Krake im Gezeitentümpel – aus Heft 5/2014

Es ist Krieg! Und er ist besonders schlimm, weil er kalt ist. Stand der Russe früher auf unserem Boden, so gräbt er sich nun in unsere Herzen. Mit der ihm eigenen dämonischen Boshaftigkeit will er unsere Liebe gewinnen und uns gefügig machen. All das kraft seiner bezaubernden Worte und seiner geschmeidigen Bärenzunge, die uns sanft den Nacken leckt. Leider scheint er mit dieser billigen Masche Erfolg zu haben. Denn laut einer TNS-Umfrage äußern 55 Prozent der Deutschen »viel oder etwas Verständnis dafür, dass Kremlchef Wladimir Putin die Ukraine und besonders die Krim als Teil der russischen Einflusszone betrachtet«.


Sie zeigen sich damit unbeeindruckt gegenüber den deutschen Leitmedien von Spiegel über Süddeutsche bis hin zum Süderländer Volksfreund, die nicht müde werden zu betonen, dass der Präsident in Moskau die Ausgeburt der geostrategischen Verderbtheit, die leibhaftige Reinkarnation des Imperialismus, kurzum ein großes Stück Moppelkotze ist. Wieso kommt diese Botschaft bei den Deutschen nicht an?

Die Entwicklungen sind verwunderlich. Es ist noch nicht allzu lange her, da waren Agitation und Propaganda in Deutschland bei allerbester Gesundheit. Tausende Ostdeutsche marschierten – was mannigfache Fernsehaufzeichnungen beweisen – jedes Jahr am 1. Mai mit ehrlicher Begeisterung durch die Straßen. Defilierten sie an den großen Männern des Staates vorbei, dann bildeten sich Tränen der Rührung in ihren Augen und Flecken der Lust auf ihren Hosen. Szenen, die man so heutzutage höchstens bei Auftritten von Miley Cyrus oder Horst Seehofer beobachten kann. Doch auch im wiedervereinigten Deutschland gab es schöne Momente. So zum Beispiel, als uns das Fernsehen 2006 befahl, Nationalfahnen schwenkend die großen Plätze der Republik zu füllen und unter lautem Getöse den Flammen die Schriften von … Quatsch … dem Poldi zuzujubeln.

Übriggeblieben ist von alldem nicht viel. Die DDR ist untergegangen, Ballack ist zurückgetreten, und wir sind ein Volk von Putin-Verstehern geworden. Um das raffinierte indoktrinierende Wort ist es in unserem Land heute schlimmer bestellt als um die Leistungen der Biathletinnen bei der Olympiade. Dabei könnte es doch so schön sein! Denn der Krim-Konflikt ist so simpel, dass er sich hervorragend zur propagandistischen Ausschlachtung nutzen ließe: Auf der einen Seite ein ökonomisch marodes System, das auf einer fragwürdigen demokratischen Legitimierung beruht, von einer korrupten politischen Elite geführt wird und versucht, seinen Einflussbereich auszuweiten, und auf der anderen Seite Russland, das auch nicht viel besser ist. Dazu fällt dem Spiegel nichts Besseres ein, als Wladimir Putin einen »Brandstifter« zu nennen. Ein Brandstifter – das ist im harmlosesten Fall jemand, der das Auto von B.Z.-Kommentator Gunnar Schupelius anzündet. Aber doch nicht ein Völkerrechtsbrecher, Aggressor und Toilettentieftaucher der obersten Kajüte wie der Judo-Geck aus St. Petersburg! Der dürfte doch zu Recht »Popelfresser «, »Steckdosenficker« oder »Sebastian Frankenberger« genannt werden – von seiner Mutter ganz zu schweigen!

Besser, aber auch nicht überzeugend, macht es der Focus-Chefredakteur Jörg Quoos. Der bezeichnete Russland als »gefräßigen Kraken« – eine schöne Allegorie für den Wirbellosen unter den Nationen, der seine saugnapfbestückten Arme Richtung Besitztümer anderer Staaten ausstreckt, der in Gezeitentümpeln lebt, sich von Krebsen und Schnecken ernährt und nach der Vermehrung unwillkürlich stirbt. So weit, so stimmig, doch mit einer poetischen Metapher hat noch nie jemand den Pöbel gegen den Feind gehetzt!

