Haben wir den Muselmännern was getan? - aus Heft 1/2011

terror-ehrt»Mutter!«, sage ich. Nein – jetzt und in der Stunde höchster Not sage ich, wie einst in frohen Kindertagen: »Mutterle!«
Totenstill ist’s in der Siechenstube. Nur die Toilettenspülung leckt. »Mutterle!«, sage ich, und es will mir schier das Herze brechen. »Ich weiß schon, Junge«, flüstert sie, »ach, wie hab ich mir gewünscht, dass du nicht vor mir …« Usw.

Mannhaft trete ich hinaus, ohne mich noch einmal umzublicken. Feindbösige Nachtluft schlägt mir entgegen. Sie schmeckt nach Krieg und riecht nach sogenannten echten Thüringer Rostbratwürsten. Es ist der Weihnachtsmarkt. Karussells plärren, Losbudensirenen jaulen, Kinder greinen – doch wir hören es nicht. Stumm, mit früh gealterten Gesichtern stehen wir im Eiswind und halten je einen Becher Glühwein in den Händen. Es ist seit Langem (seit den Bomben auf Berlin) ein besonderer Becher. Es ist der Becher der Besonnenheit!

Einer, ein Alter, der die Blockade noch erlebt hat, spricht aus, was in uns denkt: »Besonnenheit, das ist es, was die Dienste jetzt von uns erwarten. Auch wenn dieser verdammt überteuerte Glühwein mit Zuckerersatz und Zitronenaroma aus Pottasche uns Durchfall und Sodbrennen verursacht – der Feind soll sehen: Uns geht der Arsch zwar auf Grundeis, doch der Becher der Besonnenheit geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Oder so ...« Dann gibt ein anderer, einer von den »Diensten«, halblaut Anweisungen zur Evakuierung für den »Würstkäs« – Frauen und Kinder zuerst.

Ein paar Tage später veranstalten wir den gleichen Zinnober mit widerlichem Prosecco, wie man ihn in Gerhard Schröders Berliner Republik gepichelt hat. Das Feuerwerk geht los vorm Brandenburger Tor. Jawoll, Feuerwerk! Gerade in diesen Wochen, wo man jeden lächerlichen Schuss in Marzahn oder im Märkischen Viertel nervös registriert – es könnte ja »was Ernstes« sein! Auch das Feuerwerk gehört in den Becher der Besonnenheit. Wenn wir ihn bis zur bitteren Neige leeren, dann doch, weil wir »das Leben der Freiheit« leben, wie es die Kanzlerin vor der NATO feinnervig formulierte, das Leben der Freiheit, nicht das Leben der anderen!

Allerdings – wir haben gar keine Angst. Wovor auch? Haben wir den Muselmännern etwa was getan? Aber Besonnenheit zu simulieren ist ein schönes Gefühl, staatstragend. Wir machen verlangsamte Bewegungen wie der Innenminister, und wenn die Kinder fragen, ob es heute Spaghetti gibt, sage ich: »Ich kann das nach dem geltenden Sachstand und den Informationen der Dienste weder bestätigen noch will ich es dementieren. Schon um eventuellen Schläfern« (Blick auf den Hund neben dem Heizungsrohr) »keine Anhalte zu geben.« Wenn wir ein Taxi rufen, lassen wir den Kutscher die rechte Scheibe runterdrehen, treten einen Schritt zurück und fragen: »Bist du sauber?«

Wir fahren auch besonnen S-Bahn. Tante Hilde ist ganze Tage auf der Ringlinie unterwegs. Anschließend ist sie dehydriert, weil sie gelesen hat, dass Anschlagsopfer nicht trinken sollen (gilt allerdings, seit der Schlacht in Flandern, nur bei Bauch- und Darmdurchschuss). »Ich habe wieder Todesängste ausgestanden, besonders in der Jungfernheide«, berichtet sie. Aber auch von den vielen anerkennenden Blicken weiß sie zu erzählen – Wertschätzungen, weil Hilde »ein Zeichen setzt«, ein Zeichen der Besonnenheit. Zeichensetzen ist ihr zur Passion geworden. Wenn sie dreimal vergebens bei uns geklingelt hat, sagt sie jetzt: »Ich habe dreimal ein Zeichen gesetzt.« Manchmal umarmt sie spontan Männer mit Schutzwesten vor Bahnhofstoiletten und schätzt es, in Gewahrsam genommen zu werden, denn es gibt Kaffee. Hilde hat genauso wenig Angst wie wir. Aber jetzt, wo Krieg ist, dürfen wir teilhaben, sind wir Schicksalsgemeinschaft, Adressaten der Vorsehung. Auch Hartz-IV-Empfänger, vorbestrafte Mütter und Stotterer.

