Nicht schlechter als Ernst Thälmann – aus Heft 11/2014

Nicht schlechter als Ernst ThälmannNein, Bernd Riexinger hält sich nicht für einen guten Redner. Zu Recht. Aber an sich zu leiden scheint er nicht, wenn er eines seiner zahlreichen, von schweren Atemzügen, Schmatzern und Grunzern, Ähs und wieder Ähs und schwäbisch-schwammigen Diphtongen durchsetzen Statements vorbringt und dabei gelegentlich den Rotz in die Stirnhöhle zieht. »Ich werrtt mährärä Thämän behandeln«, so bedroht er zu Beginn seiner »Pressekonferenz« genannten Pflichtauftritte in der Parteizentrale der LINKEN die Journalisten, denn anderes hat die Bande nicht verdient.

Es folgt ein Singsang aus »nochmal betonen«, »mit Nachdruck nochmals betonen«, von »Problämen «, die – »wie gesackt« – »definitiv nicht aktzeptabel« sind und sich »dramatisch ver - mährt« haben – ein Fressen für Mundartforscher. Sätze brechen ab, Silben verröcheln im Umfeld der riexingerschen Polypen, Metaphern hängen schief, jedenfalls nie gerade, und dann sagt der Mann gern noch, dass diese und jene »Äußerung« von Herrn Gabriel (oder von Merkel oder sonst wem der potenziellen Bündnispartner) »nichts anderes als politische Rätorikk« sei!

Die Geringschätzung des Rhetorischen, ja die Verdächtigung des rednerischen Talents, gehört zur linken Kultur wie die Internationale, der Gulag und die marxistische Antwort auf die #Grundfrage der #Philosophie. Sie schlug in der PDS Gysi entgegen, mehr noch Lafontaine (Jesuitenschüler!), sie traf schon die Wagenknecht und trifft den Ramelow. Der letzte linke Redner nach Lassalle war Karl Liebknecht. Dann kam schon Ernst Thälmann, zu dessen Arbeitszimmer im Karl-Liebknecht-Haus die LINKE gelegentlich Exkursionen veranstaltet. Vielleicht hält sich Riexinger zugute, dass auch der gute Ernst Th. seine Probleme mit Kasus, Tempus und Numerus der Schlussverben hatte, und trotzdem beachtliche Wahlerfolge einheimste, eine paramilitärische Organisation und die Rote Hilfe aufbaute. Also, es geht doch!

In der SED konnten Redner nichts werden, wegen Goebbels und so. Wer ließ Werner Lamberz’ Hubschrauber abstürzen? Alkoholisierte Rüpel wie Konrad Naumann durften sich für Volks red - ner halten. Nur mit einem Schwaben hat die Partei uns verschont (der Saarländer war genug). Doch jetzt haben wir den Bernd Riexinger aus Weil der Stadt – nahe bei Böblingen – fürs mehr oder weniger elegante Wort.

Außerdem – auch der Klassenfeind gerät in gefährliche rhetorische Untiefen. Man denke an den »versehentlichen Antisemiten« und Schönsprecher Philipp Jenninger oder Riexingers Landsmann, den traurigen Oettinger! Und man höre die Kanzlerin! Oft wird vermutet, die CDU tue sich mit der konservativen Wählerschaft schwer, weil die Union stockschwul und pazifistisch geworden sei. Das ist Quatsch. Das katholische Bürgertum wendet sich ab, weil es sein Sprachgefühl beleidigt sieht. Das Flirrende, Tänzelnde, den Schmelz, den Humor und die Poesie ihrer Rede hat Frau Merkel aus dem FDJ-Lehrjahr. Sie hätte Pfäffin werden sollen, dann wäre die Sache für sie auf gaucksche oder käßmannsche Art ausgegangen. Obwohl: Sie lernt, immerhin.

Über Bernd Riexinger gibt es Tausende Einträge auf Google. Aber nichts Schlechtes: Er hat den Führerschein nicht abgeben müssen, seine Sekretärin nicht geschwängert, keinen schiefen Nazivergleich verbrochen, hat nicht Urlaub mit Maschmeyer gemacht, die Steuer nicht behumst und war nicht IM. Aber auch nichts Gutes – außer, man will »Bescheidenheit« (Fiesta statt Porsche, wie sein Vorgänger Klaus Ernst) gut finden, und jahrzehntelanger Bienenfleiß im Apparat der Gewerkschaft nötigt einem Bewunderung ab. Also, wie konnte einer wie der Bernd zum Parteivorsitz greifen?