Wenigstens aber hat Quoos es versucht. Josef Joffe von der Zeit dagegen macht auf bräsigen Defätismus. Er rechnet im Zusammenhang mit der Krimkrise kleinlaut vor, dass die Bundeswehr einst mehrere Tausend Kampfpanzer besaß, »jetzt sind es nur noch ein paar Hundert«. Will er damit etwa andeuten, dass unsere Offiziere nicht unseren heimischen Grund, unsere Frauen, Kinder und BUGA-Gelände beschützen können? Früher landete man für so etwas wegen Wehrkraftzersetzung am Galgen! Und für Sätze wie »P.S. Wladmir Putin wird diese Kolumne nicht lesen und das ist gut so« kam man ins Irrenhaus, mindestens aber in die Zeit-Redaktion.

Doch es wäre zu einfach, die Schuld allein bei den politischen Kommentatoren zu suchen. Denn abseits des öffentlichen Mainstreams hat sich eine Riege siecher Sozialdemokraten aufgemacht, das Meinungsbild zugunsten Russlands zu verschieben. Platzeck, Schröder, Schmidt, alle machen mit! Allen voran Uns Acker Gerd, der deutsche Gasarbeiter in Russland. Er schreckte in seiner Putin-Verteidigung nicht davor zurück, zu erwähnen, dass auch er, Schröder, schon das Völkerrecht im Kosovokonflikt gebrochen hätte. Bei so viel Selbstkritik zerflossen die Zuschauer an den Endgeräten vor Rührung. Aber es blieb ein billiger Trick. Denn was Schröder geflissentlich verschwieg, war, dass er damals mit dem Bombardement auf Serbien ein zweites Auschwitz, vielleicht sogar die dritten killing fields von Pol Pot und das Große Sommerfest der Volksmusik verhinderte! Außerdem veranlasste er seine Frau Doris, einen wunderbaren Adventskalender zu veröffentlichen, den das Konterfei des gemeinsamen Hundes zierte. Damit ist sein Verhalten verziehen. Putins nicht!

Leiden wie ein Hund (resp. eine Hündin) wird Angela Merkel. Sie ist gezwungen, Außenpolitik gegen ihr Volk zu machen, bitter für eine lupenreine Demokratin, die vom Wir-sind-das-Volk-Volk in die Höhen der Macht getragen wurde. Nicht mal auf das ZDF ist mehr Verlass! Dort werden Politiker, die vom Fernsehmachen was verstehen, aus dem Verwaltungsrat gemobbt. Wird deshalb Claus Kleber bald nicht mehr den Tagesbefehl ins Off bellen können? Wird Markus Lanz Sahra Wagenknecht nicht mehr zur Sau machen dürfen? Und wird ZDF Kultur nicht mehr den ganzen Tag Schlagersendungen aus den Siebzigerjahren wiederholen? Wenn ja, dann dürfte sich Putin schon ins Invasoren-Fäustchen lachen.

Andreas Koristka

 

 

Kommentare 

 
#2 jason 2014-05-15 00:02
Politiker irren
sich nicht. Sie folgen damit genau den Vorgängern.
Diese haben sich sowieso nicht geirrt.
Es weigert sichRußland jetzt ebenmal zu erklären, es wäre so großwie die su und könne mal so die Schulden von Mittelosteuropa in Euro dauerhaft übernehmen. Es tut dies nämlich immer noch für die Abwicklung der Fahrzeug und Flugzeugindustr ie. Auf diese Titel wird spekuliert. Dabei spekulieren eben deutsche Politiker mit. Wobei die Flugzeuge der SU bewiesen besser flogen.
Zitat
 
 
#1 mein Name 2014-04-18 14:06
Wie tief kann man eigentlich sinken?
Reicht es nicht, daß sich unsere "etablierten" Medien in schwülstig-verlockener Probaganda, Russenfeindlich keit und Kriegshetze gegenseitig überbieten?

Ihr könnt es wohl kaum erwarten, bis Mr. Freedom wiedermal mit Bomben und Raketen "Demokratie" über den Menschen ausgiest? Oder?
Vielleicht bringt ihr ja dann eine satirische Betrachtung zu den Leichenbergen, die der glorreiche Amerikaner bei solchen Gelegenheiten anzuhäufen pflegt.

Ihr seit eine Schande!!!
Zitat
 

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