Von daher weht der Wind Ein Geständnis aus der Propagandafabrik – aus Heft 2/2015

Es wird Sie schockieren, doch nicht alles, was im EULENSPIEGEL steht, entspricht der Realität und Wahrnehmung der Bürger. Ja, auch der EULENSPIEGEL ist Teil der aktuell viel geschmähten »Lügenpresse«.

Wegen des letzten EULENSPIEGEL-Titelbildes, das den großen Brandenburger Führer Matthias Platzeck als lustigen Volksmusik-Russen abbildet, fragt unser Leser Kurt König: »Ich frage mich, wer ihnen derartige ›Publikation‹ vorschreibt ?«1 Und Herr König – das wird sich gleich zeigen – fragt sich das zu Recht.

Dieser und die vielen weiteren Briefe zu diesem Thema2 haben mich aufgerüttelt und dazu gebracht, über meinen Berufsstand nachzudenken und mir endlich, und zumindest dieses eine Mal, die Wahrheit von der Seele zu schreiben.

Was Sie nun zu lesen bekommen, mag nach einer Verschwörungstheorie klingen, auch werden alle im Text genannten Personen sämtliche Vorwürfe von sich weisen, doch ich kann alles mit Fußnoten belegen3.

Üblicherweise läuft es so ab (ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, in anderen Redaktionen dürfte es jedoch ähnlich sein): An jedem zweiten Donnerstag des Monats kommt ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundespresseamtes – meist die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Wirtz – in unserer Redaktion vorbei, überreicht uns eine Liste mit den Themen für die nächste Ausgabe, erörtert die von uns widerzugebende aktuelle Linie der Regierung und legt fest, welcher Cartoon auf die letzte Seite kommt. Diesmal jedoch war alles anders:

Zwei Tage früher als üblich fuhren zwei gepanzerte Limousinen im Hof vor. Auf dem Dach gegenüber landete ein Hubschrauber, zwei schwarz gekleidete Vermummte sprangen heraus und postierten sich mit Scharfschützengewehren so auf dem Dach, dass sie in unsere Redaktionsräume blicken konnten. Keine zehn Sekunden später stürmte ein Dutzend Polizeibeamte herein, sicherte alle Zimmer, und dann kam sie. Die hochverehrte Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel höchstselbst beehrte uns mit ihrer Anwesenheit.

Wir waren starr vor Schreck, fühlten uns aber auch geehrt und stolz. »Dieser Platzeck«, erklärte die Kanzlerin, »wird mir zu mächtig. Wenn der mir die Brandenburger aufwiegelt, steht Putin bald vor Berlin, und ich muss in den Gulag. Doch wenn Platzeck mit Bärenfellmütze auf dem Kopf auf dem EULENSPIEGEL-Titel abgebildet wird, ist meine Herrschaft gesichert. Am besten wäre, ihr lasst das Bild von Arno Funke anfertigen, den der Verfassungsschutz zum Propagandisten ausgebildet hat, während alle Welt dachte, er sei wegen Erpressung im Gefängnis.« Sie fügte noch ein teuflisch klingendes »Muahaha!« an, dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Nur der Schwefelgeruch blieb. – So kam Matthias Platzeck auf den Titel. Und obwohl ich mich innerlich dagegen sträubte, diesen großartigen ehemaligen BER-Aufsichtsratsvorsitzenden als rotnasigen Homophobenversteher abgestempelt zu sehen, begehrte ich nicht dagegen auf, sondern ließ mich bereitwillig von den zwei Referentinnen, die Merkel dagelassen hatte, nach Hause begleiten.

Ich kann diesen Fehler nicht rückgängig machen, aber ich kann nachfolgende Journalistengenerationen davor warnen, dieselben Fehler zu begehen.

Nicht nur die Lakaien des BDI wie Angela Merkel nehmen Einfluss auf die Berichterstattung und verzerren damit die Wahrheit. Dem geneigten Leser dürfte schon aufgefallen sein, dass er aus meiner spitzen Feder bisher noch nie eine geharnischte Satire auf den Berliner Tierpark gelesen hat. Grund dafür ist, dass Besitzer eines Presseausweises dort freien Eintritt genießen. Damit wird man zwar nicht direkt gekauft, doch es stimmt Pressevertreter dem Tierpark gegenüber prinzipiell wohlgesonnen. Auch wenn man den arroganten Mhorr-Gazellen durchaus mal einen Spiegel vorhalten sollte. Alleine schon wie die rumstolzieren! Dabei haben die noch nix geleistet in ihrem Leben!

