Die sanfte Regierung – aus Heft 10/2014

Da beschließt die Bundesregierung ein Spitzengesetz nach dem anderen, doch was passiert? Keiner hält sich daran. Eine im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD festgeschriebene Maßnahme soll dem endlich entgegenwirken. Es handelt sich dabei um die, wie es im Vertrag heißt, »ressortübergreifende Strategie ›Wirksam und vorausschauend regieren‹«. Eine revolutionäre Vorgehensweise, die die bisher gültige Strategie »Ineffektiv, lustlos und rückwärtsgewandt herumlavieren« komplett ersetzen soll.

Aus diesem Grund hat die Bundesregierung nun die »Projektgruppe Wirksam Regieren« ins Leben gerufen und Verhaltensbiologen, Psychologen und Hypnotiseure als Berater eingestellt. Sie sollen Konzepte entwickeln, wie der Bürger ohne Verbote, Verordnungen und blindlings auf alles draufknüppelnde Bullen dazu gebracht werden kann, sich so zu verhalten, wie es sich die Frau Kanzlerin wünscht. Und der Clou dabei: Die Bürger sollen es nicht merken.

»So ungewöhnlich, wie es klingt, ist das gar nicht«, sagt Sören Stadlhuber, der Inhaber der Kneipe »Zur bleiernen Gans«. Er arbeitet schon seit einigen Jahren mit den Beratern zusammen, die jetzt von der Regierung engagiert wurden.

»Bei mir läuft die Aktion unter dem Motto ›Wirksam bewirten‹«, erklärt Stadlhuber. Es fing damit an, dass er auf Geheiß der Berater, die bei ihm regelmäßig den Frust über ihre idiotische Arbeit betäuben, in die Pissoirs seiner Kneipe kleine Plastiktore legte, an deren Latte ein Plastikbällchen baumelt. Durch den Anreiz, den Ball zu treffen, gingen Stadlhubers Messungen zufolge ganze fünf Prozent Urin weniger daneben.

Der Wirt freut sich über diesen Erfolg: »Seitdem muss ich das Scheißhaus praktisch gar nicht mehr putzen!« – Eine klassische Vorgehensweise: Durch einen kleinen Anreiz und ganz ohne die für Männertoiletten typischen Hinweise wie »Tritt näher, er ist kürzer, als du denkst!« oder »Geiler Spanier will dir einen blasen, immer hier montags um acht!« wird ein gewünschtes Verhalten erzielt.

»Entwickelt wurde diese Idee der indirekten Verhaltenssteuerung unter dem englischen Namen ›nudge theory‹«, erklärt Stadlhuber. »›Nudge‹ bedeutet so viel wie ›anstupsen‹, denn genau das soll gemacht werden: Der Kneipenbesucher wird durch einen kleinen Stupser in die richtige Richtung, also näher an die Keramik geführt.« Stadlhuber stellt aber auch klar: »Wenn einer auf die Theke göbelt, bleibt es natürlich nicht bei einem Stupser, da gibt’s amtlich was auf die Fresse!«

Ob die Regierung in ähnlich gelagerten Fällen verfahren wird wie Stadlhuber, wird sich erst noch zeigen. Bisher wird von Regierungsseite jedoch betont, dass man beim »Nudging« darauf achten werde, dass der Bürger nicht gezwungen wird, sich richtig zu verhalten, sondern auch immer die Wahl hat, sich anders zu entscheiden und dann eben mit den Konsequenzen leben und sich ständig anhören muss, wie brunzdumm er doch ist, weil er sich von der Regierung nicht hat anstupsen lassen.

Manche Arbeitsgruppen der einzelnen Ministerien haben bereits erste Vorschläge vorgelegt. Sie zeigen, wie vielfältig die Ansätze des »Nudging« sein können. Das Gesundheitsministerium beispielsweise will dem Ärztemangel auf dem Land mit einer ähnlichen Methode begegnen, wie sie Stadlhuber für seine Toiletten gewählt hat. Der Plan der Arbeitsgruppe sieht vor, mit dem Bau von Golfplätzen, der finanziellen Förderung von Reitgestüten und dem freizügigen Erteilen von Baugenehmigungen für Großraumbordelle den Strom der Medizinabsolventen von den pulsierenden Städten in ländliche Gegenden umzuleiten.