Der Innenminister hat natürlich auch keine Angst. Wie denn – er weiß ja nichts! Und was er weiß, ist falsch. Er hat nur »die Dienste«, die bekanntlich schon hinter dem Rücken des Führers mit Churchill gemauschelt haben. Die langsamen Bewegungen sind dem Minister angeboren, sein runder, feiger Rücken und der Gang, als schlurfe er zur Hinrichtung. Das kommt natürlich gut jetzt. Sehr besonnen.

Weihnachtsmarkt, Silvester am Brandenburger Tor – das sind nicht zufällig die Orte der Besonnenheit. Wir denken uns jeden Tag neue Anschlagsziele aus. Besonders beliebt ist bei uns das Holocaustdenkmal, weil wir – seit Christian Wulff – auch irgendwie alle Juden sind und die Muslime uns deshalb auf dem Kieker haben.Auch rechnen wir mit einem Anschlag auf das schwul-jüdische Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Nur müssten wir dahin ein paar Besonnene schicken, wenn es Opfer geben soll.

Wir wissen viel genauer, was die Islamisten jetzt brauchen, als die Islamisten selbst. Wir könnten ihnen raten, welches Blutbad dem Propheten jetzt gefallen würde. Das ist natürlich gefährlich, denn ideologisch schwache Personen, zum Beispiel Sozialdemokraten, laufen über, haben an Heiligabend keine Lichterkette rausgehängt und sich hinter der Behauptung versteckt, der Führer habe Verdunkelung befohlen.

Meine Frau sagt, der neuralgische Punkt sei der ehemalige Konsum bei uns im Dorf, weil da die alten Weiber den Propheten verhohnepiepeln, indem sie mit Kopftüchern erscheinen, aber zu Hause übers Internet Sexspielzeug ordern, das sie in der Volkssolidarität verticken. Sie kauft dort täglich besonnen ein halbes Brot, das wir an die Hasen verfüttern müssen.

Wenn die Reporter Straßenumfragen machen, hat niemand Angst. Das ist dumm. Keine Angst haben – das fordert das böse Schicksal nur heraus. Frauen sagen regelmäßig: »Meine Kinder haben Angst.« Das ist eine Masche der Deutschen. Wenn die Angst kommt, werden die Kinder vors Loch geschoben: Feinstaub, Lärm, eine verrückt gewordene Ampelregelung, Vergewaltiger, Freigänger, die Miniermotte – immer haben die Kinder Angst zu haben. Sie werden für die Mütter-Angst in Geiselhaft genommen. Einmal hörte ich eine Mutter sagen: »Verkaufsoffener Sonntag? Da hat meine Annika Angst, dass der christliche Bezug verloren geht.« In der Hessenschau hat ein Kind gesagt, während es von der Mutter in den Hintern gekniffen wurde, es habe Angst, dass dieser Allah den Weihnachtsmann nicht in die Stube lässt …

Einige Leute verschmähen den Becher der Besonnenheit und sagen, dass der ganze Krieg gegen unsere Weihnachtsmärkte und unseren jüdischen Glauben von der Regierung erfunden worden sei. Denn nur wenn wir Angst haben, wissen wir zu schätzen, dass deutsche Schulabgänger in Afghanistan fallen und demonstrieren nicht gegen Bahnhofsneubauten. Da ist vielleicht was dran. Hat die Regierung nicht auch den französischen Erbfeind und den bolschewistischen Untermenschen erfunden, die RAF, den Mord an Rohwedder, den 11. September, den Rinderwahn, die Schweinegrippe, die Klimakatastrophe und die Bankenkrise? Nur um uns Angst zu machen!

Das soll die Regierung nur versuchen! Nein, wir haben keine Angst. Vor niemandem und keinem, solange das Bier nicht teurer wird. Aber zur Not – simulieren können wir sie ja!

Mathias Wedel
Zeichnung: Rainer Ehrt

 

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