Vorhandreturn of The Blob – aus Heft 12/2013

blobFrüher machte man sich über ihn lustig und nannte ihn spöttisch »Bobbele«. Man nahm ihn nicht ernst. Dabei besaß Boris Becker ein herausragendes Talent, das es ihm ermöglichte, unermüdlich und mit kindlichem Übereifer auf gelbe Filzbälle einzudreschen und vor Wut rot anzulaufen, wenn das mit den Bällen nicht so klappte wie gewollt. Darin war er groß. Zeitweise der Größte. Als Becker schließlich nach unzähligen Erfolgen seine Sportlerkarriere ausklingen ließ, wurde es still um ihn. Zwar lechzten die Tennisfans nach ihrem Idol und wollten wissen, wie es um seine Ehe bestellt ist und wie die Kinder aussehen, doch Boris Becker schwieg und genoss es, endlich nicht mehr im Mittelpunkt stehen zu müssen. Nur hin und wieder ließ er sich zu ausgewählten Charity-Veranstaltungen wie etwa Samenspendengalas in der Öffentlichkeit blicken.

Nach fast zwei Wochen der Privatsphäre zog es ihn allerdings wieder ins Rampenlicht, aus dem er nicht mehr wegzudenken und schon gar nicht wegzukriegen ist. Lustig macht sich seitdem niemand mehr über ihn, denn Becker hat unübersehbar an Statur gewonnen. So ist auch die Verniedlichung fehl am Platz: Becker ist vom Bobbele zum Bob gereift. Genauer noch: zum Blob. Oder wie Becker es mit seiner Affinität zum Englischen selbst sagen würde: The Blob. Er ist eine gravitätische Erscheinung, ein Schwergewicht, Geschäftsmann, Familienvater, Besitzer einer künstlichen Hüfte.

Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere war eine kürzlich ausgestrahlte Fernsehsendung, die als epochale Abendunterhaltung mit Formaten wie Wetten, dass..? oder Domian mithalten kann. Unter einem ähnlichen Titel wie Raus aus den Schulden – die Boris-Becker-Edition zeigte die ein wenig hüftsteif wirkende Tennislegende während der gut drei Stunden dauernden Veranstaltung seinen alten Kampfes- und Siegeswillen und nicht mehr Selbstachtung, als neben Oliver Pocher möglich ist. Dass die Sendung darüberhinaus auf hohem intellektuellen Niveau stattfand, war wohl nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass sie von Günther Jauch produziert wurde, der sich wie kein Zweiter der Aufklärung verpflichtet fühlt und niemals für ein bisschen Extraprofit zur allgemeinen Volksverdummung beitragen würde.

Während sich der Produzent nicht äußern wollte, gab sich The Blob in einem Twittereintrag zur Sendung sehr zufrieden und verkündete: »Wie so oft bei Mir gab es Vorverurteilungen... das Endprodukt kann sich absolut sehen lassen... 4mio sehen das uebrigends genau so!« – Was es auch immer für Vorverurteilungen bei »Ihm« gegeben haben mag (Starker Aufschlag? Mäßiges Grundlinienspiel?), die Einschaltquote kann »absolut« nicht irren. Schon einmal setzte The Blob einen Trend, der dazu führte, dass sich alle Deutschen Tennisschuhe und Schweißbänder kauften. Diesmal könnte es modisch noch interessanter werden, denn kein Geringerer als der Chefredakteur der Bild-Zeitung hat sich bereits einen Fliegenklatschenhut besorgt, wie ihn The Blob während der Sendung trug.

The Blob weiß auch, wie es so weit hat kommen können, und sagt: »Ich habe so ziemlich alles, was ich besitze, selbst aufgebaut.« Die drei Autohäuser, die er besitzt: selbst aufgebaut. Die Häuser in Zürich und London, die er besitzt: selbst aufgebaut. Die Finca auf Mallorca, die wohl bald wieder die Bank besitzt: selbst aufgebaut. Drei seiner fünf Firmen, die er besaß: selbst in die Insolvenz getrieben. Die zwei Autobiografien, die er hat schreiben lassen: selbst geschrieben.

