Nazis nicht nötig – aus Heft 10/2013

Deutschland hatte 2012 den höchsten Bevölkerungszuwachs seit dem Anschluss der Ostgebiete zu verzeichnen. Vielleicht sind die Deutschen ein totes, vielleicht ein scheintotes Volk – aber ein sterbendes sind sie nicht! Zu verdanken ist das Wachstum des Humankapitals jedoch nicht jungen, fertilen Frauen, auch nicht Alten, die das Leben nicht lassen wollen, bevor nicht das letzte Stück Bienenstich im Pflegeheim genossen ist. Zu verdanken ist das allein Deutschlands gutem Ruf in der Welt. In Grosny beispielsweise erzählen die Mütterchen auf der Uliza Putina einander, dass man, so man Frank - furt/Oder lebendig erreicht, ein Stück Land in der Uckermark geschenkt bekommt, und wenn man im zweiten Sommer sein Kartoffel-Abgabesoll erfüllt, dann auch die Staatsbürgerschaft und eine Kuh.

Auch die Roma sind entzückt von der Marke Deutschland – von der zivilgesellschaftlichen Stabilität, den Sinfonieorchestern, dem System der Vorschuluntersuchungen, dem Ehegattensplitting und den Mieterrechten. Roma bilden die größte Zahl unserer neuen Mitbürger. Dass sie hier sind, ist ihr gutes EU-Recht (die Ostdeutschen haben, als sie ihren Diktator stürzten, zu diesem Recht beigetragen). Bürgermeister westdeutscher Städte, in denen die Roma eingefahren sind, berichten, dass unsere neuen Mitbürger u. a. in Einkaufspassagen kacken und Müll aus ihren provisorischen Behausungen einfach ins Straßenbegleitgrün kippen.

Natürlich fragt man sich, was sie damit andeuten wollen. Etwa, dass sie nicht unsere neuen Mitbürger genannt werden möchten? Und nicht hierhergekommen sind, um die Toiletten zu benutzen oder die Gelbe Tonne wertzuschätzen? Sondern vielleicht, um ein Ehrenamt als Platzwart beim Kinderbodenturnen zu ergattern oder in den Förderkreis zur Rettung alter Kirchen in Sachsen-Anhalt aufgenommen zu werden oder sich in der Initiative »Nein zum Überwachungsstaat!« zu engagieren? Wer weiß?

Von den EU-Roma abgesehen, kommen auf einmal zahlreiche Menschen hierzulande um Asyl ein, so viele wie seit Jahren nicht. Denn der nichtdeutsche Rest der Welt ist schlecht und unbewohnbar geworden. Die Behörden fordern die indigene Bevölkerung nachdrücklich auf, doch bitte nicht »Flut« zu sagen, wenn sie Asylsuchende meinen, weil diese als Menschen anzusehen sind und nicht als Brühe, die in die Keller läuft.

Die da kommen, möchten rasch Inländer werden, denn sie haben gehört, dass in Deutschland Ausländer bald Maut bezahlen müssen. Nicht das auch noch, sagen sie, wir haben schon genug gelitten. Syrer beispielsweise: Kürzlich zeigte das Fernsehen einen Vater und seine beiden gutgewachsenen Söhne, wie sie im Asylantenheim saßen und per I-Phone mit den Frauen und Mädchen der Familie telefonierten. Denn die haben sie zu Hause gelassen, für die scheint es dort nicht so gefährlich zu sein. Dann zogen die drei Kerle geile Klamotten an und brachen auf in die City, um ihrer Residenzpflicht zu genügen.

Seit Tagen warten, übermüdet, unterbezahlt und unterversorgt, Reporter mit teurem Gerät in einem östlichen Berliner Bezirk auf Leute, die sich nur schwer artikulieren können. Höchstens mit eindeutigen Gebärden. Sie geben, wenn sie gefragt werden (»Was befürchten Sie denn von den Asylbewerbern, die hierher verlegt werden?«), Laute von sich, die wie »Mumpf« klingen oder schwerer Husten. Oder »Angst«. Sie halten Zettel hoch, auf denen »Schwarzarbeit bleibt Deutsch!« steht oder »Kein Hartz-IV für Juden und Araber!«. Eine »Mutti« will unter keinen Umständen, dass ihre Jungs beschnitten werden. »Der ihre Mädchen sind doch alle längst im Heim«, sagt ein Alter neben ihr.

Von der anderen Straßenseite rufen junge Revolutionäre »Hellersdorf ist überall!« – wo es doch völlig hinreicht, dass Hellersdorf in Hellersdorf ist. Der Bezirksbürgermeister tritt auf und kommt prompt in die Lokalnachrichten: »Langfristig muss hier das Ziel sein, Menschen, die unsere Hilfe benötigen, zu dezentralisieren, anstatt zu konzentrieren«, weil die Erfahrungen mit Konzentrationslagern doch irgendwie ambivalent sind.

Man darf die Leute dort nicht Nazis schelten, nur weil sie Rassisten sind. Kürzlich hat unser warmherziger Herr Bundespräsident einen Vorstoß zur Begradigung des innerdeutschen Frontverlaufs unternommen. Er schlug (vor Schülern, denen er die Freiheit pries) vor, Nazis doch einfach »Spinner« zu nennen – schon würde man sich viel weniger vor ihnen gruseln.

Ja, das würde tatsächlich manches leichter machen: Diesen und jenen Hitlergruß, der Nazis in der Öffentlichkeit entfährt, kann man dann als Tick einstufen, als Marotte von Leuten, die eben ihre Marotten haben. Wenn einer popelt, ist es auch nicht schön. Manche denken ja noch immer, die Nazis steckten voller Hass und Scheiße. Nein, voller spinnerter Träumereien stecken sie und süßer Fantasien, wie man sie aus Harry- Potter-Büchern kennt, und leben ein bisschen in Wolkenkuckucksheim.

Dort haben Juden, Roma und der nichtarische Rest der Menschheit keinen Platz. Im Asylbewerberheim aber auch nicht. Darin sind sie eigen, die kleinen Spinner. Beim Morden und beim Rauben lassen sie sich übrigens Zeit. Die gerichtsbekannte Bande »Das Zwickauer Spinner-Trio« brauchte für zehn Morde zehn Jahre, in denen die Öffentlichkeit nicht besonders beunruhigt war. Denn bei den Hingemordeten handelte es sich fast durchweg um Ausländer, die hier kostenlos die Autobahn benutzten, bis dem ein Ende gesetzt wurde.

Ob im Lichte der bundespräsidialen Umbenennung nun auch Geschichte neu geschrieben werden muss? Nein, denn Nazis und Spinner in eins zu setzen, hat Tradition: Der ganze Schlamassel kam ja daher, dass der Führer nicht alle Tassen im Schrank hatte. Soll man die milde Beurteilung Hitlers etwa jungen Start-Up-Nazis, die noch nicht mal einen Weltkrieg angefangen haben, verweigern? Das wäre unsolidarisch! In Hellerdsorf haben Heimanwohner den Kalauer ausgegeben: »Jeder Nazi ist einer zu viel« (sie wussten noch nicht, dass man offiziell jetzt Spinner sagt). Sie haben völlig recht: Nazis sind unnötig geworden – die »Stimmung in der Bevölkerung« reicht völlig aus.

Mathias Wedel

 

 

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