Lieber Gott, nimm es endlich hin! – aus Heft 10/2015

Nimm es hin!Hollideridi!!« – und schon hüpft einem ein feixendes, fistelndes, fuchtelndes fusselblondes Männlein vor dem geistigen Auge herum! Es ist wie mit Kleinkindern oder Welpen – man muss ihn mögen. Otto ist den Deutschen bereits genetisch eingebrannt: Er ist in der vierten Generation der beliebteste und erfolgreichste und sogar noch lebende, deutsche Komiker. Nur Loriot (†) und Heinz Erhardt (†) fanden die Befragten (künstlich ernährte ZDF-Zuschauer) noch lustiger. Was diese drei Spaßkanonen des letzten Jahrhunderts eint: Seit 40 Jahren bringen sie nichts Neues.

Anders als die anderen hätte Otto die Option, sein Repertoire zu erneuern oder wenigstens aufzufrischen, hier ein Liedchen dazu, dort ein kehliges Keckerchen in die Bestsellerlisten für urkomische Tonträger zu jazzen. Will er aber nicht. Wozu!? Sein Werk ist geschaffen, gerundet, vollendet, endgereift, gültig bis in alle Ewigkeit. Alles, was noch käme, wäre Epigonentum, blöde Vervielfältigung des Genialischen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – der Meister müsste bei sich selber klauen, und für so was fliegt man aus dem Olymp.

Seine edle, kühle Geisteshaltung kennt nur ein Pendant: Harald Schmidt. Doch der macht ja nichts mehr! Otto dagegen füllt Säle, bringt Ottifanten in Plüsch und Porzellan unter die Leute, ist als Maler erfolgreicher als Norbert Bisky, vermehrt freudig sein Vermögen, ja zählt öffentlich sein Geld (»Spaßmachen ist gar nicht mein Beruf. Ich mache Kohle. DAS ist der Spaß«) – wieder Harald Schmidt vergleichbar. Und er quiekt weiter wie ein erstickendes Meerschweinchen – noch nie erreichte seit Otto ein »lustiges« Quieken auf irgendeiner Kleinstkunstbühne Otto-Niveau – und üppelt wie ein Spastiker, was sogar Spastiker zum Lachen bringt. Er trägt Schlabber-Jogginghosen bis unter die Achseln und Mützen mit Flügeln. Der Kapitalismus, diese raffendste aller Gesellschaften, hat Ottos Mützengag längst für die Profitmacherei absorbiert – von Tokio bis Havanna sieht man mit Hasen- oder Elchohren bemützte Mädchen herumlaufen und das »süüüß« finden.

Man könnte meinen, der arme Irre sei in den frühesten Achtzigern hängen geblieben wie andere auf Marihuana und dümpelt nun auf der Pfütze seines Restruhms dahin. Weit gefehlt! Er erfreut sich stetiger, sogar stetig wachsender Beliebtheit. Er scheint völlig unberührt zu sein von dem schwitzigen Kampf ums Dasein, um den besten Platz an der Resterampe, um den billigsten Gag an der Ramschtheke, in dem sich sogenannte Comedians verschleißen – Mario Barth, Cindy aus Marzahn, Oliver Pocher, Ingo Appelt, Olaf Schubert. Schon gar nicht hat er’s nötig, in glitschiger Servilität dem Fernsehen Moderationen anzudienen (Hirschhausen, Nuhr). Er pfeift auf Fernsehen (»Willst du dir den Tag versauen, musst du deutsches Fernsehen schauen.«)! Sein Fluidum ist das Lachen im Raum: Besonders Kinder, die von ihren trübsinnigen, nostalgischen Eltern zu einem Besuch der Otto-Show genötigt werden, treibt es auf die Stühle. Oder sie bleiben glucksend sitzen und pinkeln sich ein. Auf den Vorhalt, er mache ja immer nur dasselbe, antwortet er: »Ja, aber mit immer weniger Haaren!«

Ottos Bühnenprogramm beginnt – nach dem unverzichtbaren, quasi liturgischen Jodel- und Pfeifgeräusch (es wurde von Akustik-Designern bei Toyota als Warnton »Hintertür rechts offen« adaptiert) – mit dem Angebot an die erste Reihe, sich umzusetzen, da es spritzen kann. Dann füllt er die Backen mit Wasser und spuckt in die Menge, die sich aufführt, als sei sie bei Stuttgart 21 und wolle auch mal vom Wasserwerfer erfasst werden. Ein furioses Entree! Dagegen ist Mario Barth ein Scheißintellektueller!

