Klingel-Sprech-Anlage bedient.

Der Fahrradkeller füllte sich mit Wärme. Jeder, der das Bedürfnis hatte (der Rede-Flash nach Haschischkeksen), schilderte nun seine Erfahrungen mit fremden Kulturen. Da kam viel zusammen. Dass man im Orient immer die Schuhe im Haus auszieht, dass es kein Klopapier gibt, dass Beschneidungen nicht im Hof durchgeführt werden und beim Araber die linke Hand »die schmutzige« ist. Kurz, die Herzlichkeit und Einfachheit dieser Menschen würde eine Bereicherung für unsere Gemeinschaft sein. Und das schönste von allem: Muslime mögen keine Hunde. Die mögen wir auch nicht, nur die bereits eingemieteten Köter, die tolerieren wir.

Bevor es zur Abstimmung kam, meldete sich Helge, ein gelernter Steuerfachmann. Laut Gesetz haben anerkannte Flüchtlinge ein Recht auf Familienzusammenführung. Die können sich also »unversehens« verdoppeln oder vervierfachen, das sollte uns klar sein. Das sei geschmacklos, meinte Frau Schmidt. »Sag ich ja«, sagte Helge.

Zur Abstimmung kam es dann doch nicht, weil das Licht im Fahrradkeller wieder mal ausfiel. Nun sind die Flüchtlinge da, wahrscheinlich völlig traumatisiert: Ein Physikprofessor und eine Kinderärztin mit ihren halbwüchsigen Söhnen, die halbwüchsige Genossenschaftstöchter magisch anziehen. Die Kaution zahlte der Herr Professor in bar, und zum Herbstfest sponserte die Familie ein Fass Bier einer bayerischen Marke. Ihre Integration verläuft dennoch nicht problemlos: Der Familien-BMW hat noch keine Vignette und steht häufig verbotswidrig vor dem Glascontainer.

Felice von Senkbeil

 

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