Auch wenn wir nicht direkt dafür bezahlt werden – es stimmt: Wir lassen uns korrumpieren. Wenn beispielsweise ein Kollege aus der Grafikabteilung hereinkommt und vorschlägt, acht, neun Bier trinken zu gehen, bricht man seine Arbeit nur zu bereitwillig ab, selbst wenn man mitten Bei allem gesunden Misstrauen, das jeder Medienkonsument mitbringen sollte, muss er aber immer auch auf die Integrität des Journalisten, egal wie verkatert der auch sein mag, vertrauen können. Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass ich keine Hose trage, während ich dies schreibe, haben Sie als Leser keine Möglichkeit, die Behauptung zu verifizieren. Zumindest nicht, solange es nicht von einem unabhängigen Blogger im Internet bestätigt wird.

Mit Ihrem Ärger sind Sie jedoch nicht allein. Auch ich echauffiere mich gelegentlich über die Kollegen anderer Publikationen, die voneinander abschreiben und mit beinahe identischer Wortwahl einen Einheitsbrei hervorbringen, der von Meinungsvielfalt und freier Presse weit entfernt ist. Was schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung? »Der Wind weht schwach aus südlichen Richtungen.« Die Berliner Zeitung zum selben Thema: »Der Wind weht mäßig aus Süd.« Das Neue Deutschland: »Der Wind weht mäßig aus südlichen Richtungen.« Skandalös: Die Junge Welt verschweigt dem Leser die Fakten komplett.

Springers Welt, überraschend genug, informiert am differenziertesten: »Der Wind weht im Süden schwach, im Norden mäßig und an der Küste auch frisch aus südlichen Richtungen.« Den Tatsachen kommt man aber wohl erst dann näher, wenn man nicht auf die heimische Mainstream-Presse vertraut. Die New York Times nämlich weiß von »böigen Nord-Nordwest-Winden« (»gusty north to northwest winds«). Die Wahrheit dürfte wie immer irgendwo in der Mitte liegen. Zu einfach sollte man es sich als Leser nicht machen. Man muss sich auch aktiv selbst informieren. Die »Pegida«-Bewegung zum Beispiel mag auf den ersten Blick mit ihrer Kritik an der Presse auf den intellektuellen Spuren eines Karl Kraus wandeln, bei näherer Betrachtung sollte man sich aber fragen: Wer hat ein Interesse daran, die Presse als Lügenpresse zu enttarnen?

Wenden sich die Leser von den gedruckten Medien ab, lesen sie nur noch, was im Internet steht. Und wer steuert das Internet? CIA, NSA und der Jude Mark Zuckerberg. Da mögen noch so viele Demonstranten RTL-Reporter sein, letztlich profitieren die USA davon. Wer es nicht glaubt, kann das alles offiziell im Internet nachlesen4.

Oder in dem Buch5, das mir vor Kurzem kostenlos zugeschickt wurde. Doch weshalb schickt mir ein Verlag überhaupt kostenfrei ein Rezensionsexemplar zu? Will man dadurch etwa Einfluss auf meine unabhängige Berichterstattung nehmen?
Soll ich, da ich das Buch geschenkt bekommen habe, wohlwollend darüber berichten? – Nein, ich werde neutral darüber urteilen, und zwar nicht nur weil die üblichen Lesezeichen in Form mehrerer gelber Euro-Scheine fehlten, sondern weil es die Wahrheit ist: Kaufen Sie sich diese Scheiße nicht! Jedenfalls nicht in der Buchhandlung.

Kaufen Sie lieber mein vollgeschmiertes Rezensionsexemplar, das ich bei E-Bay reingestellt habe! Ich brauche das Geld, um mir eine Hose kaufen zu können.
Gregor Füller
1 EULENSPIEGEL 2/15, Seite 6
2 Ebd.
3 Siehe Fußnoten in EULENSPIEGEL 2/15, Seite 18
4 Einfach mal googeln!
5 Ulf Udokotte: »Ich war korrupt, also alle anderen auch!

 

Kommentare 

 
#1 Hundehund 2015-02-20 19:10
...da jedes Wort da hingedruckt ins Papier existiert... ist auch jedes Wort real... somit auch die Sätze und Absätze und Texte alleseidenst real und samt und sonders... über den Sinn des Abdruckens kann man natürlich geteilter Meinung sein... manchmal vergeht mir auch der Appetit bei derartigem Wortsalat...
Zitat
 

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