Der Puffi – aus Heft 01/2014

puffiNoch vor einem halben Jahr schien es, als werde er im Herbst 2013 vom Wähler ersäuft werden. Ein halbes Jahr später aber (wer nachrechnen will: plus minus heute) hält er seinen Rüssel weiterhin steil über Wasser, trägt seine Nase sogar so hoch oben wie nie: Volker Bouffier.


Er, dem bei den hessischen Landtagswahlen der Weltuntergang prophezeit worden war, hatte mit 38,3 Prozent einen unangemeldeten Sieg an seine Farben geheftet und alle anderen auf Normalmaß zurückgeschraubt; er stieg wie ein überlebensgroßer Flaschengeist aus den Wahlurnen empor und schaute, während bald zwei leere Monate übers Land gingen, in erhabener Ruhe zu, wie seine Gegner, bis auf die Knochen ratlos, um Fassung rangen und nicht wussten, ob sie mit ohne Bouffier regieren wollten und wenn nein, wie doch.

Was Bouffier hatte überleben lassen, war nicht zuletzt die seinem Vornamen entsprungene Nähe zum Volke. Während etwa der stets elegant zugeschnittene Tarek Al-Wazir von den Grünen mehr im Biotop der Gebildeten nach Wählern angelte, tourte Bouffier mit dem Gesicht voran durch die kreuzdurchschnittlich gepolte Hessenschaft, nahm fremde Hände in die Finger, besuchte Altenspielplätze, Babywerkstätten und Mastbetriebe für Behinderte und setzte sich sogar ins Internet, ohne beim Live-Chat mit »Supermaus « und »Fuckmachine« graue Haare zu bekommen. Er bekam gelbe.

Erfolgreich strickte er von Heuchelheim bis Wixhausen an seinem Bild als Heuchler und Wichs… Quatsch … als mit Güte geladener Landesvater und versenkte seinen alten Ruf als Klopper und Knochenbrecher, der ihm nachlief, seit er für sein Herrchen Roland Koch politische Gegner und abweichende Meinungen in Beton goss und in Neubauwänden verschwinden ließ.

Was die beiden Gesichtsträger seit den 70ern verband, war neben der Erkrankung an einem Jurastudium vor allem die Infizierung mit CDU und hier der giftige Wille, die SPD erst aus Hessen, dann aus Deutschland und morgen aus der ganzen Welt hinauszupusten. »Tankstellen- Connection« nannte sich der ehrenwerte Verein, in dessen Rahmen der schwarze Nachwuchs – zu dem auch die später aus Steuermitteln gefütterten Landesminister Jürgen Banzer, Karlheinz Weimar und Franz Josef Jung gehörten – regelmäßig zum Rasthof Wetterau an der A 5 karriolte, um die gemeinsame Zukunft abzukarten.

1999 war es so weit, und Bouffier, der seinem Meister über Jahre hin die Akten geschleppt und die Schnürsenkel gebunden hatte, bekam zum Lohn für seine Gefolgschaftstreue den Stuhl des Innenministers, ja, als Koch 2010 zu einem fetter bezahlten Posten in die Privatwirtschaft rübermachte, sogar die Palme des Ministerpräsidenten.

Nicht schlecht für einen, der vom Vater, der Kreisbeigeordneter in Gießen war, nur eine Karriere in der Gießener Lokalpolitik geerbt hatte und sich dort von verschiedenen kleinen Posten in Partei und Politik ernährt hatte, dann aber in die Landespolitik auswanderte und sogar 1987 erstmals ein Ministerium in Wiesbaden besiedeln konnte, nachdem die CDU endlich einmal Holger Börners SPD vermöbelt hatte und Bouffier im Justizministerium als Staatssekretär wohnhaft wurde. Zwar nur dünne vier Jahre, weil die CDU 1991 wieder absoff; doch als acht Jahre später Roland Koch in einem brutalstmörderischen, von Bouffier mit Haken und Bomben munitionierten Wahlkampf die rotgrüne Hessenregierung in die Luft gesprengt hatte, war die Welt für immer im Lot angekommen.

Der Rest der Kriminalgeschichte ist bekannt und braucht nicht mehr vorgelegt zu werden: Wie Volker Bouffier einen »Freiwilligen Polizeidienst « ausbrütete, in dem charakterlich geeichte Bürger in ihrem Wohnbezirk auf Streife lustwandeln und darauf achthaben, was andere Bürger unter dem Tisch so treiben. Wie er zugleich die berufsmäßig betriebene Polizei Jahr für Jahr mit frischem Geld versorgte. Wie er dem Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner das Rückgrat stählte, der im Fall Jakob von Metzler dem bockigen Entführer mit Fingernagelausreißen und Bauchaufschneiden gedroht hatte. Wie er Flüchtlinge mit strammer Faust in ihren längst zum Ausland gewordenen Ursprungsstaat scheuchte. Wie er den mordstödlichen Rettungsschuss, die anlasslose Rasterfahndung, die DNA-Analyse an lebenden Menschen, die automatische Erfassung von allen, möglicherweise also kriminellen Autokennzeichen, die allesfressende Überwachung der Telekommunikation lange vor NSA und BND betrieb und die Vorratsdatenspeicherung auf Knien heiligte, Dinge, die leider hin und wieder vom Bundesverfassungsgericht auf dem Papier erstickt wurden.

Anders als das BVG, das mit seinen Gedanken in den Wolken lebt, weiß sich Volker »Puffi« Bouffier eins mit den Bürgern, die es sicher haben wollen wie in einem gut geheizten Gefängnis. Seine eigene Rechtschaffenheit ist dabei gegen jeden Verdacht gepanzert, seit er sich gleich zum Auftakt seiner Ministerlaufbahn mit 8 000 Mark von einer Anklage wegen versuchten Betrugs freikaufen konnte; er hatte in seinem zweiten Leben als Anwalt in einer Scheidungssache sowohl einen Freund gegen dessen Frau als auch diese gegen den Freund mit Paragrafen beliefert, was auf Juristisch »Parteiverrat« heißt. Die Anschuldigung, er habe die gegen ihn ermittelnde Staatsanwältin mit der Aussicht auf den besser gepolsterten Posten einer Polizeipräsidentin weichgespült, wurde von ihm mit der einfachen Aussage widerlegt, dass er die gegen ihn ermittelnde Staatsanwältin mit der Aussicht auf den besser gepolsterten Posten einer Polizeipräsidentin nicht habe weichspülen wollen. Man glaubte ihm, denn diese Augen mit den ehrlichen Tränensäcken können nicht lügen.

Ebenso wenig konnte es ihn aus der gut geölten Bahn werfen, als er 2009 einen Parteispezi zum Präsidenten der hessischen Bereitschaftspolizei hochmendelte, indem er das vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof verhängte (und naturgemäß mit faustdicken Unwägbarkeiten gepflasterte!) Auswahlverfahren einfach wegfurzte. Denn was Volker Bouffier haben will, das setzt er mit eisernem Stiefel durch, wie den mit Hunderten Millionen Euro zum Flughafen hochgezwiebelten Landeplatz Kassel-Calden, auf dem nun die Flugzeuge leer und verhungert herumstehen. Leer und verhungert im Landtag herumstehen wird, womit Bouffiers Daseinszweck wieder einmal erfüllt ist, voraussichtlich die SPD, weil sie zu doof zum Regieren ist. Die hessischen Grünen dagegen sind doof genug, und so haben sich dann die Richtigen gefunden.

Peter Köhler
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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