Bei dem Otto-Phänomen bleibt indes unklar: Ist Otto wirklich genial oder ist sein Publikum einfach nur verblödet. Natürlich beides. Mit Witzen wie: »Beim Melken wurd’s dem Melker klar, dass die Kuh ein Bulle war.« Oder mit »Wat hat dat Watt, wat dat Watt nur hat?« bringt der Ostfriese in mehr als 80 Shows im Jahr die Fans auf die Palme des Humors und das vergeistigte Feuilleton seit Jahrzehnten zur Verzweiflung. Nur FAZ-Schirrmacher, erzählt man sich, wollte – nach dem er Karl Marx und Peter Hacks geadelt hatte – Otto neben Goethe stellen, starb aber dabei.

Es muss doch was dahinterstecken, hinter dem Erfolgskonzept Otto. Gern wird sein Kunstpädagogik-Studium erwähnt, das beweisen soll: Es ist kein komplett Bekloppter, dem die Nation zu Füßen liegt. Aber hat er im Studium mehr gelernt, als Kastanienmännchen auf Lehramt zu basteln? Die Otto-Figur ist eine raffiniert ausgeklügelte Rolle, mit shakespearschen Untiefen, was eine geübte Theaterwissenschaftlerin sofort beweisen könnte. Aber Otto weiß nicht, was damit gemeint ist. Er sei so, wirklich. Bei Interviews zu runden Geburtstagen, in denen über den Sinn seines Schaffens sinniert werden soll, beginnt er zu singen und zitiert aus seinem Programm den bejubelten Reim: »Lieber Gott, nimm es endlich hin, / dass ich was Besondres bin!« Nur einmal in Ottos Karriere wurde sein Witz zur Systemkritik aufgebauscht.

»Der Papst hat Selbstmord begangen. – Warum nicht, wenn er sich beruflich verbessern kann!« Linke und militante Atheisten jubelten, doch ein Shitstorm der politischen Korrektheit und des kirchlichen Beleidigtseins brach über ihn herein. Eigentlich harmlos – es gab noch kein Internet. Aber Otto entschuldigte sich brav, und weil er nicht wusste bei wem, entschuldigte er sich vorsorglich beim Bundeskanzler Schmidt (der eitel genug war, die Entschuldigung anzunehmen).

Otto will gemocht werden. Schon seit der Kindheit in Emden, wo noch vorm Essen gebetet wird. Komische Typen wurden in dieser Gegend ignoriert (wenn sie Glück hatten) oder exorziert. Es gab noch kein Ritalin. Leute wie Otto, die keinen Satz zu Ende bringen, ohne sich den Finger in die Nase stecken zu müssen, scheitern heute schon am Hauptschulabschluss. Ein Psychoanalytiker würde in Ottos Kindheit das Wesen seiner Kunst entdecken: Sein Pfeifen, Schnalzen, Schnorcheln, Grunzen – ein unterdrückter Trieb: Otto »leidet« an einem Tourette-Syndrom, und die Krankenkasse zahlt nicht mal was dazu.

