Gustl-Gate – aus Heft 9/2013


Gustl-GateFür die einen ist er ein Held, für die anderen der fränkische Nelson Mandela. Der Fall Gustl Mollath hat gezeigt, wie differenziert in Deutschland inzwischen über Schauprozesse diskutiert werden kann. Unter den Milliarden von Menschen, die sich allein in Bayern der Facebook-Initiative »Free Gustl«, der Süddeutschen Zeitung und anderen Fanforen angeschlossen haben, wurde in bemerkenswerter Sachlichkeit analysiert und kommentiert, frei von jedweden vorschnellen Urteilen zur »himmelschreienden Tragödie des zu Unrecht Zwangspsychiatrierten«. Und wer selbst nach seiner Freilassung noch an seiner Unschuld zweifelt, wie die bayerische Justizministerin Dr. Beate Merk, »die alte Blunzn«, hat vom Mollath-Mob nichts zu befürchten.

Außer vielleicht Amtsverlust und ein paar saftige Watschen auf offener Straße. Langsam schwinden aber auch bei der Ministerin die Vorbehalte. Die Annäherung an Mollath begann in diesem Frühsommer. Als Dr. Beate Merk um einen Besuchstermin bat, wurde sie von der Anstaltsleitung erst einmal vertröstet. Für das Regierungsmitglied gelten keine Sonderregeln, wie jeder andere Gast musste auch Dr. Beate sich zuerst ein Ticket ziehen und hinten anstellen. Die Bayreuther Klapse, in die Mollath 2009 deportiert wurde, lockte zuletzt größere Besucherströme an als der Grüne Hügel.

Man kann der Ministerin nicht vorwerfen, sie hätte sich in den Fall nicht genügend reingekniet. Allein der Weg zur Anstalt war beschwerlich genug. Myriaden von Stolpersteinen wider das Vergessen waren zu überwinden, und an den Souvenirhändlern kam ohnehin keiner, der nicht ein Herz aus Eis hat, vorbei. Die Ministerin entschied sich für ein Gustl-Teeservice mit Schnabeltassen aus echtem Hartgummi; und natürlich erwarb sie einen original Gustl-Teddybären, der nach jedem Klaps auf den Hinterkopf ein weiteres Nummernkonto seiner Ex-Frau ausspuckt. Ein Teil des Erlöses fließt an die Gustl-Mollath-Stiftung in Liechtenstein.

Beim Betreten der geschlossenen Anstalt lag ein langer Gang vor Dr. Beate, an dessen Ende sich Mollaths Zelle befand. Sie musste an einigen der schlimmsten Psychopathen Bayerns vorbei, deren Verbrechen selbst die kranke Fantasie einer Christsozialen übersteigen. Der Wirrkopf von Zelle eins hatte in einem Leserbrief den Filialleiter der Sparkasse Garching harsch angefahren; der nächste gemeingefährliche Spinner war dabei ertappt worden, wie er an das Hauptgebäude der HypoVereinsbank kapitalismuskritische Parolen gesprayt hatte. Die Justizministerin musste sich beinahe übergeben, wie ihr der begleitende Wächter ungefragt von den perversen Exzessen erzählte.

Mollath stand hinter einer gepanzerten Glasscheibe. Seine Arme hatte er hinter einem grotesk aufrechten Rücken verschränkt. Unter seinem sorgsam frisierten Schnurrbart zeichnete sich ein feines Lächeln ab. In der Ecke wachte die selbst gezüchtete Dattelorange als stille Beobachterin. »Guten Abend, Fräulein Beate«, sagte er und machte ein paar freundliche Bemerkungen zu ihrem billigen Parfüm, das ihre provinzielle Herkunft verrate. Schnell wurde klar, hier hatte sich einer auf seinen Gast vorbereitet. Immer wieder überraschte Mollath die Ministerin mit profunden Anekdoten aus ihrer Kindheit. Sie wiederum dankte es ihm mit großzügigen Unterbringungserleichterungen. So durfte sich Patient Mollath darauf freuen, dass bei ihm mit sofortiger Wirkung die unbeliebte Elektroschocktherapie durch die Eiswasserbehandlung ersetzt wurde. Außerdem musste er die Beißsperre nur noch bei festen Mahlzeiten tragen.

