Nichts geht ohne unser Wir – aus Heft 4/2015

Der Printjournalismus hat es nicht leicht. Nicht jeder wird so von den Lesern gehätschelt wie die Satiremagazine, die locker mal sieben Millionen Exemplare einer einzigen Ausgabe verkaufen, dank geschickter Eigenwerbung, die keine Opfer scheut. Aber die anderen haben es schwer, nicht mal wenn sie sich erschießen ließen, würde das was bringen. Die Papierpreise! Die Versandkosten! Die Spitzenhonorare der Edelfedern! Aber schuld ist natürlich das Internet. Das hat alles kaputt gemacht. Nur die Speerspitze des Qualitätsjournalismus (Bild, BamS und eDarling) kann inzwischen im Netz ein paar Kröten generieren.

Dann ist da das Problem mit den Anzeigenkunden, die lieber Millionenverträge mit 13-jährigen Youtube-Stars abschließen, die ihren Fans versprechen, bei einer Million Likes einen mittelgroßen Traktor samt Anhänger voller Gülle zu fressen. Annoncen neben gedruckten Texten, die über Twitterlänge hinausgehen und womöglich komplizierte Fremdwörter enthalten wie »Bulette« oder »Automobil« – geht gar nicht! Heute kann jeder stumpfsinnige Analphabet ohne Festanstellung bei einer »seriösen« Redaktion jeden Hirnmüll ins Netz stellen und damit mehr Klicks bekommen als der letzte stumpfsin nige Analphabet mit Festanstellung in einer »seriösen« Redaktion.

Die Presse schreibt, und das Fernsehen sendet oft am Intellekt der Rezipienten vorbei: 80 Prozent der Zuschauer verstehen die Tagesschau nicht. Die restlichen Befragten verstehen die Frage nicht, ob sie die Tagesschau verstehen. Die Sendung mit der Maus erreicht hingegen nur Zuschauer, die noch nicht »A-A« sagen können (irrelevante Zielgruppe). Bei der Presse sieht es nicht besser aus. 60 Prozent der FAZ-Abonnenten sind seit über fünf Jahren tot, für Die Welt gibt es keine Zahlen, weil sie nur als Gratisexemplare auf Flughäfen existiert, selbst Bild wird nicht von allen verstanden: So verste hen 99 Prozent der Leser nicht, warum das Blatt überhaupt erscheint, wenn kein Titten-Foto mehr dabei ist. Die Zahlen zeigen: Eine Mehrheit ist dagegen, dass Zeitungen noch etwas anderes als den Wetterbericht, das Kreuzworträtsel, den Sportteil und die Verkehrstoten enthalten.

Doch es gibt Journalisten, die neue Wege gehen. Irgendwo zwischen Lifestyle, Vermischtem und Perversen, haben sie den Wir-Journalismus entwickelt. Er hat eine Überschrift über alles: Warum wir so sind, wie wir sind. »Warum wir überall Hitler sehen« (Die Welt), »Warum wir so wichtig finden, was andere denken« (Focus), »Breaking Bad: Warum wir die Kultserie lieben« (Spiegel), »Warum wir Google fürchten« (FAZ), »Warum wir über Aussies staunen« (Focus). Dazu kommen ungebetene Ratschläge: »Wie wir die einsamen Wölfe des Islamismus zähmen können« (Die Welt), »Wie wir die Welt retten« (Geo), »Wie wir unsere Kinder retten« (Focus). »Wie uns der Fußpilz quält«, »Wenn uns die Blase irritiert« (diverse Apothekenblätter). Manche Artikel sind tatsächlich hilfreich. Wer beispiels weise im Handelsblatt den Beitrag »Wie wir unsere Denkzeit vernichten« bis zum Ende liest, der weiß, wie es geht. Das Schöne am Wir-Journalismus – er bietet zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten: »Wie wir alle Opel wurden« (FAZ), »Wir sind Papst« (Bild), »Warum wir so sind, wie wir sind« (Handelsblatt)oder »Mia san mia« (NSDAP). Auch sehr gern genommen: »Wir alle sind Helene, atemlos«, »Udo Jürgens, lass uns hier nicht allein!« oder »Je suis Ossi«. Und war es eigentlich schon da, das Zeit-Dossier »Warum wir so ins Wir verliebt sind«?

Allerdings muss die Methode auch Randgruppen erreichen, vor allem dann, wenn sie glauben, die Mehrheit (»Wir sind das Volk«) zu sein: »Warum wir Ausländer has sen«, »Unsere Angst vor dem Fremden – warum sie, vor allem gegenüber Tunesiern, völlig normal ist«. Alles was wir (!) dafür brauchen, sind innovative, geistig flexible Journalisten, die sich – nach dem Ratschlag des Pioniers im Wir-Journalismus, Hajo Friedrichs – mit keiner Sache gemein machen, es sei denn, sie macht Auflage.

Valentin Schark

 

Kommentare 

 
#1 H. Frenzel 2015-04-08 18:28
Jaja, Herr Schark - die "Randgruppen", so wie man sie im satten, vollgefressenen , faulen, am ewigen Tropf der restlichen Bundesländer hängenden Berlin sieht. Ihr habt Euch schön integriert in das mediale Einheitssoßen-Verbundnetz dieser verlogenen Gesellschaft.
Zitat
 

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