Als erste fanden ihn seine WG-Kumpel in Hamburg lustig, und dafür kann man ihnen dankbar sein, was immer auch aus ihnen geworden ist: Lindenberg und Westernhagen. Später tat er sich mit Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Pit Knorr zusammen. Es entstanden Klassiker: »Stammt der Mensch vom Affen ab? / Stumpft das Kind beim Gaffen ab? / Macht die Frau beim Schaffen schlapp? / Wie lang ist ein Giraffengrab? / Wo werden die Karaffen knapp? / Schafft der Papst die Pfaffen ab? / Legt man im Bett die Waffen ab? / Was tun, wenn ich ’nen Schlaffen hab’? / Das sind wirklich große Fragen. Wer wird uns die Antwort sagen?« Dazwischen gab es ein paar Filme. In einen – Otto gab den siebten Zwerg – rannten die Massen wie verrückt – nur für den einen kleinen Witz: Als Zwerg Otto des Schneewittchens ansichtig wird, ersteift ihm die Zipfelmütze. Jüngst servierte er »Kartoffelsalat, eine Horrorkomödie«, der als schlechtester Film aller Zeiten beworben wird. Der kommt jetzt ins Kino, ein Flop wäre unvermeidlich. Doch Otto ist zwar irre, aber nicht blöd: Im Internet hat er dafür gesorgt, dass Takes aus dem Machwerk millionenfach angeklickt wurden – und diese Kids rennen nun alle in die Klamotte.

Wäre Otto eitel, wäre er nicht Otto geworden. Doch eine Gala zu seinem 50. Bühnenjubiläum lässt er doch über sich ergehen. Da werden ihn die Zwerge der Nation im Känguru-Gang zu übertreffen trachten, J. B. Kerner wird ihm die Füße lecken und alle werden sich zum Lachen genötigt sehen, wenn die Kamera sie trifft. Sie werden sagen, wie lieb sie ihn haben, den Irren mit dem Kasperleprofil und der nervigsten Lache aller Zeiten. Brav, Otto, mach Männchen, und – bleib!

Felice von Senkbeil
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#5 ganster rap 2016-01-01 15:30
otto find ich gut
aber nach den 80igern wars halt vorbei. gehri
geheiratet und sponti kaputt ?
Zitat
 
 
#4 ganster rap 2016-01-01 15:26
mein Gott Maria,

bischrn lang der Artikel, aber so schlimm ? Ok, der letzte Satz was unnoetig.
Zitat
 
 
#3 El Chapo 2015-10-10 10:37
Mein Gott, Otto, ja, er ist inzwischen das Musikantenstadl des Humors.

Die Kids, die er übers Netz angefixt hat, wird er allerdings nicht halten können.
Zitat
 
 
#2 Marie Cardinal 2015-09-21 21:34
Otto ist ist bestimmt nicht die erste Wahl,wenn es um tiefsinnigen Humor geht,sicher wäre es Zeit sich zurückzuziehen, die 70er sind halt vorbei.Aber er war durchaus mal gut,daraus resultiert seine Beliebtheit.
Der vorliegende Artikel,mein lieber Felice von Senkbeil ist aber nichts als Futterneid,bill ige Wadenbeißerei.Ich kann mir durchaus vorstellen,dass Otto sehr gut von seinem Blödsinn leben kann,aber wie sieht es denn selbst aus?Reicht es zur Butter auf dem Brot?
"Ist Otto wirklich genial oder ist sein Publikum einfach nur verblödet.Natürlich beides." Hm,mag sein,aber wer liest denn überhaupt Ihre tiefschürfende Analyse?Und wenn,wem tut die weh?
Herr von Senkbeil(ich bin gerührt über Ihren originellen Künstlernamen,w enn's keiner ist,mein Mitleid über dieses Makel)vielleich t versuchen Sie mal Ihre Giftspritze an Politikern oder einflussreichen Promis,aber dazu benötigt man ja Esprit und Mut,um die Gegendarstellun gen und Prozesse auszuhalten!Vie l Glück dabei!
Zitat
 
 
#1 YOGI-TheBear 2015-09-17 09:21
OTTO?
Der müßte staatlich VERBOTEN werden!
Der HUND - der nervt uns schon seit gefühlten 100 Jahren mit seinen ururalten GAGS!
BITTE eine Volksbefragung zur Verbannung von OTTO: Nach KRETA ? Oder besser noch:SANSIBAR.:..AB auf die Insel!!
Zitat
 

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