Er ist all dor – aus Heft 10/2014

steineimerEin Gespenst geht um auf dem Globus, wo er besonders dünn ist, das Gespenst Frank-Walter Steinmeier. Wo eine Krise aufplatzt oder ein Staat über die Ufer tritt, wo eine strategisch wichtige Region undicht wird oder Menschenrechte zu versanden drohen, der Außenminister ist schon da; wo immer ein Thema mit übernationalem Schnittmuster aus dem Boden wächst, ein Treffen mit den sauberen Kollegen aus anderen erstklassigen Ländern über die Bühne zu schieben ist und fette Kameras in Stellung gebracht werden, der deutsche Kissinger kommt und winkt mit sich selbst vom Bildschirm.

Während die bis eben im Amt befindliche EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sich offenkundig zu Hause im Bad eingesperrt hatte, ist der von der eigenen Bedeutung aufgeblähte Repräsentant eines dick und schwer gewordenen Deutschland unermüdlich im Einsatz. Stimmen mit medienkritischer Schlagseite behaupten, es handele sich bei Steinmeier nur um einen Avatar oder ein Hologramm. Doch anders, als der platte Monitor glauben macht, lebt der hier zur Debatte stehende Steinmeier auch in der objektiven Wirklichkeit und ist tatsächlich aus Fleisch und Blut zusammengesetzt worden. Steinmeier ist nämlich nicht nur an jedem Ort des äußeren Universums anzutreffen. Sein Vorkommen ist auch in der inneren, leibhaftigen Heimat belegt.

Am 26. August 2014 beispielsweise wurde er in Pritzerbe, Premnitz, Mögelin und Rathenow gesichtet. Vier Tage zuvor wurde er in Reetzerhütten beobachtet, im Juli haben Zeugen ihn im Publikum der »Senior Canoe Sprint European Championships« ausgemacht (Alter Kanu Schnelllauf Europäisch Meisterschiffe), auch in Kirchmöser/ Plaue und Michendorf wurde er im Sommer entdeckt.

Egal, wo auf Gottes weiter Erdkugel man sich aufhält, Steinmeier ist all dor. Fast ist man erleichtert, dass man wenigstens auf der Toilette allein ist. Dort sitzt zwar schon Catherine Ashton, aber sie schweigt wenigstens von Kopf bis Fuß. Steinmeier hingegen schwimmt im Glanze seines Glückes. Welch ein Umschwung im Leben eines Mannes aber auch, der fast vom Erdboden verschluckt worden war, nachdem er im September 2009 die Bundestagswahl gegen seine Herausforderin Angela Merkel durch K.o. verloren hatte! Seine politische Karriere schien wie ein Kartenhaus bis auf den letzten Tropfen ausgelutscht, und die bürgerliche Laufbahn als Advokat, als der er im selben Dezember sich beim Landgericht Berlin in die Anwaltsrolle hatte ritzen lassen, war schon beim Startschuss vertrocknet.

Obendrein konnte er im August 2010 lediglich durch Herausgabe einer persönlichen Niere endlich einmal wieder in Deutschland weltweit wahrgenommen werden.

Danach aber war er drei Jahre lang tot. Wie es um ihn bestellt war, illustriert der Tatbestand, dass er seine leere Zeit mit dem Zusammenbau eines Liederbuchs zum Weihnachtsfest füllen musste, dessen Erscheinen am 30.8.2013 fast vollständig hinter dem verlängerten Rücken der Öffentlichkeit geschah.

Da war es fast eine zum Zerspringen große Freude, dass er kurz danach wirklich von bis an die Zähne mit Fragen bewaffneten Journalisten belagert wurde. Auf sage und abschreibe 95 von 395 Seiten seiner legendenumwobenen Doktorarbeit von 1991 über »Polizeiliche Traditionsreste in den Randzonen sozialer Sicherung. Eine Untersuchung des administrativen Instrumentariums zur Intervention bei Obdachlosigkeit« hatte man undichte Textstellen gefunden. Als Plagiat in den von Guttenberg und Schavan begründeten Kanon aufgenommen wurde die Dissertation gleichwohl nicht, weil die Prüfungskommission der Universität Gießen rechtzeitig erkannte, dass in der Tat bloß 95 von 395 Seiten faul sind – sowie, dass gerade eine Bundestagswahl abgewickelt worden war, die dem eben noch dem Untergang Geweihten die Chance auf eine majestätische Wiederauferstehung eröffnete. Da wollte man nicht an dem namhaften Ziehsohn herumkratzen.

