Sigmar sinniert sanft seinen Sack schaukelnd – aus Heft 5/2015

Sigmar sinniert ...Sigmar Gabriel wachte auf und fühlte sich sofort behaglich – ein putziger Wombat im gepunkteten Pyjama. Er überlegte kurz, ob er es mit seinem Selbstbild als seriöser Staatsmann vereinen konnte, sich eine ausgiebige Sackmassage zu verpassen. Dann langte er zu und sinnierte genussvoll grunzend vor sich hin: Was war nur mit den Deutschen los? Warum waren sie zunehmend so sauertöpfisch, übermoralisch und parteipolitikverdrossen? Immerhin durften sie ihre Volksvertreter frei wählen, anders als die Menschen in Saudi-Arabien. Dort lag Sigmar gerade in einem schicken Einzelzimmer des Radisson Blu. Großzügig waren die Saudis, keine Frage, aber in ihren Minibars fehlte es zwischen Fanta und Frizzelwasser eindeutig an Pils und Piccolo. Und den Deutschen fehlte es zunehmend an Sektlaune.

Immer weniger gingen zur Wahl, immer mehr liefen zum großen Protest gegen jeden Mist auf. Attac, Campact, Nabu, Gretti und Pletti gegen NAFTA, TAFTA, GAFTA, ACTA, CETA und vor allem TTIP. Was hatten diese in Oxfam-Restbeständen herumnölenden Grünentanten und diese in den Talkshows herumprantelnden Heriberts gegen freien Handel zwischen wirtschaftlichen Supermächten? Schluss mit verteuernden Einfuhrzöllen, komplizierten Einfuhrbeschränkungen, nationalen Extrawürsten. Ein Standard für alle von Los Angeles bis Bukarest. Für ganz Eumerika.

Zack. Studien sprachen ganz eindeutig von Wachstum. »Wachstum« – das Wort machte Sigmar so glücklich wie den Joachim das Wort »Freiheit«. Bis zu 160 000 neue Arbeitsplätze in zehn Jahren allein in Deutschland. In Südeuropa würden es vermutlich ein paar weniger werden, von Afrika ganz zu schweigen, aber das machte den Kohl da auch nicht mehr fett. Hihi. Kohl. Fett.

Handelsabkommen kannten eben immer Gewinner und Verlierer – das sah man am NAFTA, dem Abkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada –, aber in absoluten Zahlen gab es Wachstum, und darauf kam es an. Den optimistischsten Berechnungen zufolge würde durchs TTIP das deutsche Bruttosozialprodukt jährlich um fast 0,05 Prozent steigen. Gut, das war so gut wie nichts, aber der EU-Handelskommissar Karel de Gucht hatte kiebigen Journalisten dazu mal etwas Kluges gesagt: Um Prozente gehe es doch gar nicht. Es gehe um wachsenden Wohlstand für alle. Bingo. Diese rhetorische Raffinesse musste dem cleveren Kaaskopp erst einmal einer nachmachen.

Allerdings hatte sich de Gucht bei dem Wort »alle« an der Stirn gekratzt. Und solche Gesten hatte Angela Sigmar einmal in einem vertraulichen Gespräch ausgeredet. Laut ihrem Körpersprachetrainer erkannte man daran, dass jemand gerade lügt. »Nicht mit den Händen im Gesicht rumfummeln, Siggi« – das waren die Worte der Kanzlerin gewesen, während sie wieder einmal ihre berühmte Raute gemacht hatte. Sigmar würde auch gerne die Raute machen, die Sigmar-Raute, aber Angela hatte die Geste längst urheberrechtlich als »Angies Power-Mumu« schützen lassen.

Da blieb ihm nichts anderes, als seine Arme links und rechts am Körper herabhängen zu lassen. Dafür würde er vermutlich nicht in die Geschichtsbücher eingehen: Der Politiker, der die klassische Glühbirne verbot und die Arme immer so am Körper herabhängen ließ. Aber Schwamm drüber. Sigmar hielt einen Moment lang in seinem sanften, aber hartnäckigen Kraulen inne: Vielleicht hätte er nicht zu Beginn der Debatte die Schiedsgerichte und den Investitionsschutz verteufeln sollen. Aber da hatte er halt auch mal Applaus von der SPD-Basis hören wollen. Die taten mittlerweile manchmal so, als ob man der eigenen Partei nicht trauen könne. Und da hatte er es eben gemacht wie sein Kollege, der EU-Schulz.

