Das Lächeln der Reitstiefel – aus Heft 2/2014

UrselObwohl ihr wirklich alles zuzutrauen ist, betont Ursula von der Leyen regelmäßig, Kanzlerin wolle sie nicht werden, niemals. »Angela Merkel bleibt Kanzlerin bis mindestens 2017«, sagt sie und lächelt ihr barmherziges Lächeln, »und es gilt: Jede Generation in Deutschland hat einen Kanzler. Aus meiner Generation ist das Angela Merkel.« Und tatsächlich ist von der Leyen gerade mal vier Jahre jünger als die Kanzlerin, während zum Beispiel zwischen Willy Brandt (Jahrgang 1913) und Helmut Schmidt (1918) eine ganze Generation lag.


Man merkt von der Leyen an, dass ihr die Politik in den Genen liegt und sie die Tochter eines ehemaligen Ministerpräsidenten ist: Mit Tatsachen nimmt sie es sehr genau. Was natürlich das ein oder andere Missverständnis nicht ausschließt. Deutlich wurde das in ihrem Kampf gegen die Kinderpornografie. Da musste sie Sachverhalte vereinfachen, damit auch die Senioren das Wahlkampfthema begreifen konnten. Die waren denn auch sofort davon überzeugt, dass ein virtuelles Stoppschild die Vergewaltigung von Kindern beendet. Auch der protestierende indische Botschafter hatte ihre Behauptung, in Indien sei Kinderpornografie nicht strafbar, völlig falsch verstanden – sie hatte das symbolisch gemeint. Und dass die Internetanbieter ihrem Satz, »die technischen Fragen sind geklärt worden«, einhellig widersprachen, lag schlicht daran, dass die Internetanbieter unfähig waren, von der Leyens sachkundige Pläne umzusetzen. Der größte Schock ereilte sie jedoch, als der damalige Bundespräsident Köhler sich weigerte, das durchs Parlament gepeitschte Gesetz zur Sperrung kinderpornografischer Internetseiten zu unterschreiben.

Angeblich wegen rechtlicher Bedenken. Sie war fassungslos. War auch Köhler einer dieser Kinderpornogucker? – Von der Leyen hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn schon kam die Bundestagswahl, und plötzlich war sie nicht mehr Familien-, sondern Arbeitsministerin und ihr das Thema auch gar nicht mehr so wichtig.

Andere Probleme warteten nun auf sie. »Wenn ich in Berlin bin«, erzählte sie gnädig lächelnd kurz nach Einführung ins neue Amt, »halte ich es für sinnvoll, auch im Ministerium zu übernachten. Dann kann ich abends länger arbeiten und morgens direkt weitermachen.« – Ein kleiner Wink mit der Brechstange, den das arbeitsscheue Gesindel da draußen nicht missverstehen konnte. Von der Leyens Überstunden machten sich bezahlt. Schon bald waren Verbesserungen in den Statistiken der Arbeitsämter zu erkennen. Einwände des Bundesrechnungshofs, die Arbeitsagentur habe die Erfolgsbilanz geschönt und Arbeitslose aus der Statistik herausgerechnet, konnten ihr nichts anhaben, denn sie führte lediglich eine alte Tradition des Hauses fort.

Nicht immer lief es so reibungslos. Ihr Plan, minderjährige Testkäufer loszuschicken, um die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes zu prüfen, scheiterte an juristischen Bedenken und dem Vorwurf, sie würde Jugendliche missbrauchen. Ihr Plan, Bundespräsidentin zu werden, kollidierte mit Merkels Plan, Wulff abzuschieben. Ihr Widerstand gegen das Betreuungsgeld scheiterte am Durchsetzungsvermögen der CSU. April 2013 dann der vorläufige Tiefpunkt: Im Streit über die Frauenquote sprach ihr Angela Merkel ihr Vertrauen aus. Das Ende von von der Leyens Karriere schien besiegelt. Doch sie riss sich zusammen, lächelte gütig und stimmte im Bundestag als eiserne Befürworterin der Frauenquote gegen die Frauenquote. – Ein Sieg der Vernunft, schließlich hat sie sieben Kinder zu ernähren.

