Es wird vergessen, was auf den Tisch kommt

Es wird vergessen ...Unsere Leserin Sibylle Angerer aus 32756 Detmold fragt: »Der Mensch ist nicht tot, solange noch jemand an ihn denkt«, steht über jeder zweiten Todesannonce. Wie verträgt sich das mit dem Menschenrecht, vergessen zu werden?







Sehr geehrte Frau Angerer, dass Sie überhaupt die Zeit finden, sich eine solche Frage auszudenken, verrät einiges über das Angebot an sinnvollen Freizeitaktivitäten in Detmold. Doch beim EULENSPIEGEL, Ihrer leserorientierten journalistischen Serviceeinheit, wandert keine Zuschrift ungelesen in die Biotonne oder wird vergessen. Womit wir beim Stichwort wären: vergessen! Ich persönlich vergesse zum Glück nie etwas, zum Beispiel Geburtstage von Menschen, die ich nicht ausstehen kann. Die rufe ich Jahr um Jahr, kaum dass der Jubiläumstag begonnen hat, also spätestens eine Minute nach Mitternacht, an und krähe »Ich freue mich, dass du geboren bist« in den Hörer, und zwar alle mir bekannten sechsundzwanzig Strophen. Erst auf Deutsch, dann auf Pidgin-Slowakisch, und dann darf sich das Geburtstagskind noch eine dritte Sprache seiner Wahl wählen. Das ist nämlich mein Geschenk. Irgendwann röchelt der Glückliche: »Danke, dass du mich nicht vergessen hast!«, und ich weiß: Das habe ich mal wieder fein. Hingekriegt nämlich.

Wenn es stimmt, dass der Mensch nicht tot ist, solange noch jemand an ihn denkt, folgt daraus, dass man nur an jemanden nicht zu denken braucht, und schon geht er tot? Klappt das auch bei Nachbarn? Und was ist, wenn man nur ganz kurz an jemanden nicht denkt? Wenn einer daran gestorben ist, dass man aus reiner Schusselei mal nicht an ihn gedacht hat – wird der Tod dadurch ungültig? Gilt postmortales An-Jemanden-Denken als Wiederbelebungsmaßnahme? Ist es als Kassenleistung abrechenbar? Fragen Sie mich das bloß nicht!

Sondern Ihren Arzt oder Fliesenleger! Der Tod ist ein Vergesser aus Dutschland, heißt es nicht umsonst nicht, sondern Deutschland. Mit »e«, weil es ja sonst Dutschland hieße bzw. ohne »t« sogar Duschland, was eine Abteilung hier bei uns im Baumarkt ist. Stellen Sie sich nur mal vor, die DFB-Elf müsste in Brasilien als »Dusche Nationalmannschaft« auflaufen. Als Gegner kämen dann nur »Wanne Eickel«, »Handwaschbecken Hannover« oder »Urinal Uerdingen« in Betracht, was niemanden interessieren würde.

Apropos würde: Sehr wohl interessieren sollte man sich hingegen für Menschenwürde. Ach was: sollte! Muss! Man muss sich dafür interessieren! Wie heißt es schon im ersten Akt des Grundgesetzes: Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat deutscher … nee, Quatsch, aber hier: Die Würde des Menschen ist! Und zwar irgendwas mit »un-«, unveräußerlich vielleicht, jedenfalls auf Ebay und überhaupt, ich sage nur: China. Das oberste Menschenwürderecht besagt, dass man morgens so lange liegenbleiben darf, wie man will. Gilt aber nur bis sechs Uhr und am Wochenende. Spinat und andere Dinge, zum Beispiel das Wort »Schmuckschuber« eklig finden dürfen, ist das zweitwichtigste Menschenrecht, und einen Polizeibeamten als »Jenosse Oberförster« anzureden, das dritte. Aber dann, auf dem dankbaren vierten Platz, kommt schon das Recht, nach dem Tod vergessen zu werden! Passend dazu gibt es beim Bio-Steinmemetz um die Ecke Grabsteine aus der Serie »Natur«: ohne Namen, ohne Geburts- und Todestag und ohne Berufsbezeichnung drauf.

