Ursula von der Leyen im Gespräch – aus Heft 11/2014

IS-Terror im Irak und Syrien, Ebola in Westafrika, Krisen in der Ukraine und beim BVB. – Sie haben mehrfach gefordert, Deutschland müsse in solchen Situationen mehr Verantwortung übernehmen. Wie soll das konkret aussehen?

Verschiedene Krisen brauchen verschiedene Lösungen. Den IS z.B. besiegen wir am besten, indem wir Peschmergakämpfer an unserer Bundeswehrausrüstung ausbilden. Da die sich größtenteils in der Reparatur befindet, heißt das konkret: Schulung an deutschen Feldküchen und intensives Bettenmachen. – Übrigens eine Idee meines Vorgängers Karl-Theodor zu Guttenberg, für die ich nicht verantwortlich bin. – Bei Borussia Dortmund sieht die Lage dagegen ganz anders aus. Da werden wir um eine jahrelange Flächenbombardierung nicht herumkommen. Zur Not auch ohne Bundestagsmandat. – Auch dafür kann ich nichts, da muss sich Herr Klopp an den eigenen Haaransatz fassen.

Kommen wir doch noch mal zurück auf den desolaten Zustand der Bundeswehr.

Für die massiven Ausrüstungsmängel gibt es viele Gründe. Stoltenberg, Rühe, Scharping, Struck, Jung, Guttenberg, de Maizière – um gleich alle zu nennen. Ein großes Problem ist auch, dass sich Deutschland viel zu lange aus bewaffneten Konflikten rausgehalten hat, was dazu führte, dass selbst in meinem Ministerium nur noch Pazifisten arbeiten. Die Freude am Töten muss denen erst wieder von Leuten wie General Georg Klein beigebracht werden. Hinzu kommt eine gewisse Überforderung mancher Mitarbeiter. Sie müssen verstehen, dass jede Partei, die in der Regierung sitzt, ihre Leute unterbringen will. Dass da nicht immer nur Fachpersonal dabei ist, versteht sich von selbst. Und nach ein paar Jahren haben Sie das Haus voller verbeamteter Altlasten früherer Regierungen. Das jetzt als spezifisches Problem des Verteidigungsministeriums darzustellen, entspricht allerdings nicht den Tatsachen, damit haben alle Ministerien gleichermaßen zu kämpfen.

Das erklärt die Ausrüstungsmängel der Bundeswehr aber nur zum Teil.

Richtig. Der Verschleiß vieler Flugzeuge und Hubschrauber ist zum Beispiel eine Folge der ständigen Flüge zwischen dem Hauptsitz unseres Ministeriums in Bonn, unserer Außenstelle in Berlin und mir zu Hause. Vor allem aber beim Einkauf der militärischen Ausrüstung, die sich häufig als Militaria herausstellten, haben meine Vorgänger Fehler gemacht. In diesem Punkt müssen wir preisbewusster und von der deutschen Industrie unabhängiger werden. »Ich kaufe nur beim heimischen Flintenmacher« – das ist ein Spruch für Sozialromantiker. Es muss nicht immer ein Kampfhubschrauber des lokalen Anbieters oder die Panzerfaust aus der Region sein. Bolivien zum Beispiel soll auch U-Boote bauen können.

Mit dem reaktivierten Drohnenprojekt wird es wohl auch wieder Schwierigkeiten geben, da die Euro-Hawk-Drohne aus Sicherheitsgründen den zivilen Luftraum in Deutschland nicht durchfliegen darf. – Wie sind die in Deutschland befindlichen Euro Hawks eigentlich ins Land gekommen?

Mit dem Bus.

Stimmt doch gar nicht!

Ja, die sind geflogen – na und? Das hat vor ein paar Jahren einfach niemanden interessiert. Eine Lösung für dieses von Thomas de Maizière verantwortete Problem habe ich allerdings auch schon: Wir lassen die Drohnen dort starten und landen, wo der Luftraum eh gesperrt ist, also über dem Kanzleramt bzw. dem Bundestag.

Angesichts der vielen Misserfolge der letzten Zeit nennen die Medien Sie oft nur noch Pannen- Urschl, Posen-Ulla oder das Falten-Monster vom Bendlerblock …

Wie gemein! Immerhin habe ich sechs oder acht Kinder zur Welt gebracht, bin nebenbei oft ausgeritten und werde jetzt Deutschland zur militärischen Weltmacht hochrüsten. Wieder mal. Dass so viel Ehrgeiz nicht spurlos an einem Gesicht vorbeigeht, sollte kein Anlass für Spott sein.

