Am Rand des Kollapses – aus Heft 9/2015

gottliebIn den Wohnzimmern spitzt sich die Lage langsam, aber sicher zu. Die dort vor der Mattscheibe versammelte Schicksalsgemeinschaft steht am Scheideweg. Die alles entscheiden - de Frage lautet: Besitzt die Person mit der Fernbedienung in der Hand die Geistesgegenwart, umzuschalten und das drohende Unheil abzuwenden? Ist die Person Teil der deutschen Wegschau-Kultur? Oder ein Passiver, ein Mitschwimmer, ein Abwarter? Die Frage wird schnell beantwortet.

Ehe man sich versieht, ist es zu spät. Sigmund Gottlieb ist im Fernsehen und spricht. Es ist nicht einfach ein Sprechen, wie es etwa der normale Mensch von der Straße praktizieren würde. Es ist getragener, dramatischer. Bei jeder Silbe bemerkt der Zuschauer nicht nur den Versuch des Sprechers, seinen Dialekt im Zaum zu halten, man merkt auch: Was hier gesprochen wird, ist wichtig. Eminent wichtig. So wirklich richtig wichtig. Die Bedeutung der Worte Gottliebs zu unterschätzen, ist praktisch nicht möglich. Gottlieb spricht, und in seiner Ansprache geht es prinzipiell um nichts Geringeres als alles. Und noch viel mehr. Mindestens.

Gottlieb weiß: »Die Welt gerät aus den Fugen und fällt jeden Tag weiter auseinander.« Er weiß auch: »Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die Orientierung brauchen. Darum bemühen wir uns. Wir haben eine Dienstleistungspflicht.« Starke Worte, meinen die einen. Brunzdummes Gewäsch, sagen die anderen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Nähe des Gewäschs. Doch Gottlieb erfüllt die Dienstleistung.

Er will der Mann sein, der die Orientierung liefert in dieser immer floskelhafteren Welt. Denn wer den Dachschaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und wer ein Sprichwörterbuch sein Eigen nennt, braucht auf Floskeln nicht zu verzichten. So einfach kann es manchmal sein. Nicht jeder, der sich auf den Metaphernweg begibt, kommt darauf um, wenn er vorher die Kurve kriegt. Keiner weiß das besser als Gottlieb. Um genau zu sein: Keiner weiß auch nur irgendetwas besser als Gottlieb.

Tiefsinnig, nachdenklich, ja: poetisch twittert er der vernetzten Welt die ewigen Wahrheiten entgegen: »Beginnen wir diesen schönen Tag mit Konfuzius: Alles Leben ist Problemlösen! Ich ergänze: Nicht sinnlose Sonnenbäder im Süden.«

So geht Journalismus! Ein gescheites Wort zur rechten Zeit. Doch immer auch korrekt abwägend. Konfuzius – ja, er hat recht. Doch ein Sich-Gemein-Machen mit dem alten Chinesenzausel verbittet er sich. Konfuzius hat recht, aber ... Ein wichtiges Aber, ein notwendiges Aber, das sinnvolle Sonnenbäder im Süden oder auch so halbwegs sinnlose Sonnenbäder im Norden nicht ausschließt.

Das ist Haltung. Und Gottlieb weiß: »Haltung ist das Wesen der Qualitätsmedien.« Ein Satz voller Wahrheit und Stolz, ein Satz, den auch Helmut Markwort und Julius Streicher unterschreiben würden. Endlich einer, der sich nicht hinter sogenannten journalistischen Standards versteckt. Sondern einer, der geradeheraus sagt:

Die CSU ist die großartigste Partei der Welt, wenn ich schwul wäre, dem Seehofer würde ich einen blasen. Reinen Gewissens kann er daher verkünden: »Es ist ein Märchen, dass da jemand in einer Partei oder einem Ministerium sitzt, zum Telefon greift und Anweisungen erteilt.« Man darf getrost glauben, dass jegliche Einflussnahme beim Bayerischen Rundfunk angesichts dieses Chefredakteurs nicht nötig ist. Diese Haltung, der staatstragende Kommentar in den Tagesthemen, das ist seine Bestimmung, seine Mission, seine Aufgabe, seine Aneinanderreihung von Synonymen, die einen großen Haufen Sendezeit und den Zuschauer Unmengen an GEZ-Gebühr kostet.