Trotz dieses Besuchs vor ein paar Wochen bleiben bei der Ministerin Restzweifel, und die ganze Welt fragt sich, was eigentlich noch passieren muss, damit diese Frau endlich erkennt, dass von Mollath genauso wenig eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht wie von einem Schwarm Hornissen.

Alle – außer Dr. Beate – lieben Gustl Mollath. Im aktuellen Deutschlandtrend wurde er zum beliebtesten Deutschen gewählt – noch vor Fritz Haarmann und Markus Lanz. Bayerische Standesämter vermelden, dass der Name Gustl bei Neugeborenen ein furioses Comeback erfährt – gerade auch bei Mädchen. Im bayerischen Landtagswahlkampf setzen ohnehin alle Lager auf denselben Kandidaten. Auf manchen Plakaten ist nur das Konterfei des ehemaligen Zwangsinsassen oder seiner Dattelorange abgebildet, darunter prangt die eindringliche Botschaft »Mollath « bzw. »Mollaths Dattelorange«; auf anderen tragen Abgeordnete aller Couleur den Mollathschen Solidaritätsschnäuzer. Christian Ude hat dem armen Tropf sogar ein eigens für ihn gezimmertes Bankenministerium in Aussicht gestellt.

»Selbst wenn er keinen Schatten hat, spricht das noch lange nicht gegen eine Mitgliedschaft im Schattenkabinett«, sagt Ude. Demoskopen sind sich einig: Jene Partei wird den Sieg erringen, die auf die Gustl-Frage die überzeugendste Antwort weiß. Bei der Höhe der Entschädigungszahlung für die zu Unrecht erfolgte Einweisung hat bereits ein rührend-ruinöser Überbietungswettbewerb eingesetzt. Die Zukunft Bayerns hängt vom Wohle Gustl Mollaths ab.

Was zeichnet die Popularität dieses Mannes aus? Gustl Mollath ist eine Identifikationsfigur. In dem sympathischen Eigenbrötler, der seine Alte würgt und die Reifen ihrer Freier zersticht, erkennt sich nicht nur der bayerische Durchschnittsfamilienvater wieder. Dass Mollaths Aussagen zu den krummen Bankgeschäften seiner Ex-Frau unlängst bestätigt wurden, macht ihn endgültig zum Faszinosum. Was weiß er noch?

Jetzt, wo die Spürnase von Nürnberg wieder in Freiheit lebt und freien Zugang zu Twitter hat, dürften viele Mächtige zittern. Denn eins ist klar: Die Schweizer Konten waren lediglich der Anfang, Mollaths Ex nur das Rädchen eines kriminellen Getriebes ungekannten Ausmaßes. Ungeheuerliche Fragen türmen sich auf: Welche Rolle spielt Uli Hoeneß? Ist Franz Josef Strauß noch am Leben? Und was verheimlicht Helmut Markwort, die Sau? Mollath wird in den nächsten Monaten Antworten liefern mit der Sprengkraft einer Oktoberfestflatulenz. In seinen Interviews und Notizen zeichnete er das in sich schlüssige und ganz und gar nicht paranoide Bild eines Mega-Komplotts, das auf ein weit verzweigtes Netzwerk schließen lässt, das immer wieder bei den Bilderbergern und Lee Harvey Oswald zusammenläuft. Als hätten wir diese Seilschaften nicht immer schon geahnt.

Derweil nimmt Dr. Beate in ihrer Isolation endlich professionelle Hilfe in Anspruch. Die Justizministerin will sich ihre Restzweifel wegtherapieren lassen. Spätestens bis zum 22. September, dem Tag, an dem die Bayern die glaubwürdigste Mollath-Partei wählen, verspricht diese gemeingefährliche Irre vollständige Heilung.

i.V. Florian Kech
Zeichnung: Piero Masztalerz

 

 

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