In der Tat: Am 17. Dezember 2013 intervenierte Angela Merkel gegen Steinmeiers drohende Obdachlosigkeit und hob ihn administrativ ins Außenamt zurück.

Bereits 2005 bis 2009 hatte Steinmeier dort gesiedelt und jene Fundamente geknüpft, die er nun, um wie gewohnt im Bild zu bleiben, wiederaufzurichten gedachte. Zugleich hoffte er, seinen alten Berufswunsch weiterzuspinnen: Nicht ein das Leben trockenlegender Jurist, sondern ein in großen Farben schillernder Architekt hatte er eigentlich werden wollen. Der Traum war fast verdorrt, doch jetzt glaubte er, sich dank des hochaufgetürmten Gewichts Deutschlands zum Baumeister der Erdkugel aufschwingen zu können.

Das internationale Parkett hatte sich zwar gedreht. In seinem ersten Leben als Deutschlands Mann an der Außenbahn hatte Steinmeier die Zusammenarbeit mit Putins Zarenreich zum Blühen gebracht, hatte mit seinem Amtsbruder Walid al-Muallim die Kooperation mit Syrien auf eine höhere Drehzahl gebracht, hatte den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst – dessen Lizenz zum Absaugen er noch als Schröders Hausdiener im Kanzleramt mit eigenen Händen bewilligt hatte – still weiterschlotzen lassen.

Aber 2013 hatte sich der Globus umgekehrt. Und ein SPDler ist biegsam genug, um sich dem Gegenteil ohne Delle anzuschmiegen! Steinmeier brauchte keine Extraeinladung irgendeiner offiziellen Stelle, um sich sofort nach Kiew zu begeben, auf dem Maidan Bonbons zu verteilen und den Demonstranten die Füße zu waschen (selbstredend nur denen, die vorher eine Prüfung in staatsbürgerlicher Staatsbürgerkunde bestanden hatten), Vitali Klitschko als verlängerten Arm und Bürgermeister zu segnen sowie der neuen, den Westen anbetenden ukrainischen Regierung gegen den Russki beizustehen.

Anknüpfen konnte Steinmeier immerhin an eines: Schon während seiner alten Amtszeit wurden deutsche Feuerwaffen weiter, größer und schneller über die Weltkugel gestreut. Nun, im September 2014, dürfen erstmals deutsch sprechende Rüstungsgüter in ein echtes Kriegsgebiet einziehen.

Gern genommener Anlass: Das islamische Kalifat, so die gut geölte Formulierung, »ist eine Bedrohung für die Menschen« – alle schrä gen Existenzen, die sich nicht bedroht fühlen, sind also keine und dürfen ab dem 1. September pulverisiert werden.

Scheinbar wäre es das erste Mal, dass Steinmeiers Weltpolitik eine Auswirkung auf dieselbe hätte: Äußerlich sieht es stets aus, als rotiere er 24 Stunden am Tag, während der Erdball unbeeindruckt weiterrollt. Die Wahrheit: Frank-Walter Steinmeier strebt auf leisen Pfoten nach der Weltherrschaft für Frank-Walter Steinmeier! Unlängst nahm er schon an einer Sitzung der französischen Regierung teil, die ohne ihn nicht mehr weiß, wo auf dem Planeten Erde hinten und vorn ist. Und wenn selbst die USA demnächst noch tiefer in die Ratlosigkeit rutschen, wenn ein befreundeter Staat ins Eiern gerät, ein Kontinent porös wird oder sich ein Loch im Universum auftut, ist das die überlebensgroße Chance für den Globalarchitekten Steinmeier!

Peter Köhler
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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