AntonAnton Hofreiter, der starke Mann der Grünen, hat an die Isar geladen. An seinen Lieblingsplatz mitten in der Münchner Wildnis, den man besser nicht ohne erfolgreich absolvierten Rüdiger-Nehberg-Crashkurs aufsuchen sollte. Die langen Haare, das urige Idiom, das Jackett mit dem BUND-Sticker – hier steht ein Naturmensch durch und durch, die personifizierte Renaturierung der Grünen. Hofreiter ist so natürlich, dass neben ihm selbst die Natur künstlich wirkt.

Man hat noch nicht einmal zur ersten Frage angesetzt, macht er einen Satz in den reißenden Fluss, taucht ab und fischt Verpackungsmüll aus dem Gewässer. »Vermaledeite Saupreißn, vermaledeite«, raunzt es aus dem nassen Schwamm. Es ist beeindruckend. Hofreiter ist ein Mann der Tat, der selbst dann noch eine gute Figur macht, wenn er baden geht.

Im Oktober 2013 wurde der sympathische Zottel Fraktionschef der Grünen. Seither hat sich viel getan bei der Ökopartei. Mit Hofreiter kam der Erfolg zurück. Die Vollpleite bei der letzten Bundestagswahl erscheint ähnlich weit weg wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder die Schreckensherrschaft des Jürgen Trittin. Die viel zu hohen Erwartungen, die in ihn gesteckt wur - den, hat Hofreiter bereits übertroffen. Keiner zweifelt daran, dass der Großcharismatiker es schafft, die Partei von acht auf neun Prozent nach oben zu katapultieren. Er ist die Lichtgestalt, die der Partei gerade noch gefehlt hat, ein neuer Joschka. Seine aktuellen Persönlichkeitswerte machen Hoffnung. Zwar können laut Stern-Umfrage nur 40 Prozent der Deutschen mit dem Namen Hofreiter etwas anfangen. Aber ganze 95 Prozent geben an, einen Toni zu kennen.

Seine nassen Sachen auswringend räumt Hofreiter ein, anfangs überfordert gewesen zu sein mit den neuen Strukturen und den vielen neuen Gesichtern, weshalb er unter anderem die Fraktions- Co-Vorsitzende anfangs immer mit »Frau Goebbels-Eckardt« angesprochen hatte. »I wusst jo net, dass ma sich glei duzt«, schnauft er, der im Gegensatz zur Fraktions-Co-Vorsitzenden heute über seinen Lapsus lachen kann.

Von der Isar führt einen der promovierte Botaniker zu seinem zweiten Lieblingsort, seinem Gewächshaus. Hier findet er Ruhe und tankt neue Energie. Deswegen nennt er dieses Pflanzenreich auch sein Antonkraftwerk. Im Studium hat er gelernt, eine Milliarde Blattarten voneinander zu unterscheiden. »Dogegen sehn Menschen für mi olle gleich aus«, sagt er. Um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, hat er es sich angewöhnt, seine Pflanzen nach Parteifreunden zu benennen. Er zeigt auf ein besonders langstieliges Gewächs, an dem das Namensschild »Trittin« prangt und klärt auf: »Des is ein gemeiner Hahnenfuß, in manchen Gegenden auch fieser Stangengrässling gnannt.« Daneben verkümmert in einem einsamen Topf Renate Künast. »Ein verdrießliches Krautmoos«, sagt Hofreiter und streicht mit seiner Hand über ein benachbartes Hanfbeet – »der Hans-Christian«. Vorbei an einer biederen Primel namens Katrin und einem Blumenkohl Bütikofer stellt sich uns ein ehrfurchtgebietendes Übergewächs in den Weg, das alles andere in den Schatten stellt. Hofreiter erklärt, es handle sich um Titanwurz Joschka, dessen lateinischer Name übersetzt so viel heiße wie »Penis der Titanen«. Wenn die Natur im Menschen die Augen aufschlage, fängt Hofreiter das Philosophieren an, »so lässt sie in der Titanwurz Joschka fei die Hosn nunter«.