Hörte man Gottlieb nicht, man wüsste dennoch anhand seines Gesichtsausdrucks, wie wichtig und dramatisch die Gesamtsituation ist. Der selbstgefällige Blick, die groteske Föhnfrisur – man sieht: In der Maske wurde Grandioses geleistet, solides deutsches Handwerk. Ein Grieche hätte das nicht geschafft. Gottlieb, man weiß es, hätte einen Griechen auch nicht mal in die Nähe seiner Haare kommen lassen. Wo käme man da auch hin in Bayern?

Seine Tweets, mit »Liebe Klardenker« immer adressiert an Leute, die seine Tweets nicht freiwillig lesen, stecken voller Sprengkraft: »Liebe Klardenker, in Syrien wird gestorben, in Afrika gehungert und in Deutschland, auf der Insel des Wohlstands, wird gestreikt – und wie!« Eine Gefahr für den Standort Deutschland und somit für die gesamte Weltwirtschaft. Ein Skandal. Der Regenwald stirbt, und dem Gottlieb geht das Haarspray aus. Zusammenhang? Fehlanzeige.

Die Welt wird dennoch eine bessere mit Sigmund Gottlieb. Wenn nur endlich alle auf ihn hören würden. In seinem Buch Mutprobe – Zivilcourage kann man lernen erklärt er, wie die Menschheit einen Schritt vom Abgrund zurücktreten könnte: »Wenn im Kühlregal des Supermarktes das Verfallsdatum der H-Milch abgelaufen ist oder die Tomaten faul sind, dann ist dafür der Geschäftsführer der Filiale verantwortlich, und ihm muss man die Schlamperei zur Kenntnis bringen.

Wenn wir’s nicht tun, akzeptieren wir den Missstand. « Das ist die Wahrheit: Jeder ranzige Quark im Regal spielt dem IS in die Hände. Das kann nur verhindert werden, wenn sich jeder seiner Aufgabe bewusst ist: »Nun gilt es! Werden Sie all Ihren Mut zusammennehmen, heraustreten aus der Masse der Passiven, der Wegschauer, der Mitschwimmer, der Abwarter? Diese Frage wird dann beantwortet werden, wenn der Ernstfall eintritt. « Es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Fortbestand unserer Spezies – dafür trägt der Supermarktleiter die Verantwortung.

Das Datum für den allerernstesten Ernstfall steht schon fest: Anfang nächsten Jahres. Dann wird Sigmund Gottlieb in den Ruhestand gehen. Es werden Schicksalstage für den Bayerischen Rundfunk sein. Wird man sich einen Chefredakteur leisten, der wenigstens versucht, einen Anschein von Neutralität zu wahren? Oder holt man der Bequemlichkeit halber gleich einen der aktuellen Sprecher der bayerischen Landesregierung?

Es wird ohne Zweifel ein massiver Einschnitt in die Sehgewohnheiten der Bürgerinnen und Bürger im Sendebereich des BR, in Deutschland, Europa und der ganzen globalisierten Welt sein. Ich sage nur: Internet! Die dramatischen Auswirkungen dieses drohenden Abgangs lassen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal erahnen. Ein Wimpernschlag der Geschichte, der wie der Flügelschlag eines Schmetterlings auf einem weit entfernten Kontinent einen kilometerlangen Stau verursachen kann. Das Mindeste wird eine neue Zeitrechnung in vor Gottlieb und nach Gottlieb sein. Die scheinbar Mächtigen dieser Welt: Was werden sie tun, wenn sie es nicht mehr von Sigmund Gottlieb gesagt bekommen? – Die Antwort ist so unfassbar, dass sie nicht mal Gottlieb selbst geben könnte.

Sicher ist nur eines: Die Welt wird aus den Fugen geraten und jeden Tag weiter auseinanderfallen. Die allgemeine Weltlage bleibt dramatisch! Es kommentierte:

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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