Das russische Geheimnis – aus Heft 7/2015

 putin

Ich bin der reichste Mensch der Welt«, sagte Putin in Gegenwart junger Sportlerinnen und Ballettdiven einmal, genoss die bewundernden Blicke der Damen und setzte dann hinzu »an Gefühlen«.

Gefühle will er also haben, dieser Mann, von dem man nicht weiß, wie viele Menschen er auf dem »Gewissen« hat. Gut, das weiß man von den meisten Leuten auch nicht, wenn man genau hinschaut, haben die meisten keinen einzigen auf dem Gewissen. Aber bei Putin ist die Dunkelziffer besonders hoch. Schätzungen zufolge gibt es eine noch nicht verifizierte Anzahl an Leuten, deren Verschwinden oder Tod, wenn es nicht auf Putins Konto ginge, nur noch Kim Jong-un anzulasten oder gar nicht zu erklären wäre. Sie wurden in Flüssen, auf Bahnhofstoiletten, an Kranarmen und in Lehmgruben gefunden oder starben – das ist die Handschrift des Geheimdienstes! – friedlich im Spital. Alle aber haben eines gemeinsam – sie können nicht mehr reden. Jeder, der zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, was das bedeutet …

Lang ist die Reihe von Putins Untaten per Dekret (Dekrete hat er neben seinen Hunden Buffy und Conny am liebsten, das hat er von Lenin gelernt, und der hatte es vom Zaren). Stichwort Gerard Depardieu – hinterhältig hat sich Putin die Vertraulich-, ja die Zärtlichkeit dieses großen Mimen gefallen lassen.

Oder denken wir an die Pussys! Putins grausames Handeln hat die Pussy an sich für alle Zeiten zu einem Synonym für Kerkerhaft und den Zynismus der Macht gemacht. Seitdem ist sie zwischen aufrechten Demokraten im Liebesspiel tabu, und es muss irgendwie anders gehen (»Pussys sollen Freiheit atmen«, lautete ein Aufkleber, als Putin das Unrecht beging).

Bei dem bloßen Anblick der Fernsehbilder von den Winterspielen in Sotschi hat die Welt gefro - ren, als hätte der Russe bereits den Gashahn abgedreht – so eiskalt waren hier Schönheit und Frohsinn arrangiert. Hitler 1936 ließ natürlich grüßen, wäre auch gern gekommen, wenn der deutsche Bundespräsident auch gekommen wäre. Oder der arme Chodorkowski – der sitzt in der Schweiz auf seinen Millionen und weiß nicht, womit er diese Folter verdient hat.

Neulich erst erließ Putin ein Dekret, dass die Namen von Soldaten geheim bleiben sollen, die bei Anti-Terror-Einsätzen gefallen sind. Das (Menschen-) Recht zu trauern wird hier brutal attackiert: Man stelle sich nur einmal vor, Deutschland wäre so pietätlos mit dem Tod von Weizsäcker, Dirk Bach, Günter Grass oder Loki Schmidt umgegangen.

Dass Putins Freunde nirgendwo mehr hin dürfen, wo die Werte der Freiheit hochgehalten werden, nicht mal mehr mit ihren Frauen zum Liften nach Baden-Baden, ist da nur natürlich. Aber niemand hätte sich träumen lassen, dass Putin aus Rache einen harmlosen CDU-Hinterbänkler vor dem Einreiseschalter auf dem Flugplatz Moskau Wnukowo stundenlang stehen lassen würde, während auf dem Fernseher in der Halle die Parade zum 70. Jahrestag des Sieges über des Hinterbänklers Großvater wiederholt wurde, bis der endlich begriffen hatte: Ich muss nach Hause laufen! Ein grausamer Verdacht verdüstert seitdem die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland nachhaltig: Mit Claudia Roth wäre Putin vermutlich genauso verfahren.

Die Wissenschaft weiß heute, kein Mensch wird als rücksichtsloser Verächter der Demokratie nach dem Vorbild der Bundesrepublik Deutschland geboren! Irgendwas muss in Putins Kindheit vorgefallen sein, dass seine Seele verhärtet hat, ihn schwul – und damit, weil er sein Schwulsein nicht ausleben darf, zum Schwulenhasser gemacht hat, zum Menschenfeind, der nur Emotionen zeigt, wenn er mit Schneekranichen im Konvoi fliegt, einem betäubten Tiger in den Fang greift oder seine Conny nach Angela Merkels Unterwäsche schnüffeln lässt.

Welches Geheimnis trägt dieser Mann in sich, woraus speist sich sein Hass, der Tausende in die Gefängnisse treibt und der 75 Prozent der Österreicher glauben lässt, sie würden als nächstes Opfer seiner Annexionspolitik?

War es ein Zufall oder hatte ein Geheimdienst seine Griffel im Spiel? Ein Button auf dem Kanal »Mösen ganz in deiner Nähe« machte mich stutzig. Dort bot sich eine Vera Spiridonowna Putina an. Wir skypen (sie will aber noch nicht zu sehen sein), ich finde sie sympathisch, sage, dass ich investigativ zu den Machtstrukturen in Russland recherchiere. Sie sagt, sie fände mich süß und könne mir etwas zeigen, was ich nicht für möglich halte.