Die bewährte Dreifachformel: Hilft beim Vergessenwerden, ist gut für Datenschutz und beugt blöden Schnitzern vor wie »ehemaliger Spieler der Duschen Fußballnationalmannschaft « oder »Flottenadmiral der Südtiroler Bergwacht olé«. Steinmetze haben ja oft Ohrprobleme und verstehen den Auftrag nicht richtig. Klopfen »olé« statt »a.D.« in den Kalkspat. Kriegt man hinterher nur mit ganz viel »Meißel-Ex« wieder weg.

Wobei: Vergessen ist was anderes als Nichtdrandenken. Wenn ich nicht daran denke, wo ich wohne, ist das vollkommen Conchita. Wenn ich vergessen habe, wo ich wohne, muss ich mir was anderes suchen. Wenn man vergisst, an irgendetwas nicht zu denken, so ist das nicht dasselbe, wie wenn man nicht daran denkt, etwas zu vergessen! Anders ausgedrückt: Denken und Vergessen sind zwei Seiten einer Qual der Wahl. Oder wie es der berühmte Matjesforscher Dr. Julius Simferowitsch Beutel formuliert hat: Denken ohne Vergessen ist wie ein Esel mit Brücke, aber ohne Fluss.

Wie wahr! Nehmen wir nur einmal zum Beispiel ein Beispiel, beispielsweise Amundsen und Scott, die Cindy & Bert der Polarforschung. Hätten sie nicht beim Herumstromern im Schnee den Südpol entdeckt, würde sich doch kein Mensch mehr an sie erinnern. Und ihr einziger Hit (Spaniens Gitarren im Kornfeld) wäre längst in Vergessenheit geraten, da nützt alles Totsein nichts.

Und wie ist das mit dem Vergessen im Internet? Grundsätzlich heißt es ja, das Internet vergisst nichts. Man könnte es ohne Zettel zum Einkaufen schicken. Doch wer A sagt, muss auch Karl der Große sagen. Ohne Auswertung seines Twitteraccounts, der bei den Erkundungsbohrungen für das neue Reliquien-Endlager unter dem Aachener Dom entdeckt wurde, wüsste man praktisch nichts über ihn. Der Sachsenfeldzug (772) kam zum Beispiel deshalb zustande, weil die Sachsen ihn als »… mit ä bissel gudn Willn vielleih Goarl dor Middelgrohse « bezeichnet hatten. »Vir sint nicht mittelgroß!«, twitterte der Reichsoberlegastheniker daraufhin erbost und befahl, die Dresdner Frauenkirche »mal so richtigk fromm zusahmen zu kloppen!«. Gottseidank gelang es der Dresdner Opposition unter der Führung von Singsack Guntspecht Emmermann und dem Trompisten Prof. Ludrich Gürtel, dieses Vorhaben dadurch zu vereiteln, dass sie die Frauenkirche beherzt erst einige Jahrhunderte später errichtete.

Oder Goethe! Im November 1808 lesen wir auf seiner glücklicherweise vollständig erhaltenen Facebook-Seite: »Dieses neue Theaterstück hat weder Faust noch Fuß! Aber es ist schließlich von Goethe, also von mir. Bin ich etwa kein Klassiker mehr?« Und kurze Zeit später: »Schlecht. Alles ist schlecht. Irgendein Trottel hatte mich schillernde Figur genannt – Schiller! Versuche, für ein Selfie grimmig zu gucken. Oder wenigstens bedeutend. Werde morgen nach dem Frühstück die Farbenlehre Goethes erfinden. Klingt Goethes nicht fast wie Gottes? Es lebe der Dativ! Oder Genitiv, auch gut. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Weimar zerstört werden muss!«

Ich hoffe, liebe Frau Angerer, dass Sie mit dieser Antwort möglichst nichts anfangen können. Falls doch: vergessen Sie’s! Je eher, desto presto!

Herzlichst, Ihr
Robert Niemann
Zeichnung: Bernd Zeller

 

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