Reden ist Schweigen, Silber ist Gold – aus Heft 1/2015

Gastredner sind in aller Regel von einer Qualität, dass der Zuhörer sich wünscht, der Veranstalter hätte noch ein paar Euro draufgelegt und statt ihrer lieber Gastschweiger verpflichtet. Doch anders als der Redner verfügt der Schwei ger nicht über ein staatlich geregeltes Berufsbild. Wer einen Gastschweiger bucht, weiß nicht genau, was er bekommt. Schweigt er lebendig und interessant? Bezieht er das Publikum ein? Hat er Humor? Ist er nach ISO 9006 zertifiziert, TÜV-geprüft und phtalatfrei?

Bei einem Gastredner hingegen existiert ein klares Anforderungsprofil: Seine Aufgabe ist es, zu einem beliebigen Thema Originelles zu sprechen. Wichtig ist eine zwar kritische, dem Veranstalter aber dennoch wohlgesonnene und vor allem optimistische Diktion: »Ja, wir schaffen das!« (Bob der Gastredner) Kein Wunder, dass immer mehr junge Menschen diesen Beruf zu ergreifen wünschen. Doch Obacht: Typischerweise ist der Gastredner ein Mensch mit verdienstvoller Vergangenheit und einem gewissen Lebensalter. Das »a.D.« hinter Namen und Amtsbezeichnung ist fast schon ein Muss. Vom Wähler zur Ruhe gesetzte Politiker, ehemalige Leistungssportler und natürlich Fernsehschaffende können sich als Gastredner oft ein zweites Existenzbein aufbauen. Will man bereits in jungen Jahren diese Berufslaufbahn einschlagen, gilt es vieles zu bedenken.

Wie und wo kann man eigentlich Gastredner werden?
Bisher bieten nur wenige deutsche Hochschulen einen direkten Studiengang »Gastrednerin/Gastredner« an. Der Bachelor- oder Master-Abschluss in Fachrichtungen wie »Diskussionswissenschaften «, »Ich sehe was, was du nicht siehst« oder Lehramt bietet aber oft eine gute Grundlage und ist nicht besonders anstrengend. Wer die Kunst der freien Rede beherrscht, schafft hier locker seinen ersten akademischen Abschluss, auf dem sich aufbauen lässt.

Wo werden Gastredner eingesetzt?
Die Einsatzgebiete eines jungen Gastredners sind vielfältig. Viele Absolventen beginnen als Gefängnispfarrer, Trauerredner oder bleiben so lange bei Mutti wohnen, bis sich was ergibt. Wer keine Berührungsängste hat, kann auch in den SPD-Ortsverein eintreten. Wem es nichts ausmacht, als Standbetreuer im Wahlkampf tagelang von den Passanten vollständig ignoriert zu werden, der beweist psychische Robustheit und zeigt, dass man ihn auch mit höheren Aufgaben betrauen kann.

Was sind die Schlüsselqualifikationen und Kernkompetenzen?
Gastredner sind wie Sprühsahne – viel Luft, wenig Masse. Verfügen sie über eine gewisse Prominenz, ist diese bereits Qualifikation genug. Wer schon mal im Fernsehen war, muss nicht unbedingt gut reden können. Ansonsten ist Selbstbewusstsein das Wichtigste. Und natürlich jene Art von Gelassenheit, die sich aus der Gewissheit speist, dass das, was man tut, im Grunde überflüssig ist. Gastredner sind zwar zu nichts nütze, sie richten aber auch keine größeren Schäden an. Einige werden sogar Bundespräsident.

Kann man davon leben?
Man kann. Gastredner ist nur eine von zahlreichen parasitären Lebensweisen. Hans-Dietrich Genscher zum Beispiel reist seit 25 Jahren mit derselben Rede durchs Land. Es begann im November 1989 mit dem Auftritt vor der Interessengemeinschaft »Aus - reise jetzt!« e.V. in Prag: »Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.« Seither ist man nirgendwo mehr vor ihm sicher: Kongress des Verbandes der Alt-Philologen in München: »Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen ...« Jahrestagung des Bundes der Designerbrillen-Designer in Bad Salzuflen: »Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen …« Führungskräfteseminar der Bundeswehr in Kabul: »Liebe Landsleute …« usw. usf. Von Gen scher bekommt man richtig was geboten, zumal er seine Rede stets von einem extra auf der Bühne errichteten Balkon herab hält. Und jedes Mal 25 000 Euro einstreicht.

Und wie war das mit Wolf Biermann im Bundestag?
Was der hanseatische Singschnauz, der Wolfgang Amadeus Bierzart unter den Chanteusen und Dichtlingen des Landes, Hauptnutzer des unsauber gegriffenen Fis-Dur-Akkords, dort auf die Bühne brachte, war die hohe Schule des Gastredner-Wesens: Einfach über sich selbst reden. Und singen! Wer nicht singen kann, verwende als Einstieg einfach ein paar massenkompatible Scherze über die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Denn schlüpfrig geht immer! Und die Herren im Publikum haben beim gemütlichen Beisammensein am Abend etwas, wovon sie sich distanzieren können – so punktet man geschickt bei der Damenwelt, der man schließlich später noch sein Hotelzimmer zeigen will.

Wie stehen die Chancen für einen Wechsel ins Ausland?
Hier ist die Lage ziemlich rosig. Gastredner »made in Germany« sind so etwas wie der Volkswagen unter den Schwätzern, Nervensägen und Besserwissern. In vielen Regionen der Welt sind sie gern gesehen, zum Beispiel nördlich des Polarkreises, in der Atacama-Wüste oder in der Gegend um Prenzlau. Man schätzt sie dort, weil da keine Menschen leben, denen sie auf den Geist gehen können. Dafür freuen sich Eisbären und Wolfsrudel über Abwechslung auf der Speisekarte. Und die Lamas in der Atacama haben endlich mal jemanden zum Anspucken.

Dürfen Gastredner streiken?
Streiken ist ein Grundrecht, das auch für Gastredner gilt. Wenn diese Berufsgruppe in den Streik tritt, wird es ähnlich sein wie vor einigen Wochen, als das ganze Land während des Immobilienmakler-Streiks endlich einmal sah, wie das ist, so ganz ohne Makler. Viele Makler berichten, wie sie seitdem den gewachsenen Respekt und die – ja, Liebe der Menschen spüren können. Wertvolle Arbeit muss auch fair, d.h. mindestens opulent bezahlt werden. Daran kann sich die Gastredner-Branche orientieren.

Welche Themen sollte ein Gastredner draufhaben?
Ein guter Gastredner kann zu jedem Thema etwas sagen. Die führende europäische Redneragentur CSA bietet zum Beispiel folgende Inhalte an: Ethik & Werte, Finanzen & Kapital, Innovation & Wandel, Zukunft & Trends usw. usf. Bei diesen Themen genügt es, einige wenige Schlagworte mit einer Vielzahl von Füllwörtern zu hübschen Buchstabengirlanden zu verknüpfen. Der professionelle Gefälligkeitsschwätzer braucht im Grunde nur eine einzige Rede, um jederzeit und überall bestehen zu können. Wer das nicht glaubt, verquirle einfach die obigen Schlagworte neu: Ethik & Finanzen, Werte & Wandel, Innovation & Zukunft – Sie sehen: es funktioniert! Und da bei einem Gastredner ohnehin nie jemand richtig zuhört, wird es auch niemals auffallen.

Robert Niemann

 

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