Der auf leisen Zungen daherkommt – aus Heft 6/2014


groeheBald danach schlief die Allgemeinheit wieder ein und der Minister auch. Für den Chef eines Ressorts, in dem es um nicht weniger als um Leben und Tod geht, eine helle Glanznummer; für einen Politiker, dessen Vorgänger stets für meterhohe Aufregung sorgten, eine dicke Leistung mit Sternchen. Welcher Sinn und Zweck Hermann Gröhe innewohnt, welche Aufgabe ihm die Kanzlerin auf den Buckel geschnallt hat, weiß niemand. Am 17.12.2013 war er in sein Amt gespült worden, ohne dass er in seinen 52 bis dahin abgeschnurrten Lebensjahren ein Wörtlein zur Gesundheitspolitik hingehaucht hätte; und seither auch nicht. (Die oben bezifferte Ausnahme bitte vom inneren Monitor löschen.) Dabei gäbe es einen Topf voller Möglichkeiten, die Medien mit Schlagzeilen zu pflastern: die Pflegeversicherung fest ausfüttern, die Krankenversicherung auf starke Füße stellen, die täglich älter werdende deutsche Gesellschaft gegen die breit heranstürmende Zukunft schnell, hoch und weit absichern. Indes: Schon als Generalsekretär der CDU seit 2009 fiel Gröhe dadurch auf, dass er niemandem auffiel und sein Name den Leuten oben rein- und unten wieder rausging. Während Vorgänger wie der scharfe Heiner Geißler, der wirre Peter Hintze oder der verlogene Ronald Pofalla es knallen ließen und politischen Widersachern das Wort im Gesicht herumdrehten, blieb Gröhe stets freundlich bis in die Zehenspitzen. Wenn er sprach, schnarchte das Publikum schon in den Kinderschuhen weg.

Aber eine genau so zurechtgeschneiderte Hilfskraft brauchte Angela Merkel, als sie die Wehrpflicht abbaute, der Atomenergie die Beine wegzog, die Familienpolitik aus den Grenzen des 19. Jahrhunderts an die frische Luft führte und die CDU zu einer mausgrauen Partei formte, die auch für die Gegner der CDU wählbar ist. Bei einem anderen Generalsekretär hätten die eingeborenen Konservativen mit den Knochen gerasselt und die Merkel vom Podium geschossen – an Gröhes runden Ecken und weichen Kanten aber lösten sich die blauen Bohnen in Luft auf.

Auf leisen Zungen hatte Gröhe seine ganze politische Laufbahn abgeleiert. Während seine Altersgenossen in den 70er-Jahren im Straßen kampf gegen die Bullenrepublik wie die Hühner starben bzw. sich die Finger in Schüler- und Stadtzeitungen krumm schrieben oder jedenfalls innerlich in Kritik an den bürgerlichen Verhältnissen badeten, war Hermann Gröhe schon mit 14 Lenzen schwarz hinter den Ohren, trat 1975 unauffällig der Jungen Union bei und mit 16 unbemerkt der CDU. Heimlich, still und leise bewegte sich Gröhe weiter durch sein Leben, ohne anderen auf die Füße zu fallen. Er studierte, lernte Rechtsanwalt, ließ sich 1994 in einer Kanzlei nieder und war damit erwachsen geworden; im selben Jahr, Gröhe hatte inzwischen 32 Lebensjahre angesammelt, zog er ohne viel Aufhebens in den Bundestag.

Während oben Bundeskanzler Helmut Kohl für jedermann sichtbar Deutschland zuritt, trafen sich Hermann Gröhe und andere jüngere Unionsabgeordnete im Hinterzimmer des Bonner Restaurants Sassella mit den Nachwuchspolitikern von der Rückseite des Mondes, von den Grünen. Offiziell gingen die Köpfe beider Lager noch weit auseinander, doch hier, wo die Karriere der einen von Kohl, die der anderen von Fischer erstickt wurde, ergaben sich bei Pizza, Pasta und Pipapo erste Annäherungen für den Fall, dass die Leithammel tot umfielen. Als die Union 2013 knapp an der absoluten Mehrheit vorbeisegelte und aus dem Pool der verbliebenen Kleinparteien einen Koalitionspartner fischen musste, hätte es Gröhe zufolge ruhig die Grünen treffen können.

Als Schwarzer, der auch eine grüne Seite hat, als Politiker, der aber auch Privatmann und Besitzer einer aus Frau, einer Tochter und drei Söhnen gezimmerten Familie ist, als Mensch, der aber auch Christ ist und ohne viel Geschrei bis zum Rat und zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hochstieg: Selbst nadelspitze Gegensätze verschmelzen in Gröhe wie von selbst zu einem einzigen runden Hermann. Widersprüche ohne weltweites Gedöns zusammenbinden, das lag dem 1961 in Uedem im sehr westlichen Kreis Kleve ohne den sonst üblichen Lärm Geborenen, dessen Eltern 1958 aus der ostdeutsch befindlichen DDR zugezogen waren, zeit seines Lebens in der Wiege.

Früh erkannte er darum auch, dass die Menschenrechte – noch tief in den 80er-Jahren als Propaganda (für Mandela und Konsorten) von der CDU bis auf die Haarwurzeln bekämpft – ganz im Gegenteil der kapitalistischen Werte- und Staatengemeinschaft alle Türen auf dem Globus aufsprengen. Gröhe platzierte sich deshalb sowohl im CDU-Bundesarbeitskreis Menschenrechte als auch in der Arbeitsgruppe der Unionsfraktion für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, selbstverständlich ohne sich deshalb knüppeldick in den Vordergrund zu spielen. Besonders angetan hatten es ihm Glaubensfreiheit und Religionsfreiheit, auch wenn er sie nicht als Freiheit von Glaube und Religion verstand und vollstreckte. Egal! Ein Hermann wie Gröhe, der nach vielen Himmelsrichtungen offen ist und kein böses Wort unter sich lässt, hat sich als Erfolgsmodell erwiesen. Er repräsentiert nächst Merkel den in Deutschlands Wohnzimmern herrschenden Zeitgeist, der immer angenehm lauwarm temperiert bleibt. Damit ist er auf den Zentimeter genau der Politiker, der im 21. Jahrhundert in Raum und Zeit passt. Außer natürlich, wenn es um Krankenhausbetten geht.

Peter Köhler

 

 

---Anzeige---