Ihre größten Erfolge feierte von der Leyen derweil außerhalb der Politik. Beim Politbarometer wurde und wird sie regelmäßig unter die beliebtesten Politiker gewählt. Der Grund: Politiker werden mit anderen Maßstäben gemessen als zum Beispiel Arbeitslose. Das weiß auch die Arbeitsministerin: »Man kann die jungen Menschen nicht einfach nach einer gescheiterten Maßnahme in der nächsten parken.« – Was mit jungen Menschen nicht geht, geht mit Politikern durchaus. So fand sich auch nach der letzten Bundestagswahl eine neue Maßnahme für Ursula von der Leyen, die, als hätte sie es gewusst, schon vorher verkündet hatte: »Es wird das Thema der Zukunft sein, dass wir nicht von der Lehre bis zur Pensionierung in der gleichen Stellung arbeiten werden.« Überhaupt diese neue, flexible Arbeitswelt: Statt im Verteidigungsministerium zu übernachten, will von der Leyen in Zukunft lieber mild lächelnd von zu Hause aus arbeiten, was dank modernster Drohnentechnik bald auch vielen Soldaten möglich sein wird.

Doch ist sie die Richtige für den Job? Mitte 2012 war sie jedenfalls noch der Meinung: »Wenn ich zum Beispiel über den Abschied von der Wehrpflicht sprechen soll, fällt mir das schwer. Nicht, weil ich diese Entscheidung für falsch halte, sondern weil es einfach nicht mein Thema ist.« Wäre es damals schon ihr Thema gewesen wie die Internetsperre, die Kandidatur zur Bundespräsidentin oder die Frauenquote, hätte die Bundeswehr jetzt weniger Nachwuchssorgen.

Um dieses Problem anzugehen, ist sie allerdings genau die Richtige, hat sie doch eine halbe Kompanie potenzieller Soldaten zur Weltgebracht (wegen Adelstitel natürlich im Offiziersrang). Wenn von denen ein oder zwei während der nächsten Friedensmission fallen, merkt man das kaum am Frühstückstisch.

Zwar spricht sie davon – ihre Worte klug abwägend –, vor der neuen Aufgabe einen »Mordsrespekt« zu haben, völlig unvorbereitet ist sie aber nicht: Einen blondierten Helm hat sie schon auf, und auch bei ihrem ersten Afghanistanbesuch machte sie eine gute Figur. »Das sind meine Stallschuhe«, antwortete sie auf die Frage eines investigativen Journalisten, »die haben schon einiges gesehen.« Man weiß ja, wie es in so einem Pferdestall zugeht: überall verschmorte Leichen und traumatisierte Invaliden. Den nächsten Friedenseinsatz jedenfalls möchte sie persönlich, liebevoll lächelnd und hoch zu Ross, an - führen, wobei sie dann wohl auch die Gerte nicht vergessen wird.

Am meisten überrascht, wie gut von der Leyen bei ihren neuen Untergebenen ankommt. Dass sie mit einem wie Brigadegeneral Georg Klein keine Probleme hat, versteht sich von selbst, schließlich hat Klein zwar mehrere Kinder töten lassen, Kinderpornos sieht er sich aber nicht an. Doch auch dem Rest der Truppe, betonte der Chef des Bundeswehrverbandes in den letzten Wochen immer und immer wieder, hat sie bereits »das Herz gewärmt« bzw. ihre »Herzen erobert« bzw. »auf Anhieb viele Herzen für sich gewinnen« können. Bald werden die Soldaten mit einem zärtlichen Lächeln, dem Vorbild der Oberbefehlshaberin folgend, ihrer Pflicht nachkommen. Und vielleicht trifft diese Mütterlichkeit auch den ein oder anderen Afghanen mitten ins Herz.

Diese neue Wärme ist jedoch nicht alles. Der Chef des Bundeswehrverbandes erklärte auch: Von der Leyen könnte »gestützt von Tausenden Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Beschäftigten, nicht nur die erste Verteidigungsministerin Deutschlands sein, sondern dazu eine wahrlich große werden.« Das Heer, wollte er sagen, steht geschlossen hinter Ursula von der Leyen. Mit der Hilfe Tausender treuer Soldatinnen und Soldaten und dem ein oder andern Inlandseinsatz im Regierungsviertel könnte sie doch noch Kanzlerin werden. Und wer würde sich dann noch trauen, ihr vorzuhalten, sie hätte was anderes behauptet?

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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