Der hatte vor laufenden Kameras verkündet, Rechtsstaaten wie die USA und Deutschland bräuchten keine privaten Sondergerichte, um Konzerne vor umsatzhemmenden Gesetzen zu schützen, und erst recht keine niedrigeren US-Standards bei Lebensmitteln oder im Gesundheitssystem.

Basta. Ende. Aus. Das Schlimme mit Martin war: Der war Quartals-Alkoholiker und trockener Sozialist oder umgekehrt. Der meinte so etwas manchmal durchaus ernst und hielt dann daran fest. Und anders als Sigmar, Angela, Joachim oder Entscheider wie Kai Diekmann und Jürgen Fitschen war Martin auch kein Mitglied der Atlantik-Brücke. Und gerade von der hatte Sigmar in Sachen Politik Entscheidendes gelernt:

Demokratie war eine tolle Errungenschaft, und man durfte gerade deshalb die Masse nicht mit Informationen kopfscheu machen und mit Entscheidungen belasten, bei denen sich bereits Wirtschaftsexperten in die Wolle bekamen. Es war ein bisschen wie bei der Kindererziehung. Das Wesentliche mussten die Großen unter sich klären, die Kleinen durften sich zwischen einem Bällchen Schoko, Vanille oder Schlumpf entscheiden.

Eine kindgerechte Sprache hatte sich bei dieser Vorgehensweise bewährt. In dieser Hinsicht hatte Angela neue Maßstäbe gesetzt. Wie die zum Beispiel die Finanz- und Schuldenkrise so dargestellt hatte, dass keiner mehr wusste, worum es ging, und gleichzeitig alle dachten, sie wüssten genau, worum es ging – das war schon Spitzenklasse. À la Angela machte er es jetzt beim TTIP: Ein bisschen Peitsche – der Asiate schläft nicht. Viel Zuckerbrot – Wachstum, Goldstandard der Handelsarchitektur. Und ganz viel Ungreifbares: Da ist noch nichts beschlossen, die Leute sollen sich aufregen, wenn’s beschlossen ist. Hihi. Das hatte er wiederum von Gerhard-»Lass-das-mal-den-Papa-machen«-Schröder gelernt, zusammen mit der Technik, sich langsam, aber verständlich wie ein Profi-Trinker auf zwei Promille zu artikulieren.

Sigmar stöhnte vor gestauter Lust, während ihm der Sud im Sack siedete. Kolossale Klonschweine paradierten vor seinem geistigen Auge durchs deutsche Hinterland und lieferten herrlichen Hormonschinken. Dann verscheuchte er diese Phantasterei. Ein Mit-Atlantiker hatte es ihm gesteckt: Die Klontiere und Chlorhühner würde man aus dem Programm nehmen, um der von Reinheitsfantasien besessenen deutschen Bevölkerung das Gefühl zu geben, bei dem Abkommen doch mitentschieden zu haben. »Collateral damage« hatte das der Herr der Atlantikbrücke genannt. Ein eindrucksvoller Typ, neben dem sich Sigmar gefühlt hatte wie ein Comic-Kater-Karlo, der durch den Film Der Pate stolpert. Collateral damage – den Ausdruck hatte Sigmar in den letzten Jahren erstaunlich oft gehört. Zuletzt bei der lästigen Edathy-Affäre. Alles war gut gewesen, solange nur die richtigen Leute von Edathys dämlichem Download-Verhalten etwas gewusst hatten. »Buben in Freiheit dressiert« – peinlich, peinlich. Na, Hauptsache, es wusste schon keiner mehr, wer zum Beispiel Michael »Crystal« Hartmann war.

Sigmar seufzte und wuchtete sich mit gut durchblutetem Gehänge aus dem Bett. Versonnen schaute er aus dem Fenster auf Riad. Dort unten wuselten die Menschen munter durch die Straßen und wirkten viel weniger politikverdrossen als die Deutschen. Gleich heute Mittag würde Sigmar seinen Gastgeber fragen, wie die das hier eigentlich machen.

Anselm Neft
Zeichnung: Andreas Prüstel

 

---Anzeige---