Da den Beratern Stadlhubers Kneipe immer auch als Versuchslabor diente, lässt sich dort eine weitere Methode beobachten. Um seine Kunden an sich zu binden, nutzte Stadlhuber die Tatsache aus, dass der Mensch Routinen nur ungern aufgibt. Darauf aufbauend tauschte Stadlhuber die üblichen 2cl-Schnapsgläser gegen 4cl-Gläser und verlangte den doppelten Preis. Aus alter Gewohnheit wurden dennoch nicht weniger Schnäpse getrunken. Der Umsatz stieg, und auch den Gästen gefiel es. – Eine Methode, die sich das Wirtschaftsministerium zu eigen machen möchte, indem es beim Kauf eines Küchenradios den gleichzeitigen Kauf eines Neuwagens steuerlich begünstigt.

Eine Methode, die sich bei Stadlhuber nicht durchsetzen konnte, wird im Verkehrsministerium geplant. Sollte es mit der Maut so wie vorgesehen nicht klappen, so wolle man wenigstens an jeder Autobahnauffahrt eine Kasse des Vertrauens aufstellen.

Im Sozialministerium wiederum macht man sich Gedanken um die private Altersversorgung der Menschen. Verhaltensuntersuchungen zeigen nämlich, dass viele Bürger nur an sich denken und damit gegen die Interessen der Versicherungsbranche handeln. Um die Leute dennoch zum Abschluss einer sinnlosen privaten Rentenversicherung zu bewegen, will das Ministerium ausnutzen, dass der Bürger Passivität dem aktiven Handeln meist vorzieht: Wer in Zukunft bei seiner Geburt nicht schriftlich Einspruch erhebt, zahlt demnach automatisch ein Leben lang zwanzig Prozent seines Einkommens in die private Rentenversicherung.

Ebenfalls schon bei Stadlhuber findet sich die bewährte Taktik, gezielt Gruppendruck aufzubauen, um dem Einzelnen sein Fehlverhalten vor Augen zu führen. Stadlhuber spricht zu diesem Zweck einzelne Gäste an, zum Beispiel so:

»Günni und Bert haben jeweils schon die neunte Halbe, und du nuckelst noch am siebten rum, du Nulpe. Ich schenk schon mal ein, gell?« Derlei psychologische Tricks verfehlen selten ihre Wirkung.

Auch das Finanzministerium legt nun erste Pläne vor. Dort will man Plakate drucken lassen und Zeitungsanzeigen schalten, in denen Uli Hoeneß und Alice Schwarzer abgebildet sind mit dem Slogan: »Wir haben es gemacht und bereuen nichts – nutzen auch Sie die Selbstanzeige!«

Bürger, die vor dieser Art der sanften Manipulation durch den Staat Angst haben, können jedoch beruhigt sein. Denn so neu, wie sich diese Methode des »Wirksamen Regierens« gibt, ist sie bei Weitem nicht. Nicht nur dass sie seit einigen Jahren schon in den USA und in Großbritannien angewendet wird, auch die alten Römer setzten bereits darauf, das Volk sanft zu leiten, ohne dass es ihm bewusst wurde. So war bereits Kaiser Nero ein großer Verfechter des »Nudging«.

Ähnlich den abschreckenden Bildern auf den Zigarettenpackungen heute, machte er seine Bürger auf die Gefahren des Christentums aufmerksam, indem er an der Via Appia Christen an Pfählen aufhängen und anzünden ließ. Auf diese Weise brachte er viele römische Bürger wieder zurück auf den rechten Weg – ganz ohne Gesetze und Verordnungen. Und wieso sollte unter Merkel nicht funktionieren, was schon unter Stadlhuber und Nero funktioniert hat?

Gregor Füller

 

---Anzeige---