Mit Scheiße Leute verrückt machen – aus Heft 8/2015


bossbachEr ist das Gewissen der BRD, die ehrliche Seele unter den ehemaligen Supermarktleitern, ein aufrichtiger Kämpfer, der es schafft, die Griechen dumm und Echthaar wie ein billiges Toupet aussehen zu lassen: Wolfgang Bosbach, 63, Bundestagsabgeordneter, CDU, immer gut gebräunt. Der Rheinländer, der die sprichwörtliche rheinländische Fröhlichkeit vor sich herträgt wie ein Friedhofsgärtner eine Urne, ist beliebt wie kaum ein anderer Politiker.

Mag sein, dass es sein angekündigtes nahes Ableben ist, das ihm im Vergleich zu anderen Größen seiner Zunft Sympathiepunkte in die Taschen springen lässt. Doch ihn darauf zu reduzieren wäre falsch. Denn das Fundament seines ansprechenden Charismas ist so breit aufgestellt wie das alte Schloss Bensberg in seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach. Dort, in dieser Metropole der Engstirnigkeit, wird Wolfgang Bosbach am 11. Juni 1952 geboren und fällt seiner näheren Umgebung schnell durch seine unnachgiebige Art auf. Auf den Spielplätzen ist er das Kind, oder – in Bosbachs Worten – »die Kuh, die sich querstellt«.

Der Rebell, der sich nichts gefallen lässt und lieber den ganzen Tag unter Protest still vor sich hin wiederkäuen oder seinen Spielkameraden mit der Schippe ein Loch in den Kopf kloppen würde, als etwas zu tun, das er als falsch empfindet. Der Umgang mit ihm ist anstrengend. Das weiß er. Im Sandkasten kennt er nur drei Spiele: »Vater, Mutter, Politiker«, »Räuber und Gendarm und die neuen Vorgaben aus dem Innenministerium« und Muschi zeigen. Nie mand mag solche einsamen Krieger. Leute, die unnachgiebig für die richtige Sache einstehen – die heldenhaften Problembären mit den funkelnden Augen, die Che Guevaras, Gandhis und Gunther Emmerlichse, die stolz ihren Weg gehen.

Aber Bosbach beißt sich durch, erst mit viel Biss, später mit Kukident. Sein Lebenslauf ist schnell erzählt: Betriebswirt, dann Abi auf dem zweiten Bildungsweg, Jurastudium und schließlich Markus Lanz. Immer wieder Markus Lanz! Bei Letztgenanntem sitzt Wolfgang Bosbach fast immer herum und erzählt, was viele noch gar nicht wissen: Wolfgang Bosbach wird sterben!

So sieht es aus! Mausetot wird er irgendwann einmal sein. Er ist eben im Unterschied zu uns aus Fleisch und Blut – ein Sterblicher! Das können wir uns – die wie die Highlander ewig leben, bis uns der Kopf abgeschlagen wird – kaum vorstellen. Die laschen Arme werden einmal an seinem leblosen Körper herunterhängen und die Kinder werden ihn mit Stöcken pieksen, um zu sehen, ob er auch wirklich tot ist. Und alle, die ihm heute noch widersprechen, die generösen Fatzken aus der eigenen Partei, die es den Griechen hinten reinschieben und ihn, den Bosbach, quälen, die sollen mal schön darüber nachdenken! Wenn er mal nicht mehr oder eben zurückgetreten ist, wird ihnen ihr Verhalten noch leid tun!

Irgendwann ist er nämlich wirklich weg! Ehrlich! Das kann er, Bosbach, versprechen. Im Ernst! Das unterscheidet ihn nämlich von diesem putzmunteren Schäuble, der nach wie vor Purzelbäume in seinem Rollstuhl schlägt. Dem geht es, verglichen mit Bosbach, dem Mann mit der beschlagensten Stimme der Welt, wenn er an sein eigenes Schicksal denken muss, doch hervorragend! Jeden Tag darf der Schäuble das schöne deutsche Geld für die Südländer ausgeben, und wenn sich die Lagarde runterbeugt, sieht er ihre Nippel, die so fest sind wie die Ventile an Schäubles Rollstuhlreifen. Wer so lebt, dem ist sein Gewissen doch scheißegal. Der liegt abends bestimmt nicht wach und sinnt der Frage nach, ob er am nächsten Morgen nicht mehr zur Arbeit gehen beziehungsweise rollen soll.

Dabei hat Bosbach ja nicht mal was Richtiges, von dem er zurücktreten könnte. Den Innenministerposten haben sie ihm damals versagt, obwohl er sich extra in Vorbereitung für diese Führungsrolle »Bossbach« riefen ließ. So was kann man nicht einfach verwinden. Und Krebs ist ja auch immer ein Stück weit psychosomatisch. Man muss nicht besonders bosbach … Quatsch … boshaft sein, um seinen Parteifreunden von der CDU deshalb eine kleine Mitschuld an seiner Krankheit zu geben.

Aber der Mann, der jede beleidigte Leberwurst locker unters Brot schmiert, hat gelernt, aus seinem Leiden, seiner eigentlichen Schwäche, eine Stärke zu machen. Jetzt ist ihm nämlich alles egal. Selbst das Wenige, was er derzeit noch hat, der olle Stuhl im Bundestag mit dem kleinen Schreibpult und den vielen Popeln unter der Sitzfläche, ist er bereit aufzugeben. Dann nämlich, wenn die im Konrad-Adenauer-Haus so weitermachen. Jetzt überlegen sie schon ihre Haltung bezüglich der Homo-Ehe zu revidieren. Es ist weit gekommen mit der Partei, die einst dem Ermächtigungsgesetz zustimmte.

Aber Bosbach lässt sich deswegen die Laune nicht vermiesen. Er heuchelt besten Mut, wenn sie wieder mal gegen ihn schießen. Schließlich ist er Kummer gewohnt. Schon Ronald Pofalla beschimpfte ihn während seiner, Pofallas, Ausbildungszeit für die Deutsche Bahn. Er rief dem Sympathieträger aus dem Rheinischen nach, dass er mit seiner »Scheiße alle Leute verrückt« macht, er seine, Bosbachs, »Fresse nicht mehr sehen kann« und dass Bosbach ein »dummes erzreaktionäres Arschloch ist, das seine Stammtischparolen hinter der eigenen Weinerlichkeit unter die verfickten Wähler bringt«. Gut, das letzte Zitat ist jetzt nicht verbürgt, aber eine Frechheit ist es trotzdem!

Irgendwann wird sie da sein, die Zeit, in der Bosbach wirklich zurücktritt. Das ist so sicher, wie die Griechen niemals dem deutschen Wähler das viele Geld zurückgeben werden, das dieser ihnen so freimütig geliehen hat. Schon morgen kann es so weit sein. Wir sollten dann alle nicht so tun, als hätten wir davon nichts gewusst – als hätten wir die Tausenden von Markus-Lanz-Sendungen nicht gesehen. Als hätten wir nicht mitgeweint, wenn Wolfgang Bosbach mal wieder irgendwas vor sich hergequakt hat. Und genau in diesem Augenblick erreicht uns die Meldung, dass Wolfgang Bosbach jetzt tatsächlich, vielleicht heute, aber spätestens übermorgen, – eventuell … Wenn nicht übermorgen, dann aber wirklich in der nächsten Woche oder im nächsten Monat oder im nächsten Jahr … Wie dem auch sei: Hören Sie noch einmal auf ihn! Letzte Chance!

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppman
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