Waldschrate am Pissoir – aus Heft 03/2014

Meikel NeidEs sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ›Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so‹«, stellte Jasper von Altenbockum unlängst in der FAZ fest. Dem kann man uneingeschränkt zustimmen, genauso wie der Aussage, dass es in Deutschland niemals zu einer grausigen Diktatur der Meerschweinchen kommen sollte, die die Menschen unterjochen und in ihren unterirdischen Karottengulags unter widrigen Bedingungen ausbeuten.

Beides scheint auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Doch die Gefahr für die Heterosexuellen wächst beständig. Jetzt möchte Baden-Württemberg sogar per Bildungsplan durchsetzen, dass alle männlichen Schüler der Sekundarstufe II bis zur zehnten Klasse mindestens einmal von ihrem Lehrer angepimmelt werden müssen.

Gut, ganz so explizit ist es im griffig betitelten Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung der Leitprinzipien nicht formuliert. Natürlich nicht, denn man möchte den Leser einlullen mit den Worten: »Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Orientierung auseinander mit dem Ziel, sich selbstbestimmt und reflektiert für ein ihrer Persönlichkeit und Lebensführung entsprechendes Berufsfeld zu entscheiden.« Schwule Jugendliche werden also Friseur, Balletttänzer und Fußballnationaltrainer, heterosexuelle Jungen werden Fleischer. Mädchen werden Hausfrau. So weit, so Pädagogenpoesie, und alles bleibt wie gehabt in Baden-Württemberg – möchte man jedenfalls meinen. Doch der Hinterlader steckt im Detail. Denn die Bildungsplankommision will zudem, dass es den Kindern möglich ist, »Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können.« Bei so viel Nächstenliebe hört der Spaß für die Kirche natürlich auf!

In einer ersten kritischen Stellungnahme zum Verschwulungsgeschwurbel des Bildungsplanleitplans gaben Katholiken und Protestanten gemeinsam – mit dem Arsch ganz dicht an der Wand – zu Protokoll, dass es »jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination zu wehren gilt.« Eine einleuchtende Argumentation. Denn wenn Ideologisierung an deutschen Schulen gestattet wäre, dann könnte ja zum Beispiel auch die Kirche dorthin gehen. Sie würde dann eine Art »Religionsunterricht« anbieten, Kinder lehren, dass laut Heiliger Schrift Schwule im ewigen Fegefeuer der Verdammnis brutzeln müssen oder im Vatikan händchenhaltend spazieren gehen dürfen. So weit darf es nie kommen!

Und überhaupt, warum zeigt man sich eigentlich den Christen gegenüber nicht tolerant? Peter Hauk, der Fraktionsvorsitzende der baden-württembergischen CDU, brachte es im Deutschlandradio auf seine ganz eigene Art und Weise auf den Punkt: »Die, die im Augenblick nicht tolerant sind, ist doch die Landesregierung, die denjenigen, die diesen Leitlinien nicht folgen mögen, Intoleranz und Homophobie vorwerfen.« Mit anderen und nicht ganz so wirren Worten: Wer die Intoleranz der Kirche nicht toleriert, der ist intolerant. Eine nicht ganz von der Hand zu weisende Logik, schließlich müssen Lehrpläne auch die Ansichten Al-Kaidas, der Skinheads Sächsische Schweiz und jene Mario Barths tolerieren und deren Wünsche berücksichtigen.

Mit dieser Erkenntnis und Gottes Beistand im auf keinen Fall verlängerten Rücken, galt es, Zucht und Ordnung im Ländle wiederherzustellen. Als erstes versammelten sich die Menschen im Berufsverkehr und als auch das nichts brachte, machte einer von ihnen seiner Schnappatmung Luft, indem er eine Online-Petition startete. »Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens« wurde ein voller Erfolg. Unter den knapp 200 000 Unterstützern fanden sich so namhafte wie Hallo hopp, Retret ghdfh und Jens xxx. Damit konnte dieses Machwerk nicht einfach als das Produkt einiger weniger Irrer gelten!

Wo keine wenigen Irren sind, da ist die FDP für gewöhnlich nicht weit. So ließ ihr Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke verlauten, dass er neben der klassischen Familie »andere Lebensformen als tolerabel, aber nicht als gleichwertig« betrachtet. Eine Äußerung, die nur vor dem Hintergrund verstanden werden kann, dass auch jedes FDP-Mitglied eine gewisse Lebensform darstellt. Und könnte man diese Lebensform gleichwertig behandeln wie eine gute Familie? Beispielsweise wie jene Kim Jong-uns? Teilweise, mögen einige sagen. Aber wo kriegt man die vielen hungrigen Hunde her?

Die Bemühungen der Verschwuchtelungsgegner blieben jedenfalls nicht ohne Wirkung. Die Presse reagierte bereits und forderte, dass man die rückständigen Waldschrate »nicht als rückständige Waldschrate brandmarken« sollte (SZ). Ein weiterer Erfolg: In letzter Zeit wurden keine schwäbischen Schüler mehr auf Klassenfahrt im Darkroom des Berghain gesehen. Das könnte auch den dort herrschenden schlechten Sichtverhältnissen und der harten Tür geschuldet sein, aber immerhin! Vielleicht wird eines fernen Tages sogar die erste poppersfreie Schule des Bundeslandes ausgerufen werden können, und heterosexuelle Schüler müssen sich nicht mehr den Beleidigungen ihrer schwulen Altersgenossen aussetzen. In einer verbindlichen Verpflichtungserklärung haben sich schon jetzt 4000 Knaben bereiterklärt, jeden Morgen kalt zu duschen und ihre Augen am Pissoir geradeaus zu richten. 5200 Mädchen sind im Gegenzug bereit, auf Kurzhaarfrisuren zu verzichten.

Sicherlich, bis zur Endlösung der Schwulenfrage in Baden-Württemberg kann es noch etwas dauern. Zu hoffen bleibt, dass sich christliche Bedenkenträger weiterhin so fruchtvoll in Bildungsdebatten einbringen. Vielleicht könnte so die rot-grüne Schnapsidee von der Evolution endlich aus deutschen Unterrichtsräumen verschwinden, die Erde in den Schulbüchern als Scheibe dargestellt werden und wer frei von Schuld ist, könnte auf Schulhöfen wieder den ersten Stein werfen. Ganz im Sinne der christlichen Toleranz vielleicht ja sogar auf eine scheiß Schwulette!

Andreas Koristka
Zeichnung: Meikel Neid

 

 

---Anzeige---