Seither weiß er: »Seither weiß ich: Ohne Leistung läuft nichts!« Dass seine Sendungen Boris Becker meets ... und Becker 1:1 nicht lange im Fernsehen zu bestaunen waren, lag dennoch nicht an mangelnder Leistung seinerseits. Den Zuschauern war The Blobs Ausdrucksweise schlicht weg zu elaboriert, was er erneut auf der Frankfurter Buchmesse vorführte, als er auf einer Bühne in einem Nebensatz verkündete: »Dass ich dass ich äh äh stolz Deutscher zu bin äh.« – Und solange deutscher Stolz nicht mit Steuerzahlungen an den deutschen Staat verbunden ist, wird The Blob stolzer Deutscher bleiben.

Mit der Steuer hat er nämlich noch ein Hühnchen zu rupfen, zu frittieren und zu essen. Dank unfähiger Berater hatte er Anfang des Jahrhunderts ein paar Probleme, die dazu führten, dass The Blob vorbestraft ist. Im Anschluss an die zwei Jahre auf Bewährung hat es sich für ihn allerdings bewährt, dass er seine Steuer von jemandem erledigen lässt, der sich damit auskennt. Kleiner Nachteil: Die gesparten Steuergelder lockten die Weiber an. Auf Barbara Feltus folgte »Babs« Becker. Dann kamen Allesandra »Lilly« Wölden-Kerssenberg und Angela Ermakowa-Pocher. Auf eine kurze Affäre mit Barbara »Feltus«-Pocher folgten Meyer Sandy-Pocher und schließlich Lilly »Sharlely« van der Vart-Becker- Pocher-Pocher, die sich seit der Hochzeit schlicht »the Becker-wife formerly known as Pochers Meyer-Lilly« nennt. Mit diesen Frauen hat er geschätzte siebeneinhalb Kinder, die strategisch über die Welt verteilt sind. Neben Fachmagazinen wie Bunte, Gala und Emma schafft es nur ein Genie wie The Blob, da nicht den Überblick zu verlieren.

Am meisten überzeugt The Blob aber momentan durch überragendes Netzspiel beim Kurznachrichtendienst Twitter. Nachdem sich ein Fernsehmoderator über ihn lustig gemacht hatte, verkündete The Blob: »Braucht #raab #tweef mit mir um wahr genommen zu werden #rampen - sau«, bzw.: »Macht #Raab heute Quote auf meinem Ruecken...« Womit The Blob sein Grunddilemma angesprochen hatte: Alle nutzen ihn aus. Und er hat ja recht. Günther Jauch macht Quote auf The Blobs Kosten, während der mit einer Viertelmillion Euro vertröstet wird. Noch schlimmer die Frauen: »Sandy hat mich nur ausgenutzt«, beklagt er in seiner Biografie. Und sogar das kommt ans Licht: »Babs hat mich geschlagen!« So wie einst Michael Stich im Wimbledon-Finale von 1991. Wie sich die Zeiten ändern.

Was aber treibt die Leute an, The Blob immer wieder auszunutzen, so wie ein Tennisspieler die Bewegungseinschränkung eines sich wegen eines gebrochenen Sprunggelenks am Boden windenden Gegners mit einem Schmetterball in dessen Weichteile ausnutzt? – Es muss wohl der Neid sein. Auf die Autohäuser, die Vorstrafe, das Hüftgelenk und vor allem darauf, dass höchstens der Bismarck-Hering berühmter ist als der Becker-Hecht.

The Blobs Wunsch, nicht länger ausgenutzt zu werden, möge uns also Befehl sein. Mögen Herr Hoppmann und Herr Füller die Letzten sein, die auf The Blobs kaputtem Rücken reich und berühmt werden. Im Anschluss an diese zwei Seiten soll nie wieder ein Wort über Boris Becker fallen! Er würde es sich so sehr wünschen.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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