Ein Pickel voller Träume – aus Heft 8/2014

MißfelderJugend – eine wundervolle Zeit. Wie kostbar sie ist, weiß man erst, wenn man sie selbst durchschritten hat und sie bei anderen Menschen erblickt. Darum schaut man mit Verzücken auf ihn. Wer ihn sieht, ist verzaubert von seinem zarten Knabenkörper: unschuldig, rein, vermögend. Die Augen blicken neugierig aus dem Gesicht, das so frisch und doch vergeistigt wirkt von den geistigen Getränken in der Plenarpause. Aus ihm sprühen die politischen Visionen und Träume, die, gleich dem überreifen Pickel auf der Nase eines Adoleszenten, noch nicht zerplatzt sind. Philipp Mißfelder ist das junge Gewissen der CDU.

Seine jugendliche Verlebtheit sieht so zeitlos aus, dass man sein wahres politisches Alter schwer schätzen kann. Um es zu erfahren, müsste man ihn auf den Bauch drehen und seine Augenringe zählen oder in die Wikipedia schauen: Seit nunmehr zwölf Jahren leitet Mißfelder bereits die CDU-Jugendorganisation Junge Union, die nicht zufällig das C nicht in ihrem Namen, sondern im Markenaufdruck ihrer Lacoste-Pullover trägt. Eine Organisation, die es sich wie der Heiland selbst zum Ziel gesetzt hat, die Welt für alle Menschen besser zu machen, denen genügend Pomade aus den Frisuren kleckert.

Doch nicht nur in der JU arbeitete der Hoffnungsträger der Christdemokratie, wie ihn nicht einmal mehr Angela Merkel nennt. Mißfelder kann auf eine tadellose Kaderlaufbahn stolz sein. Schon mit 14 Jahren war er in der Schülerunion; zwei Jahre lang sogar als Vorsitzender. Davor wahrte er wahrscheinlich bereits die Interessen mittelständischer Holzklotzturmumstoßer in der Herdprämienkinderunion. Davor wiederum, munkelt man, war er einfaches Mitglied im RCDS, dem Ring Christlich-Demokratischer Spermien.

Wenn er nun in Kürze aus der Jungen Union ausscheidet, dann nur, weil er sein 35. Lebensjahr beginnt und damit eine Altersgrenze überschreitet, nach der man sogar für die JU zu alt ist, selbst wenn man den Geist Konrad Adenauers im Körper eines sehr spät pubertierenden World-of-Warcraft- Fans gefangen hält.

In jedem Fall wird sein Abschied eine Zäsur darstellen. Es ist immer schwer, wenn die Kinder das Haus verlassen, oder – im Falle der CDU – blasierte Arschgeigen die Jugendorganisation. Doch »wie jede Blüte welkt und jede Jugend / Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe«, wie es schon Hermann Gröhe einst so trefflich formulierte. Und um auf diese Lebensstufe vorbereitet zu sein, hat Philipp Mißfelder auch schon sein Bundestagsmandat und ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Dafür erhält er ein kleines Taschengeld, das er heute schon nach eigenem Ermessen ausgeben darf. So lernt er nicht nur den Umgang mit Geld, sondern auch den mit gutem Essen und teurem Rotwein.

Ein weiteres Taschengeld in Höhe von 100 000 bis 150 000 Euro erhält er vom Verlag teNeues. Warum, das weiß niemand so genau. Nicht einmal er selbst. Auf Anfrage der FAZ gab er zu Protokoll, dass er es für »Corporate Publishing Projekte« bekommt. Das klingt schon mal ganz fresh, wie die Kollegen aus seiner Crew sagen würden, die er »Netzwerk« nennt, ist dann aber doch ein bisschen vage. Aber weiß man, warum man von der Tante oder der Oma gut gefüllte Briefumschläge auf Geburtstagsfeiern erhält? Richtig, aus Liebe! Dieser Gesetzmäßigkeit folgt auch der freie Markt.

Der Philipp, wie ihn seine Mutti bestimmt immer noch nennt, hat vielleicht noch nicht das Format eines Helmut Kohl oder die bunten Handtaschen einer Angela Merkel. Dafür hat er aber etwas anderes, und zwar ungemeines Potenzial. Einmal hat er es nämlich schon ganz groß in die Presse geschafft. Damals hatte er gefordert, in 85-Jährigen keine neuen Hüftgelenke mehr zu verbauen, denn »früher sind die Leute schließlich auch auf Krücken gelaufen«. Das ist dieser erfrischende Konservatismus, von dem immer alle reden, wenn sie über die Straßen humpeln!

So etwas kam auch beim Vorsitzenden der Seniorenunion Otto Wulff gut an. Gemeinsam mit Mißfelder gründete er den Arbeitskreis »Zusammenhalt der Generationen«. In ihm einigte man sich auf brisante Positionen, die aus Philipp schon mal herausschossen wie eine Oma mit einem viel zu teuren High-End-Rollator aus dem Orthopädie-Fachgeschäft: »Die Veränderung unserer Alterspyramide kann nur im Miteinander der Jüngeren und Älteren gelingen«. Kaum hatte er es gesagt, gelang die Veränderung der Alterspyramide wiklich!

Nach diesem Erfolg holte Mißfelder 2009 schon zum nächsten Schlag aus. Mit dem Mut der Jugend merkte er an, dass die Erhöhung von Hartz IV lediglich ein »Anschub für die Alkohol und Tabakindustrie« gewesen sei. Gut, das war die Erhöhung der Politikerdiäten zwar auch, aber Mißfelder konnte nicht alle gesellschaftlich heißen Eisen anfassen.

Stattdessen schaltete er für einige Jahre verbal ein paar Gänge zurück. Jahre, die einem, wenn man seinen Sätzen lauschte, wie Äonen vorkommen konnten. So empfahl er sich für das Amt des Sprechers der Bundesregierung für die transatlantischen Beziehungen und konnte wiederum brisante Themen ansprechen wie: »Das Engagement deutsch-amerikanischer Vereine und Organisationen spielt eine wichtige Rolle beim Ausbau und der Pflege der Freundschaft zwischen Deutschland und den USA.« Oder: »Alles Gute zum Geburtstag, lieber Gerd!«

Letzteres sprach er erst vor Kurzem auf Gerhard Schröders Geburtstagsparty aus, auf der auch Wladimir Putin geladen war. Dass er im gleichen Zug sein Amt als transatlantischer Regierungssprecher hinschmiss, kam nicht so gut an in der CDU, die immer wieder betont, Wladimir Putins Politik nicht zu schätzen, sondern lediglich sein Gas.

Aber so ist das eben mit den jungen Leuten in ihrer Findungsphase. Irgendwann wird Philipp Mißfelder schon zur Vernunft kommen und kühl abwägen, ob er sich lieber für russische oder amerikanische Interessen einsetzen möchte – je nachdem, wer ihm dafür mehr Geld bietet. Wenn das geschieht, wird er als Erwachsener in seiner Partei gelten. Ob er dann CDU-Schatzmeister, Bundeskanzler oder Verantwortlicher für Angela Merkels Feigwarzen ist … Who cares, wie junge Leute wie Philipp Mißfelder zu sagen pflegen.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

---Anzeige---