Klötenquetscher im Namen der Liebe – aus Heft 12/2014

KlötenquetscherAm 28. November wird es spannend für Mannheim, die Quadratestadt im Schatten Ludwigshafens. An diesem Tag wird bekanntgegeben, ob Mannheim als »UNESCO-Musikstadt « eingereiht wird zwischen Sevilla, Glasgow, Gent, Bologna, Bogotá und Brazzaville. Es wäre ein Meilenstein in der Geschichte der Stadt und die letzte verzweifelte Hoffnung aller Bewohner, Mannheim könne endlich so berühmt werden wie Sevilla, das seine Touristen ja auch nur dem Dasein als UNESCO-Musikstadt verdankt.

Die Konkurrenz jedoch könnte stärker kaum sein, denn Hannover, das Tirana an der Leine, hat sich ebenfalls um den Titel beworben. Mannheim könnte in seinem Kampf also jede Hilfe brauchen, doch gerade jetzt dreht ihr nach Reinhard Bütikofer, Christian Wörns und Helmut Puff berühmtester Sohn völlig frei und fällt damit seiner Heimat in den Rücken.

Bisher war Xavier Kurt Naidoo, der Einfachheit halber von seinen Fans kurz Xavier Naidoo genannt, nur durch furchtbares Gejaule auffällig geworden und damit natürlich genau der Richtige, um Mannheim in dem Bestreben zu unterstützen, einen folgenlosen UNESCO-Quatsch-Titel einzuheimsen. Von offizieller Seite aber sah man sich bald genötigt, sich von der, wie man vorher verlautbart hatte, »Galionsfigur und Ikone« der lokalen Pop-Szene zu distanzieren, weil diese sich vermehrt auf Veranstaltungen der sogenannten Reichsdeutschen herumtrieb – einer Art Selbsthilfegruppe für Deutschnationale, die keine Steuern zahlen wollen und deshalb behaupten, Deutschland existiere gar nicht, sondern immer noch das Deutsche Reich.

Dabei kann man Naidoo, der sich als »Systemkritiker « sieht und gerne betont: »Wir sind nicht frei, wir sind immer noch ein besetztes Land«, diesen Auftritt wirklich nicht übel nehmen. Wie er erklärte, ist nämlich nicht mal die Kanzlerin frei in diesem Land: »Die Frau Merkel kann sich auch nicht aussuchen, ob sie vor den Linken oder vor irgendjemandem spricht. Sie muss als Bundeskanzlerin vor allen sprechen.« Deshalb erinnert man sich, als sei es erst gestern gewesen, an Merkels berühmte Rede auf der Veranstaltung »Stalinistische Tierquäler für die Vernichtung Israels «. Wie hätte also Naidoo, der als bekennender Batschkapp-Träger eine ähnlich honorige Position einnimmt wie die Bundeskanzlerin, die Teilnahme an einer Protestkundgebung absagen können?

»Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu ›Reichsbürgern‹. Auch auf die NPD. Das ist mir alles wurst«, erklärte Naidoo seine in alle rechten Richtungen offene Einstellung. Und so würde Naidoo eben nicht nur auf die AfD zugehen, sondern der Ausgewogenheit halber auch auf Pro NRW, auf Faschisten genauso wie auf Erika Steinbach, und auf Neonazis genauso wie auf Altnazis. Er würde sogar auf Beate Zschäpe zugehen, wenn die aufgrund seines Teints nichts dagegen hätte.

Der Wunsch, sich mit all diesen sehr verschiedenen Gruppierungen gemein zu machen, entspringt seinen christlichen Neigungen, denn schon Jesus, zu dem Naidoo vor Konzerten auf der Bühne betet und den er in seinen Liedern anschmachtet wie ein frisch verliebter Jüngling, war seinerzeit ebenso auf alles und jeden zugegangen, der nicht schnell genug den Ölbaum hochkam. Naidoos christliche Bergpredigt an Reichsbürger und NPD lautete denn auch ganz im Sinne seines Vorbildes: »Ich möchte, dass wir irgendwie Ordnung schaffen in diesem Land.« Amen bzw. jawoll!

