Es der Welt beweisen – aus Heft 6/2015

palimpalimEs sollte ein Witz sein. Natürlich! Didi ist nun einmal der größte noch immer lebende Witzemacher der Nation. Nur Böswillige, Neider und berufliche Missversteher konnten ihm ernste Absichten unterstellen, als er bei der Verleihung der »Romy«, der »Lola« der Ösis, sagte, er werde diese Trophäe »nun heim ins Reich holen«!

Das saß. Und wenn wir nicht hoffen dürften, trotz seines Alters noch viel gutgegarten Humor von Hallervorden erwarten zu können, wir könnten geneigt sein, diesen Satz als Krönung seines komischen Lebenswerkes zu bezeichnen. So spricht ein Freigeist, ein Mann des Esprit, ein Virtuose des perfektes Timings, ein Akrobat der atemberaubenden Lakonie, kurz – so spricht der einsame Könner im Proszenium der bemühten Spaßmacherei.

Hallervorden ist nichts für Dummköpfe. Nichts für Leute, die einen Witz nicht wirken, nicht Wel - len schlagen lassen wollen. Ja, die nicht einmal, wenn Hallervorden selbst (wie immer) über sei - nen Witz lacht (wie auch über den mit dem Dritten Reich), erkennen, dass es sich um einen solchen handelt. Ignoranten gegenüber ist der echte Künstler vollständig wehrlos: »Das war ein Witz, Leute!«, hätte er den sauertöpfischen Kulturträgern zurufen müssen. So aber setzte er an, seine »ernste Absicht« zu beteuern!

Er habe, so Hallervordern notgedrungen und mit Angstnässe auf der Stirn, wie so oft, »nur aufrütteln « wollen! An die Mitläuferschaft der Österreicher im Dritten Reich, ihr erbärmliches Ran - wanzen an den Führer habe er erinnern wollen, an dieses verdrängte Kapitel der gemütlichen, überwiegend im Kaffeehaus angesiedelten k.u.k.- Nationalgeschichte. Weil sich das ja sonst keiner traue – in diesen Tagen schon gar nicht, in denen man sich alleweil zuzurufen hat, wie gut alles gediehen ist seit dem Mai 1945. Der ar me Hallervorden!

Dabei weiß er doch: Ein Witz, der erklärt wird, ist tot und fängt augenblicklich an zu stinken. Hallervorden ist es gewohnt anzuecken. Es begann in Dessau. Der kleine Dieter hatte es nicht leicht, sein Gesicht fiel aus der SED-Norm. In der Schule wurde mit seinen Ohren die Tafel gewischt und sein Kinn wurde beim Kampf um den »Goldenen Rodel« als Bremse eingesetzt. Doch schon da, der Diktatur sei »Dank«, er kannte er seine Berufung: Einfach blöd gucken bringt Punkte, macht beliebt, wird bezahlt und später Tausende Kinogänger begeistern. Natürlich war der Sozialismus Gift für sein Talent, denn lachen war verboten (weinen übrigens auch). Aber der Dieter biss sich durch. Er studierte Sprachen, arbeitete als Übersetzer und Revolutionär der ersten Stunde: Er übersetzte den Bonzen systematisch Kochrezepte falsch. Als ein von ihm übersetztes Omelett mit einer Prise Chlorreiniger einem SED-Funktionär die Zunge verätzte, blieb Hallervorden nur die Flucht in die Freiheit, »getrieben vom Überlebenswillen, dem Drang, meine Meinung zu sagen, und der schieren Angst davor, in der Landesstrafanstalt Bautzen zu landen«. Die Aufnahmekommission einer Westberliner Schauspielschule (von Kommunisten unterwandert?) versagte ihm die Würdigung als SED-Opfer und schickte ihn zurück in seine Mansarde, so wie es einst auch dem Führer an der Kunstakademie Wien erging (daher Hallervordens Leiden an Österreich), und wie bei dem setzte das bei Hallervorden den ungeheuren Drang frei, »es« der Welt zu beweisen.