Am Spott über Ihre Selbstdarstellung sind Sie aber nicht ganz unschuldig, schließlich haben Sie an den Foto-Inszenierungen freiwillig mitgewirkt. Man denke nur an Ihre heroische Pose vor der Transall-Maschine.

Das habe ich aber doch nur gemacht, weil es ästhetisch ansprechende Fotos waren. Das ist doch wohl nicht verboten! Wenn jemand beim Anblick solcher Fotos irgendwelche Hintergedanken hat, kann ich nichts dafür. Mir ging es nur um die Ästhetik. Einen Fehler in Bezug auf die Medien muss ich aber dennoch eingestehen: Die Fotostrecke, bei der ich in Kampfmontur hinter einer 20-Millimeter-Maschinenkanone posiere und »Rattatattataaa!« rufe, während kurz zuvor diese zehnköpfige Gruppe spielender Taliban-Kinder erschossen worden war, hätte ich mir verkneifen sollen. Es war klar, dass die Presse die Bilder hinterhältig so zusammenschneidet, dass es aussieht, als hätte ich die Kinder erschossen. Dabei hat das natürlich ein professionelles Einsatzkommando erledigt. Dieses Missverständnis bedauere ich sehr.

Ärger brachte Ihnen auch eine Werbekampagne, die Frauen für die Bundeswehr begeistern soll. Originalzitat: »Die Botschaft lautet: Pumps, Sneakers, Kampfstiefel – Frauen mögen Vielfalt, nicht nur im Schuhregal.«

Und das stimmt ja auch. Glauben Sie etwa, meine zehn Kinder wären alle von meinem Mann? – Haha, ein Scherz! Natürlich nichts als ein kleiner Scherz. Die Kinder sind freilich alle von meinem Mann, alle fünf bzw. sogar sieben. Ein Witzchen. Kann man das rausschneiden? Jetzt nicht wegen meinem Mann. Aber als Ministerin sollte ich einfach keine Witze machen in einer Situation, wo es die Bundeswehr so schwer hat.

Sehr umsichtig. Aber noch mal zurück zum Mot to: »Frauen mögen Vielfalt, nicht nur im Schuh regal …«

Im Grunde wollen wir mit dieser Kampagne nur eines sagen: Die Bundeswehr bietet mehr Abwechslung als jeder Arbeitgeber in Deutschland. Minensuchen mit dem Panzer, mit dem Eurofighter im Tiefflug Omas und Haustiere erschrecken oder nach der Betriebsfeier nackig bis auf die Uzi aus einem Hubschrauber ins Meer springen und und und. Bei Siemens oder irgendwelchen ach so hippen Start-up-Unternehmen können Sie sich so was abschminken.

Apropos Eurofighter: Manche Kritiker sagen, es sei gut, dass davon nicht mal die Hälfte einsatzfähig ist, weil eine Flugstunde 80 000 Euro kostet. Der Steuerzahler …

Der Steuerzahler, der Steuerzahler! Wenn ich das schon höre! Ich bin doch auch Steuerzahler, und beschwere ich mich? – Ja! Aber über was ganz anderes! Beispielsweise darüber, dass mir dieser de Maizière ein unorganisiertes Ministerium hinterlassen hat. Popel unterm Chefsessel, eine komplett heruntergewirtschaftete Zimmerpalme, und hinter meinem Büroschrank habe ich drei somalische Piraten gefunden, die er aus Versehen, wie er behauptet, zu Tode gelangweilt hat. Und bevor Sie wieder über den Eurofighter schimpfen, in das Thema habe ich mich nämlich eingearbeitet: Gerade der Eurofighter ist ein Wunderwerk an Technik! So ein Ding wiegt 15 Tonnen, und trotzdem kann es fliegen. Hallo? Ich meine: hey! Das ist doch total crazy irgendwie!

Angesichts der massiven Probleme, so hört man, seien Sie in letzter Zeit sehr angespannt und etwas dünnhäutig. Ist da was dran?

Ich? Fuck! Mit der Kinderbetreuung habe ich doch schon große Erfolge zu verzeichnen. Ich werde bei der Bundeswehr für die totale Vereinbarkeit sorgen. Die von Familie und Flak, von Kindern und Kampf, von Teilzeit und Tellermine, von Windeln und Wundbrand, von Scheißen und Schießen. Und ich werde erst aufhören nach der bedingungslosen Kapitulation Angela Merkels.

Gregor Füller

 

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