Nannens Tagebücher – aus Heft 12/2013

Es ist ruhig geworden um Henri Nannen. Seit seinem Tod tritt der große Mann des deutschen Tittenjournalismus’ kaum noch in Erscheinung. Seinen 100. Geburtstag müssen die Nannen-Jünger ohne ihren Messias feiern. Dafür wartet aber der EULENSPIEGEL mit einer Weltsensation auf. Pünktlich zum Jubiläum veröffentlichen wir die als verschollen geglaubten Nannen-Tagebücher. Darin zeigt sich die cholerische Schrankgestalt von einer völlig neuen Seite. Von wegen Macho, Nazi und Psychopath. Nannen war auch Frauenheld, Hitler-Fan und unverkrampfter Sadist. Nach der Lektüre des vier Millionen Seiten umfassenden Werks erscheint der Stern-Erfinder als ganz normaler Übermensch. Schon jetzt steht fest: Die deutsche Nachkriegsgeschichte sowie die Stern-Spezial-Edition »100 Jahre Henri Nannen. Ein Stern, der seinen Namen trägt« müssen zu weiten Teilen umgeschrieben werden. Hier der erste Teil einer exklusiven Serie.

Emden, 1947 Heute habe ich mein letztes Aquarell gemalt. Ein besonders schönes Exemplar, was nicht zuletzt am Motiv lag. Hinzu kommt die Routine, die ich mir bei meinen Selbstportraits inzwischen angeeignet habe. Es ist ein Jammer. Nach einer Reihe von Absagen renommierter Kunstakademien hat mir nun auch die Volkshochschule Emden einen Korb gegeben.
Da beschloss ich, größter Chefredakteur aller Zeiten zu werden.

Hannover, 1948 Die erste Ausgabe des Stern ist da. Die Auflage ist schon beachtlich, aber der Krieg noch lange nicht entschieden. Um meine Mitarbeiter und mich zu motivieren, klebte ich einen Zettel mit der realistischen Endzielvorgabe an den Klodeckel: »Heute liest uns Deutschland, morgen die ganze Welt«. In unseren Redaktionsräumen, provisorisch eingerichtet in einem Einschlagkrater, herrscht eiserne Disziplin. Die Spätschicht endet nie vor Mitternacht, in der Frühschicht wird pünktlich um 5:45 Uhr zurück geschrie - ben. Weil Papier zu teuer ist, drucken wir unser Magazin vorerst auf gebügelter Wehrmachtsunterwäsche.

Hamburg, 1952 Bei allen Vorteilen des Ortswechsels finde ich es doch unerträglich, unter einem Dach mit den Schöngeist- Schwuchteln von der Zeit ein Blatt machen zu müssen. Immer öfter wünsche ich mich an die Feldhaubitze zurück. Meine Autoren lasse ich von dem Alltagshass natürlich nichts merken. Ich begegne ihnen mit dem Respekt, den sie verdient haben. Dass mein Aschenbecher kürzlich einen Volontärsschädel traf, war das Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände. Hätte er sich nicht geduckt, hätte ihn der Gegenstand lediglich an der Schulter gestreift und mir die Sauerei im Büro erspart. Natürlich interessierte das hinterher keinen, genauso wenig wie die Tatsache, dass mein Elfenbeinascher bei dem verunglückten Manöver eine nicht minder schwere Schramme abbekommen hat. Im Großen und Ganzen ist das Redaktionsklima aber ausgezeichnet. Nichts geht über flache Hierarchien.

Wir begegnen uns auf Augenhöhe, sofern mein Rücken es zulässt, mich zu den vor mir Knieenden hinabzubeugen. Zwischendurch darf es ruhig auch mal krachen.

Dann kommt es allerdings auf einen großmütigen Chef an, wie ich es bin. Wenn beispielsweise wie neulich ein noch ausfindig zu machender Mitarbeiter nach der Redaktionskonferenz seine Aktentasche samt Bleistiftzünder bei mir im Büro stehen lässt, muss man das nicht gleich persönlich nehmen. Meine Meinung.

Florenz, 1960 Wegen meiner schmerzenden Füße begab ich mich heute in ein florentinisches Krankenhaus. Der Doktor meinte, die Schmerzen kämen vom langen Modellstehen bei Marcello, der Maß nahm für die dem Koloss von Rhodos nachempfundene Henri-Nannen-Statue, mit der ich Hamburg eine Freude machen und das Elbufer verschönern will. Wo ich schon mal da war, ließ ich mich gleich noch durchchecken. Der Itaker war es nicht gewohnt, eine so wuchtige Statur vor sich liegen zu sehen. Bei der folgenden Untersuchung kam heraus, dass ich acht Mägen, drei Hoden und einen entsprechend erhöhten Nannendrolon- Wert besitze. Es gibt Tage, an denen ich mich vor mir selbst fürchte.