Zunächst versuchte er mit politischem Engagement berühmt zu werden und – etwa wie die Westberliner Fluchthelfer – rechtschaffen Geld zu verdienen. Er beschloss, Ulbricht zu ermorden, zu erschießen, von der S-Bahn aus, die gleichzeitig als Tatort und als Fluchtfahrzeug dienen sollte. Leider wurde daraus nichts (Hallervorden verpasste die S-Bahn), schade – der Menschheit wäre viel erspart geblieben. Die Mau er z.B., aber auch Hallervordens jahrzehntelange Präsenz als Blödel vom Dienst mit feuchtem Kinn und Glupschaugen.

Leicht war die Karriere nicht. Er bewarb sich bei den »Stachelschweinen«, ein Kabarett, das sogar Touristen meiden. Damals saßen dort – erinnerte sich Hallervorden verbittert – vornehmlich Idioten und Kommunisten (Kommunisten sitzen nicht mehr dort). Und die lehnten ihn ab. Wieder eine kränkende Zurückweisung! Und wieder sprach der Kämpfer in ihm: Dann leckt mich doch am Kinn – ich werde selber Intendant. Und das wurde er auch.

Doch berühmt wurde er als Didi, der Idiot. Sketche, wie »Eine Flasche Pommes frites« als Knacki in KZ-Kleidung, lösten vor gefühlten hundert Jahren Lachkrämpfe in westdeutschen Reihenhaussiedlungen aus (im Osten verstand man das Wort »Pommes frites« noch nicht). Mit der Fernsehsendung Nonstop Nonsens zeigte Hallervorden dem Volk der Deutschen, dass man auch noch über etwas anderes als Judenwitze lachen konnte. »Palim, palim« – mehr Text brauch te er nicht – bis heute ist das der Schlachtruf von Klempnern und Schlüsseldiensten.

Noch immer wird der Meister heute mit »Palim, palim« auf der Straße angepöbelt. Angesprochen zu werden, das mag er nicht, schon gar nicht auf diese primitive Weise. Um dem zu entgehen, erwarb er in den Achtzigern ein Anwesen, das seiner würdig ist, ein Schloss samt Insel in Frankreich. Hier kann er denken (in Wahrheit ist in ihm ein Philosoph des kämpferischen Liberalismus verborgen, einer, der in Westerwelle lange den Heidegger der Gegenwart sah) und sein Geld zählen.

Aber es treibt ihn auch immer wieder auf die Bretter, die des eigenen Theaters, das er als Vorzeigeunternehmer führt, mit angeblich von Fips Asmussen (einem der ganz Großen in der Palliativ-Entertainment-Brache) geklauten Witzen, immer ignoriert von der sozialdemokratisch verseuchten Berliner Kulturpolitik, die eher Bühnen fördert, die Migranten-Stadl veranstalten. Eigentlich ist er der einzige Impresario in Deutschland, der auf eigenes Risiko arbeitet. Castorf, Peymann, Flimm – alles Leute, die noch keinen einzigen reinrassigen Kalauer auf die Bühne gebracht haben.

Er selbst hält sich mittlerweile auf der Bühne zurück, wirkt aber zupackend: Großartig, wie er vor Jahren einem Darsteller, der einen Schwarzen spielen sollte, das Gesicht mit Schuhcreme einfärbte! (Auch die politische Dimension dieses Witzes hat die Presse als »rassistisch« missverstanden.) Und dann die tollen Rollen im Kino – als Kinderschänder, Marathonläufer und zuletzt, mit durchschlagendem Erfolg beim Publikum, als Demenzkranker.

Und was ist mit dem Nachruhm? Nach-Ruhm braucht der große Mime nicht, er wird berühmt bleiben, denn er hat vorgesorgt. Vor Jahren hat er seinen jüngsten Sohn angewiesen, die Schule abzubrechen und intensiv die Persönlichkeit, die Gesten, den Witz und das philosophisch-politische OEuvre seines bedeutenden Vaters einzustudieren. Der Kleine wird Hallervorden, sollte es überhaupt zu dessen Ableben kommen, als »Didi 2.0« kongenial ersetzen und sich natürlich verbitten, auf »Palim, palim« reduziert zu werden.

Felice von Senkbeil
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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