Ich machte mich auf den Weg. Nach viertau - send Kilometern auf LKW-Ladeflächen, mit einem Kettenfahrzeug, auf einer Draisine stehe ich endlich in dem kargen georgischen Dorf (dessen Namen ich nicht nennen will), sozusagen »ganz in meiner Nähe«. Sie kommt mir durch ihren kleinen Weingarten entgegen. Dieser schaukelnde Gang! An wen erinnert mich das? Hat sie etwa dieselbe Wirbelsäulenerkrankung, die W. Putin seit Jahrzehnten krampfhaft zu verbergen sucht, eine Erbkrankheit? Die Augen: eiskalt, aber wach. Sie schaut mich an und wartet. Natürlich zahle ich im Voraus (umgerechnet drei Euro),sie lässt die Literflasche Wodka, Marke »Ruhm der Heimat«, in ihren Röcken verschwinden.

Sie ist 89 und verrät mir »nach Jahrzehnten selbstquälerischen Schweigens«, Putins wahre, echte Mama zu sein. Ihr Mann, sagt sie, war ein Säufer und mochte den kleinen Wowa nicht. Deshalb habe sie ihn nach Leningrad zu entfernten Verwandten gegeben. Dort haben sie ihn zwei Jahre jünger gemacht, damit er in die erste Klasse gehen und Russisch lernen konnte. In Leningrad habe er viele Auftragsmorde älterer Kumpane ausgeführt – an den Ratten im Hof.

Wie auf Stichwort kommt eine dicke Frau von etwa 60 Jahren vorbei und sagt, sie sei Wowas Mitschülerin im Dorf gewesen und könne alles beweisen. Er habe Mädchen nicht gemocht und nur das Angeln und Judo geliebt (erstaunlich: bis heute!). Ich gebe ihr zwei Euro, damit sie wieder geht. Dann steht Vera Spiridonowna auf und zeigt mir, was sie bisher vor jedem Menschen verborgen gehalten hat: Hinterm Haus ist ein kleiner Hof. Tausende Knochen liegen dort, schrecklich. Hühnerknochen. Hier hat der heutige Präsident der riesigen Regionalmacht Russland seinen Hühner- Gulag per Dekret regiert!

»Wenn die Welt all das gewusst hätte«, sagt Frau Putina in einer astreinen Analyse, »der Tschetschenienkrieg, die Haft der Pussys, die Verhärtung in den europäisch-russischen Beziehungen, das schlimme Leiden der Polen, die ihre Äpfel nicht mehr nach Russland verkaufen können, die Ermordung des Kaczynski-Zwillings, die bösen Winterspiele und die Krim-Annexion wären uns erspart geblieben. Denn dann wäre mein Wowa niemals Präsident geworden, sondern ein rechtschaffener Säufer wie sein Vater.«

Wieder in Berlin – endlich Internet (in Russland darf theoretisch jeder ins Internet, wer es aber versucht, wird der Pornografie, der Homosexualität oder der Verbindungsaufnahme mit dem USA-Geheimdienst verdächtigt). Ich bin überrascht, und zwar doppelt. Erstens gibt es etwa ein Dutzend Frauen weltweit, die behaupten, Putins echte Mama zu sein, alles gelogen natürlich. Zweitens: Die Zeit war 14 Tage vor mir bei der Putina im kleinen Weingarten (Ausgabe vom 7.5.). Ein Jahr davor ein Kollege von der Wiener Zeitung, ein halbes Jahr davor die Rechercheure von Spiegel- Online, davor vermutlich der Märkische Markt, das Goldene Blatt, die Schülerzeitung vom Hermann-Hesse-Gymnasium Königswinter ... Dieses alte, verkommene, verlogene Weib! Putin sollte sich schämen, so eine zur Mutter zu haben.

Allerdings – die Geschichte mit dem Dekret im Hühner-Gulag, die Schlüsselepisode für das Psychogramm des Psychopathen Wladimir Wladimirowitsch – die hat sie nur mir erzählt. Reporterglück!

Mathias Wedel
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#4 .. 2015-08-31 22:46
also lenin hat das nicht vom Zaren,
auch wenn man über bartmode streiten kann
Zitat
 
 
#3 Johnny Walker 2015-07-25 14:37
Es ist nicht zu glauben, wie niveaulos Herr Wedel sein kann. Und die Redaktion, die so etwas veröffentlicht, beweist damit jegliche Unkenntnis über Politsatire. Schade um mein Abo.
Zitat
 
 
#2 K. Bütner 2015-06-26 10:08
Mein Gott, das ist Satire. Manchmal sehr sarkastisch, aber immer noch besser als als seichtes Bild-Geblabel.

Danke Eule
Zitat
 
 
#1 Orientalist 2015-06-18 12:43
Wegen dieser Blödelei kaufe ich Heft 7 nicht.
M.Wedel darf weiterhin auf pro-USA Welle schwimmen. Verschlucke nicht Mathi!
Zitat
 

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