Geschrei ohne Ball – aus Heft 5/2014

KloppoAls Jürgen Klopp 1967 trotz massiven Gegenpressings geboren wurde, war er vom Anpfiff weg voll konzentriert. Sein Ehrgeiz war geweckt. Er winkte den Arzt nah an sein zu einer Grimasse verzerrtes Gesicht und schrie ihn an, dass er auf diese Scheiße hier überhaupt keinen Bock habe. Eine Geste, die authentisch schien und Ehrlichkeit, Emotionalität und Lockerheit ausstrahlte. Seinen Eltern war er damit auf Anhieb sympathisch, und so verhalfen sie ihm zu einem Werbevertrag mit Baldriantropfen.


Nachdem er gelernt hatte, wie wichtig es ist, hinten dicht zu machen, kam Klopp in den Kindergarten. Die Zeit schien ihm dort reif für ein neues Image, und so setzte er sich eine Baseballmütze auf und ließ sich einen Fünf-Tage-Bart stehen – von da an seine beiden Markenzeichen. Schon bald entdeckte er an sich ein großes Talent: Charisma. In emotionalen Reden riss er die anderen Kinder der Bienchengruppe mit und motivierte sie zu Höchstleistungen beim Spiel ohne Ball in der Klötzchen-Ecke. Klopp verlangte dabei nichts weniger, als dass jeder seine Qualitäten zu 100 Prozent in den Dienst der Bienchenmannschaft stelle. Die Gegner aus der Marienkäfergruppe sollten schon auf der Rutsche unter Druck gesetzt und zu Fehlern im Sandkasten gezwungen werden.

Doch die Erzieherinnen teilten die Gruppen neu auf. Klopp reagierte daraufhin sehr emotional und sprang auf einen Tisch, um dem Gesicht der verantwortlichen Erzieherin möglichst nahe zu kommen und ihr schreiend darzulegen, dass das Ganze voll fies und sie ja wohl eine superdoofe Kuh sei.

Als Klopp am Nachmittag von seiner Mutter aus der Ecke abgeholt wurde, in die er zur Strafe verwiesen worden war, gestand er zerknirscht, ein wenig zu emotional reagiert zu haben, auch wenn er freilich in der Sache durchaus Recht habe. Zum Trost verschaffte ihm seine Mutter Werbeverträge mit Kettcar, Langnese, dem Dudarfst-heute-länger-aufbleiben-Bärchen und der Volksbank.

Die sehr enge emotionale Bindung, die er zu seinem Kindergarten aufgebaut hatte, machte ihm Jahre später den Abschied schwer. Doch er erkannte, dass in seiner neuen Umgebung größere Aufgaben auf ihn warteten. Wieder mal wurde sein Ehrgeiz geweckt. Auch hier kam sein Talent als Motivator und Menschenfänger zum Tragen. Dank der Redemanuskripte, die ihm schüchterne Mitschüler geschrieben hatten und die er mitreißend vortrug, wurde er zum Schülersprecher gewählt. Das brachte ihm Werbeverträge mit Clearasil und der Zeitschrift St. Pauli Nachrichten ein, die, wie sich zu seiner ironisch geheuchelten Überraschung herausstellte, nichts mit dem Hamburger Fußballverein zu tun hatte.

Auf Hierarchien stand Klopp schon in der Schule nicht. Er mochte es lieber locker, und so erlaubte er es sogar den Lehrern, ihn Kloppo zu nennen. Kloppos kumpelhafte Art wurde jedoch eines Tages auf eine harte Probe gestellt, als ihn ein Lehrer während einer Klausur nach vorne zitierte.

Da konnte Kloppo nicht mehr an sich halten, lief knallrot an, brachte wutschnaubend sein Gesicht vor dem des Lehrers in Stellung, so dass der Schirm seiner Mütze die Stirn des Lehrers malträtierte und schrie, der Lehrer sei ja wohl blind oder was, denn er, Kloppo, habe gerade keinesfalls einen Spickzettel in der Hand gehabt und nun schnell runtergeschluckt. Vielmehr habe er, der Herr Lehrer, offenbar seinen Termin beim Augenarzt verpennt, das Arschloch.