Naidoo folgt seinem großen Vorbild sogar noch weiter. Hatte nicht auch Jesus dereinst die Fassung verloren und Kinderschänder, Abtreibungsbefürworter und Schwule aus dem Tempel vertrieben (3. Buch Möses 20.13). In diesem christlichen Sinne rappt auch Naidoo: »Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch’ euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?«

Naidoo behauptete immer schon von sich, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, doch meist klingt das in seinen Liedern folgendermaßen: »Ich brauche dich. Und ich tausche nicht. / Ich liebe dich. Mehr sag ich nicht.« Doch das stimmt leider nicht. Denn das Leid bzw. Lied geht weiter: »Ich werde dich lieben, ehren. / Jeden Morgen verdank ich dir. / Und diese Liebe soll sich vermehren. / Meine Hoffnung lastet ganz auf dir.« – Brisante Zeilen, die viel Mut erfordern, die man ja aber wohl noch wird singen dürfen in Deutschland. Oder eben im Deutschen Reich.

Dessen Anhänger hatten sich von ihrem neuen Mitglied – den Text über getötete Föten und starke Führer im Kopf – allerdings mehr erwartet als das, was er ihnen dann tatsächlich verkündet: »Ich bin hier, um die Liebe zu repräsentieren … wir leben im Paradies … alle dürfen ihre Meinung sagen, aber in Liebe … spätestens seit dem September 2001 … das war der Warnschuss … wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, der hat den Schleier vor den Augen … es ist für mich ein Traum, hier zu stehen … Gandhi … es muss auf jeden Fall in Liebe … ich komm auch noch mal zu euch … ich repräsentier’ die Liebe … jeder darf seine Meinung sagen, auch Sarrazin … yeahih yeaahi yeah!«

Seitdem sind die Reichsbürger irritiert. Zum einen scheint der Mann einen veritablen Dachschaden zu haben und hervorragend zu ihnen zu passen, auf der anderen Seite ist da dieses ständige Gefasel von Liebe. Und dann auch noch dieses schnulzige Gesinge! Ist es da nicht besser, den Mannheimern die Galionsfigur für ihre UNESCO Musikstadt zurückzugeben?

Oder kann Naidoo vielleicht beides miteinander verbinden? Er muss nur ein kleines Problem aus der Welt schaffen: Solange Mannheim auf dem Gebiet des Deutschen Reichs liegt und das Deutsche Reich dummerweise nicht Mitglied der UNESCO ist, wird es von dieser auch keinen Titel verliehen bekommen. Deshalb träumt Xavier Naidoo davon, der christliche Versöhner zu werden: Bei der Abstimmung über die UNESCO-Musikstadt will er in Liebe auf die Mitglieder des Gremiums zugehen, ihnen Arme und Beine abschneiden und sie ein wenig in den Arsch ficken.
Dann steht dem Deutschen Reich und dem Ruhm Mannheims nichts mehr im Weg.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#2 Christoph 2015-01-11 23:35
Mein Gott, was für einen unsachlichen Mist der Füller da von sich gibt! Das hat ja nicht mal was mit Satire zu tun.
Der Naidoo mag ja einen echte Heulboje im deutschen Popbusiness sein, aber er spricht wenigstens Missstände, z. b. Medienlügen, an (wenngleich das aktuell nicht zu konkreten Veränderungen beiträgt)! Helene Fischer macht nur Werbung für Haarshampoo und ist mindestens genauso nervig! Und vom Dieter (Bohlen) mal ganz zu schweigen. Und Nena, der alten Revoluzzerbraut . Selbst Nina Hagen: alle schön systemkonform, machen mit beim großen Medienrummel und kassieren ihre Gage. Den Mund auf macht keiner - warum auch, sind ja alle satt daheim!
Zitat
 
 
#1 Thomas Lück 2014-11-29 03:21
Absolut demokratiefeind licher Drecksack. Der soll sich mal überlegen, was er so äußert.
Zitat
 

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