Im Testen nichts Neues – aus Heft 12/2014

Im Jahr 1964, dem geburtenstärksten in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Bundesrepublik Deutschland, erblickte nicht nur der eine oder andere liebe Mitmensch das Licht der Welt (Kai Diekmann, Henry Maske, Johannes B. Kerner) – nein, auf der Festung Warenstift wurde zudem auch noch die Stiftung Warentest gegründet. Das muss gefeiert werden!

Denn dank der emsigen Stiftung hat das Testen von Waren und Dienstleistungen längst die Nische verlassen, in der es jahrtausendelang sein Dasein fristete. Tests sind gesellschaftsfähig geworden. Sie nehmen zum Beispiel im Fernsehen inzwischen einen erheblichen Teil der Sendezeit ein. Dort werden Tchibo-Kaffee mit einer laktosefreien Busreise durch den Kosovo, Käpt'n Iglo mit dem Bonuspunkteprogramm der AOK für Organspender und Äpfel mit Äpfeln verglichen. Getestet wird in aufwendigen Laborversuchen erstens der Preis, zweitens wie viel es kostet und drittens was man dafür bezahlen muss. Außerdem der Stickstoffgehalt und ob man es runterfallen lassen kann (ja, kann man, außer es liegt schon unten), ohne dass es kaputtgeht (nein, geht kaputt). Sogenannte Verbraucher kommen zu Wort und bestärken die Produzen - ten in ihrer Auffassung, dass die Zielgruppe, für die sie ihre Waren herstellen, nichts Besseres verdient hat als Verachtung.

Doch die Mutter aller Tester ist und bleibt die Stiftung Warentest! Deren Ergebnisse sind so etwas wie ein Gottesurteil. Weltkonzerne geraten in einen Abstiegssog, wenn ihre neueste Wimperntusche mit dem Urteil »als Altersvorsorge nicht zu empfehlen« durchfällt. Wie aber entsteht ein Test? Wer sagt den Testern, was sie testen sollen? Meistens keiner, und das sieht man den Ergebnissen auch an. »Irgendwann nachmittags gehen wir los, kaufen oder klauen irgendwas und werfen es dreimal gegen die Wand«, beschreibt ein Insider die Arbeit. »Einige von uns versuchen es aber auch zu rauchen oder gegen Alkohol einzutauschen.« Wenn das nicht funktioniert, landet es auf dem Sperrmüll oder geht als Sachspende an Hochwasseropfer im Oderbruch, »egal ob da gerade Hoch wasser ist oder nicht.« Im Testbericht steht dann eine knallharte Abwertung wegen »Kein Überhitzungsschutz« oder »Fängt grundlos an zu kichern«.

Manche Testergebnisse sind so brisant, dass sie unter Verschluss bleiben. Das gilt zum Beispiel für den Religions-Test, in dem das Christentum wegen des Verbots der Vielweiberei und der Islam wegen schlech ter Gesangsleistungen glatt durchfielen.

Anlässlich des Jubiläums haben wir einmal untersucht, welches die im Laufe der Jahrzehnte am häufigsten getesteten Produkte sind. Hier ist das Ergebnis:

Platz 5 Nasenhaar-Festiger Platz 4 kapitalgedeckte Lebensversicherungen für die vielseitig interessierte Witwe mit Niveau Platz 3 Flachbild-Regenschirme Platz 2 Verständlichkeit von Bahnhofsdurchsagen, die in dem Moment beginnen, in dem gerade ein voll beladener Güterzug durchfährt Platz 1 Zierbarsche

Dass ausgerechnet der Zierbarsch am häufigsten getestet wurde, kann niemanden überraschen. Denn der Zierbarsch ist der beste Freund – nicht des Menschen, aber immerhin der Hauskatze. Zierbarsche gibt es wie Sand im Heuhaufen, in unterschiedlichsten Ausführungen und Größen, mit und ohne Fremdsprachenkenntnisse. Am Beispiel des Zierbarsches lässt sich nachvollziehen, wie die Testmethoden mit den Jahren immer mehr verfeinert wurden, aber auch, wie sie den jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln. Neben den immer wiederkehrenden Kriterien wie Preis, Haltbarkeit und so weiter interessierte die Tester 1966 vor allem, ob er in Gegenden mit überwiegend katholischer Bevölkerung anstelle eines Fastenhuhns gespendet werden kann. Das spielte drei Jahre später keine Rolle mehr, dafür aber, ob er Malaria überträgt oder mit dem Vietcong sympathisiert. 1982 stand die Frage im Mittelpunkt, welcher Zierbarsch im Sopran singen kann oder einem Achteck am ähnlichsten ist.

Der Test von 1992 wurde nie veröffentlicht, weil aufgrund interner Kommunikationsprobleme die Zierbarsche versehentlich in die Test reihe für Fisch stäbchen einbezogen worden waren (und gewonnen hatten). Fünf Jahre später führte es zum Punktabzug, wenn der getestete Zierfisch schon einmal mit Lothar Matthäus verheiratet war. Und im aktuellen Heft schließlich gehen die Tester der Frage nach, ob der Zierbarsch den Genuss von Alco-Pops, nächtliches Rad fahren ohne Licht oder die DDR verharmlost.

Diese Beispiele zeigen, dass Testgeschichte immer auch Kulturgeschichte ist. Nicht zufällig ist die Stiftung Warentest eine der letzen moralischen Instanzen unserer Gesellschaft.

Das ist auch gut so – damit Joachim Gauck dieses wichtige Feld nicht ganz allein düngen muss.

Robert Niemann

 

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