Als Kloppo zwei Minuten später zerknirscht vor dem Rektor stand, erklärte er: »Ich habe noch nie bei einer Klausur gespickt, wieso sollte ich heute damit anfangen?« Dem Rektor leuchtete das ein, denn die Bodenständigkeit und Authentizität Kloppos fand er sympathisch.

Nach dem Abitur gelang Klopp als Spieler der Reservemannschaft von Eintracht Frankfurt ein Kunstschuss, neun Monate später kam sein Sohn zur Welt. Doch seine Frau war taktisch noch nicht so weit. Das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive überforderte sie. Vor allem Klopps neu entwickelte Form der Raumdeckung, die ihr anfangs zwar durchaus nicht unangenehm war, weil sie sich meist dezent aus der Manndeckung heraushalten konnte, erschien ihr mit der Zeit unnatürlich und falsch. Die Trennung wurde unausweichlich.

Und sie weckte Klopps Ehrgeiz. Unbedingt wollte er die Scheidung gewinnen. Zur Prozessvorbereitung fuhr er mit seinem Anwalt in ein zweiwöchiges Trainingslager, gesponsert von Bitburger, Eckes Edelkirsch und der Arag-Rechtsschutzversicherung. Akribisch übte er mit seinem Verteidiger juristische Standardsituationen ein, bereitete ihn auf Paragraphen-Konter vor und ließ ihn stundenlang mit einem Medizinball in den Armen die Treppe hoch und runter rennen, weil Klopp der Meinung war, sein Anwalt könne durchaus ein paar Kilo abnehmen.

Klopp wähnte sich gut vorbereitet. Vor Gericht traf er jedoch auf einen unerwartet starken Gegner, der alle Schwächen in Klopps Verteidigung schonungslos aufdeckte. Als die Verhandlung nach 90 Minuten zu Ende ging und der Richter entschieden hatte, hielt es Klopp nicht mehr auf seiner Bank. Da der Richter hinter seinem Pult für Klopp schwer erreichbar war, stürmte er auf die Stenotypistin zu und schrie ihr aus kürzester Entfernung ins Gesicht, eine so krasse Fehlentscheidung, wie sie dieser Freisler da hinter’m Pult getroffen habe, habe er noch nie gesehen. Am nächsten Tag zeigte sich Klopp zerknirscht.

»Ich bin über das Ziel hinausgeschossen, das war völlig doof«, erklärte er auf einer spontanen Pressekonferenz der Bäckereifachverkäuferin. Diese äußerte ihr Verständnis für Klopp und beteuerte, dass es gerade diese Emotionalität sei, die sie so sehr an ihm schätze. Von diesen Worten aufgemuntert, kaufte Klopp gleich noch zwei Packungen Zigaretten.

Klopp schloss die Universität mit einer Diplomarbeit über Walking ab, unterzog sich einer Haartransplantation, erhielt den Deutschen Fernsehpreis, wurde Brillenträger des Jahres, gewann dank des taktischen Genies seines Co-Trainers Zeljko Buvac das ein oder andere Fußballspiel als Trainer eines bodenständigen börsennotierten Vereins und wurde als Markenbotschafter »Metylan Gesicht des Jahres«.

Zusammen mit seiner zweiten Frau Ulla, zu der er 2005 ablösefrei gewechselt war, betet Kloppo jeden Abend. Doch wenn Gott, wie in letzter Zeit häufiger geschehen, nicht auf Kloppo hört und den FC Bayern gewinnen lässt, obwohl Kloppo 187 Prozent Einsatz von Gott gefordert hat, kann es schon mal sein, dass Kloppo ausrastet.

Dann reißt er das Holzkreuz von der Wand, hält es nah vor sein Gesicht, als wolle er dem Jesulein den Kopf abbeißen und schreit, dass er auf Gottes Unzuverlässigkeit so viel Bock habe wie auf eitrige Pusteln im Adduktorenbereich. Wenn Kloppo dann ein wenig später zerknirscht erklärt, das Kreuz verbrannt zu haben, sei nicht in Ordnung gewesen, lächelt Gott milde über so viel Ehrlichkeit, Emotionalität und Authentizität und verschafft Kloppo Werbeverträge mit Opel, Brandt Zwieback, Philips, Sony, Seat, Ferrero, Nike, Getränke Hoffmann, Audi, Granufink, noch mal Philips, Suhrkamp, dem Paviangehege im Mainzer Zoo, Fackelmann …

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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