Berlin, 1968 Mein Schädel brummt wie eine Heinkel He 111. War gestern bei Willy Brandt zu Gast. Ich muss zugeben, der Sozi gefällt mir. Und die Sympathie beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. Habe den alten Melancholiker mit uralten Dolchstoß-Witzen sogar zum Lachen gebracht. Nach dem vierunddreißigsten Whiskey versicherte ich ihm meine Unterstützung im Wahlkampf. Am meisten überzeugt hat mich Willys Ostpolitik. Dass wir uns nach allen Seiten öffnen, liegt auch in meinem Interesse. Denn unser Lebensraum kann mit der Auflage schon lange nicht mehr Schritt halten.

Mainz, 1970 Bringe mich seit mehreren Tagen und Nächten für den totalen TV-Krieg mit Gerhard Löwenthal in Stellung. Ständig hält mir dieser ZDF-Pimpf meine Nazi-Vergangenheit vor. Der hat gut reden als Jude. Er wurde nicht gezwungen, in Leni Riefenstahls Olympiafilm eine blonde Stadion- Tunte zu spielen. Und die SS hat ihn auch nicht angeheuert. Dass jetzt ausgerechnet mir der Braune Peter zugeschoben wird, ist ein Skandal, wo ich doch immer als großer Völkerverständiger aufgetreten bin. An mir sind die Pläne einer israelischen Ausgabe meines Magazins jedenfalls nicht gescheitert, wenngleich man über den Titel (»Der Judenstern«) streiten kann. Bangkok, 1971 Seit jeher treibt mich die Frage um, wie viele Affären ich eigentlich hatte. Um meine Neugier zu stillen, habe ich meine besten Reporter rausgeschickt. Jetzt endlich weiß ich Bescheid. Exakt 374 Damen dürfen sich glücklich schätzen. Von der Hollywood-Diva bis zur Praktikantin war alles dabei. Natürlich haben wir daraus eine der erfolgreichsten Titelgeschichten gemacht (»Wir haben abgetrieben«).

Bonn, 1980 Gestern Abend haben wir in der FDP-Zentrale auf die Fortsetzung der sozialliberalen Koalition angestoßen. Nach Mitternacht löste sich das Grüppchen an der Bar allmählich auf, bis ich schließlich allein mit Hildegard Hamm-Brücher dastand. Solche intimen Situationen behagen mir nicht. Doch der Whiskey war noch halb voll. Was hätte ich also tun sollen. Ich versuchte, das Gespräch in eine sachliche Bahn zu lenken, doch sie hörte überhaupt nicht zu. Gierigen Blickes musterte sie meinen Körper. Dann fiel der unerhörte Satz: »Sie würden eine Wehrmachtsuniform aber auch gut ausfüllen, Herr Nannen.«
»Aber Frau Staatssekretärin«, wehrte ich ab, ehe ich die Flucht ergriff und noch in der Nacht aus der FDP austrat. Seither fühle ich mich ein bisschen weniger schmutzig. Möge dieser Vorfall meinen Nachfahren als mahnendes Beispiel dienen.

Emden, 1986 Sechs Jahre nachdem ich Hamburg verlassen habe, empfinde ich es als größte Erleichterung, den Stern nicht mehr lesen zu müssen. Mit dem Journalismus habe ich abgeschlossen. Die letzten Jahre beim Stern waren die Hölle. Als einer der Letzten, der keinen Ab - schluss an der Henri-Nannen-Schule vorweisen konnte, fühlte ich mich unter all den unausstehlichen Klugscheißern zunehmend als Journalist zweiter Klasse. Ich mache jetzt wieder in Kunst. Somit schließt sich der Kreis. Meiner Heimat stiftete ich eine Ausstellungshalle mit der weltweit größten Nannen-Galerie mit Nannen-Aquarellen und Nannen-Plastiken. Außerdem plane ich in Emden ein zweites Bayreuth und schreibe an meiner ersten Oper (»Der Stern der Nibenannen«).

Emden, 1996 Ein Fernsehhistoriker hat Interesse an einer TV-Serie über mein Leben bekundet. Er meinte, der Stoff sei spektakulär genug, um daraus mindestens dreißig Folgen zu drehen (»Nannens Helfer«, »Nannens Frauen«, »Nannens Krieger« ...). Ich habe dankend abgelehnt, wo - rauf der TV-Fritze trotzig sagte, dann nähme er sich halt den zweitgrößten Führer aller Zeiten vor.

Florian Kech

 

 

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