Ist Gauck ein »widerlicher Kriegshetzer« oder nur verrückt? – aus Heft 8/2014

Man muss vorsichtig sein in diesen Tagen, denn ein Majestätsbeleidigungs- Prozess liegt in der Luft. Seine Exzellenz, der Jochen, wurde auch schon »rollende Deckskanone«, »Nato-Nagelbomber«, »überdrehter Gotteskrieger « oder, fast zärtlich, »Feldprediger « genannt. Daneben kursieren vor allem im Osten und insbesondere in der evangelischen Kirche die einfallslosen Beschimpfungen, die jeder von uns schon mal erleiden musste, wie Ar…ch, Wi...er oder Bundespräsident.

Auch seine alten Pseudonyme tauchen wieder auf – »Widerstandskleindarsteller«, »Revolutionär nach dem Mittagsschlaf«, »Systemfeind mit Westvisum« oder – aus seinem anderen Leben als Großinquisitor – »Großinquisitor«. Die Qualitätsblätter (der EULENSPIEGEL ausgenommen) fangen schon an, ihn zu bewundern: wie er das nur aushält, dieser von hinten und vorne schöne Präsident – diese Gelassenheit, diese nahezu artistische Langmut, stumpfe Nervenstärke, demokratische Toleranz, urchristliche Feindesliebe! Was für ein gutgewaschener Charakter der Bundes- Jockel vom Dienst doch ist! Oder kriegt er nur schon nichts mehr mit? Jedenfalls haben die Schriftleiter von Zeit, Taz, Faz, SZ einen Paragraphen rausgekramt, der jeden Präsidentenverhunzer glatte fünf Jährchen in den Knast bringen könnte (offener Vollzug ist nicht drin) – wenn, ja wenn, Ihro Gnaden die Strafverfolgung denn ausdrücklich befähle. Was unterm Strich nichts anderes bedeuten würde als: Opi ist beleidigt und geht zum Furzen auf den Hof!

Ganz anders einer seiner Vorgänger im Amte! Nein, nicht Hitler (der für sich die Druckposten Kanzler und Präsident zu einer einzigen gutdotierten Lebensstellung zusammenschmiss – Führer). Der legendäre Arbeiterverräter und Sozialdemokrat, Reichspräsident Friedrich Ebert – von ihm wird weiter unten noch zu reden sein – machte das Beleidigtsein zum Regierungshandeln und führte rund 200 Prozesse gegen seine Verächter. Beim letzten hatte er schon Bauchweh, wollte aber trotzdem zur Verhandlung, weil man ihn bezichtigt hatte, einmal einem revolutionären Streikkomitee angehört zu haben (die schlimmste Ehrverletzung, die ein Sozi erleiden kann!). Der Blinddarm brach durch, und er starb.

So weit will es Gauck nicht kommen lassen. Darum schweigt er. Denn im Falle, dass es »für das Überleben unschuldiger Menschen« irgendwo eng werden sollte, will er ja noch die »jahrzehntelang gebotene Zurückhaltung« aufgeben und die Oberste Heeresleitung übernehmen. Eberts Präsidentschaft, die erste der Weimarer Republik, stand unter keinem guten Stern, obwohl er weder bei Maschmeyer Urlaub machte noch mit einem Bobbycar vorfuhr. Gleich bei Amtsantritt beging Ebse einen schweren PR-Fehler, als er sich beim Baden in der Ostsee in einer sackartigen Badehose fotografieren ließ (die Badehose war noch fast unbekannt).

Dagegen konnte er nicht mehr anregieren: Kommunisten, Nationalisten, Kaiserliche warfen ihm alles Mögliche vor, seine SPD ließ ihn im Stich – bis zur Appendizitis ging’s immer um die Badehose! Diese insgesamt üble Geschichte ist offenbar dem SPD-Franktionschef Oppermann wieder eingefallen, während Gysi im Bundestag sprach und Gauck ob seiner militanten Altmännerphantasien der »Verantwortungslosigkeit « zieh. Oppermann pirschte sich an, beschuldigte Gysi der »Schmähkritik«, bezeichnete seine Sozialdemokraten wider besseres Wissen als »sensibel« und verglich Gysis Auftritt mit der »Strategie der Nazis in der Weimarer Republik gegen Reichspräsident Ebert«, also ihm die Badehose vorzuhalten.

Da war er wieder – ein astreiner Nazivergleich! Gysi, ein Nazi (nach H. Kohl ein »rotlackierter Faschist«) in jüdischer Tarntracht! Auch abgesehen davon, dass die Nazis damals nicht die größte Fresse gegen Ebert hatten, saß Oppermann in der Tinte.

Seine Hinterbänkler begannen bedeutungsschwer zu hüsteln, und Oppermann (»oppern« ist im Willy-Brandt-Haus das Verb für Opportunismus in flagranti!) versuchte, sich zu retten: Gysi traue er die Nazigesinnung freilich nicht direkt zu, aber seinen Leuten »in der zweiten und in der dritten Reihe«. Die LINKE, eine in der Wolle gefärbte SA mit Erika Steinbach in der dritten Reihe!

Der LINKE Parteivorstand war bass erschrocken und dankte fernmündlich zunächst dem Bundespräsidenten brav für seine widerliche Kriegshetze mit den Worten: »Gauck hat eine Debatte angestoßen«, was ja hierzulande immer Grund zu Freude und zum Händchenhalten ist, und nun wolle man mal »in aller Sachlichkeit« darüber reden, wo wir auf die Schnelle unsere bisher »gebotene Zurückhaltung« überwinden und einen hübschen Krieg hernehmen.

Doch das wird schwierig: Die Bundeswehr ist derzeit in 13 Ländern bzw. Regionen an internationalen »Einsätzen« beteiligt, und zwar zurückhaltenderweise seit über zwanzig Jahren. Seitdem hat das Parlament, als hätte es Gauck vorauseilend einen Wunsch erfüllt, »nicht gleich nein« gesagt, wenn sich ein Krieg aufdrängte. 5000 bis 7000 deutsche Soldaten tun mit Waffengewalt Gutes überall in der Welt. Ist da überhaupt ein Fleckchen frei, wo ein bisserl Blut versickern kann?

Vielleicht hat der Bundespräsident darüber noch gar nicht nachgedacht. Aber eine Gelegenheit kommt: Bald könnte in Thüringen ein roter Ministerpräsident zwischen lauter roten und sozialdemokratischen Ministern die Räterepublik ausrufen. Ebert hat, als es in Thüringen schon einmal so weit war, per Notverordnung das Militär in Gang gesetzt und die Bande auseinandergejagt …

Doch in einem sollte Gauck dem Ebert nicht folgen: Er möge sich, wenn wir bitten dürften, nicht in Badehose zeigen!

Mathias Wedel

 

---Anzeige---