Das fragten sich auch die Delegierten des Göttinger Parteitags 2012, auf dem Riexinger für den Posten kandidierte. Das kann doch nur eine Intrige sein (Intrigen waren damals in der LINKEN das Morgen- und das Abendgebet)! Intrige? Na klar, Lafontaine – wer sonst? Riexinger, der »Lafontaine-Zögling« und »Oskars Statthalter«, stand mehr oder weniger stumm in der Manege.

Der Parteitag hatte da schon Züge eines stalinschen Show-Prozesses, zumindest eines kernigen SED-Parteiverfahrens, angenommen. Da hing der Partei die Rhetorik wieder mal zum Halse heraus, die Scharmützel zwischen Gysi und Lafontaine hatten die Delegierten bis an den Rand der Selbstaufgabe demoralisiert. Dann, sagten sie sich, nehmen wir eben den Bernd. Der sieht nach nichts aus (nach noch weniger, wenn er neben seiner feschen Co-Chefin steht), und nicht reden kann er auch, kann also nicht viel falsch machen.

Da wussten sie natürlich noch nicht, dass Riexinger fast alle, wenn nicht sämtliche jungen Leute von Weil der Stadt dazu gebracht hatte, in der Silvesternacht 1974 die Internationale zu schmettern, ein Haus zu besetzen und später die erste WG weit und breit aufzumachen. So ein Kerl war das, der Bernd! Rund um Böblingen und in der Redaktion der #Stuttgarter Zeitung unterschätzt man ihn deshalb nicht.

Neulich hatte die LINKE gerufen, und 100 ihrer Kreisvorsitzenden waren nach Berlin geeilt. In der Mitteilung der Partei liest sich das so: »Nach der Mittagspause stand die Konferenz ganz im Zeichen der neuen Kampagne der LINKEN. Der Parteivorsitzende Bernd Riexinger stellte die Eckpunkte einer Kampagne gegen prekäre Arbeitsund Lebensverhältnisse vor.« Hau mich weg! Ein Happening der revolutionären Vorfreude, der Kampfeslust und Inspiration? Hat sich was!

Im Video sieht man einen Mann, der hastig Folien abarbeitet, sich Humor verbietet, gestikuliert, als hätte er Bauchweh, weil sich die Wörter nicht recht aus ihm lösen, der sein Publikum nicht sieht und die Sätze nicht klingen lässt, weil er anscheinend nach Hause will: »Die Arbeitslosigkeit ist höher wie die Statistik.« Die Kampagne wird wahrscheinlich »Hallo, gutes Leben!« heißen, weil die Partei endlich mal beweisen will, wie gut es sich im Kapitalismus leben ließe, wenn ... »Damit sätzen wirn Thema«, sagt der Vorsitzende, »für die Leute, die unsere Wähler sind, uns aber nicht wählen«, denn »wir sind kein Hasenzüchterverein «. Doch gemach! Jetzt ist erst mal Weihnachten, aber etwa im April nächsten Jahres, kann auch Mai werden, fangen wir damit an. So lange muss das gute Leben warten. Müder Beifall des Parteiaktivs.

Aber woher soll eine Partei ihr Feuer nehmen, die ihr quasi genetisch eingeschriebenes Minimalprogramm, die kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse zu überwinden, für eine »gelöste, ja heitere Atmosphäre« am Potsdamer Kabinettstisch mit der SPD hergegeben hat! Die zulässt, dass ihre Mitglieder und Anhänger als Mitläufer eines Unrechtsstaates vorgeführt werden (ja, ja, angeblich geht es nicht um die Biografien!). Und wofür das alles? Damit der Bodo Hütchen und Hündchen mit in die Erfurter Staatskanzlei nehmen kann.

Und zum Schluss: Was ist eigentlich ein Weckruf? Doch etwas Positives, ein Signal, damit man nicht verpennt. Riexinger sagt dem #Handelsblatt (das ihn gern zitiert), die Schandtaten der Aufseher in Asylbewerberheimen seien »ein Weck ruf« gewesen! Gut, dass sie »geweckt« haben?
Es ist wie immer mit Bernd: Man weiß schon, was er meint. Doch gesagt hat er es nicht.

Mathias Wedel
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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