Rein optisch erinnert Anton Hofreiter an eine Kreuzung aus Franz Josef Strauß und den Huberbuam. In seinem Heimatland haben sie ihn trotzdem lange nicht ernst genommen, hielten ihn für ein politisches Leichtgewicht, das sich nur mit Dreißigerzonen und anderen Frauenthemen beschäftigt. Erst seit Ungereimtheiten bei seiner Berliner Zweitwohnung öffentlich geworden sind und sich Hofreiter geschickt als skrupelloser Steuerbetrüger profilieren konnte, umweht ihn in Bayern die Heldenaura eines Uli Hoeneß, und viele trauen ihm jetzt sogar das Amt des Bundesfinanzministers oder FC-Bayern-Präsidenten zu.

Geboren wurde der Politheiland als Sohn eines Zimmermanns im oberbayerischen Sauerlach, dessen Gemeindewappen zu Recht aus einem Wildsaukopf und einer grünen Eichel (vom Baum) besteht. Für die Grünen zieht er schon früh in den Gemeinderat, wird dort zum Begründer eines katholischen Ökologismus mit schratigem Antlitz. Seiner Kompromissbereitschaft wegen ist er auch beim politischen Gegner hoch geschätzt. Unvergessen: Anstelle eines Blumenteppichverbots an Fronleichnam einigt sich der Pflanzenversteher mit der Kirche auf eine Barfußpflicht, damit der Pfarrer mit seinem schweren Schuhwerk nicht die ganzen friedlich ausgelegten Blüten massakriert.

Doch so tolerant war Hofreiter nicht immer. Ungewohnt einsilbig wird er, wenn man ihn auf seine Vergangenheit in der sogenannten Sauerlach- Gruppe anspricht. »Ein olda Huat« – mehr sagt er dazu nicht. Kein Wunder, denn die radikal-botanische Vereinigung soll unter anderem für einen Anschlag auf eine Rasenmäher-Werkstatt verantwortlich sein, bei dem sich ein unschuldiger Sauerlacher einen Tinnitus zuzog. Eine Mittäterschaft konnte Hofreiter zwar nie nachgewiesen werden, dennoch galt er als Kopf der Gruppe, weshalb sich Sauerlacher Bürger damals zu einer Anti-Anton- Bewegung zusammenschlossen, die solange Bestand hatte, bis »unser Toni« blumenbekränzt in den Bundestag einzog. Eine solche Nackenzierde wird in Oberbayern normalerweise nur einer Kranzkuh beim Almabtrieb zuteil.

Im Gewächshaus kämen ihm die besten Einfälle, sagt Hofreiter, während er an einem Gänseblümchen zupft. »Verbieten. Nicht verbieten.
Verbieten. Nicht verbieten …«, brummt er wie eine Hummel, die nach Nektar sucht. Noch immer tun sich führende Grüne schwer damit, sich zu ihrem politischen Zentralmotiv zu bekennen. Wer, wenn nicht Hofreiter, der Mann, der die Dinge beim Namen nennt, könnte den Mut aufbringen, dieses Schweigen zu brechen, sich hinzustellen und voller Selbstbewusstsein zu erklären: »Ja, wir Grünen sind eine Verbotspartei. Und das ist auch gut so.«

Eingerahmt von wuchtigen Gräsern doziert er, dass eine Pflanze nie von alleine zur vollen Pracht gelange, sie müsse in ihrer Entwicklung geführt werden. »A guata Botaniker woaß besser ois die Pflonzn selbst, was guat und was schlecht für sie ist.« In dieser Fähigkeit gleicht der gute Botaniker dem guten Politiker. Hofreiters aktuelles Projekt: die vegetarische Umerziehung seiner fleischfressenden Pflanzen. »Immer, wenn Wätschi- Day is, blühen die förmlich auf«, sagt er, und strahlt wie eine Sonnenblume, die sich auf ein Mohnfeld verirrt hat.

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

---Anzeige---