Die Verwandlung – aus Heft 8/2013

Die VerwandlungAls Guido Westerwelle eines Morgens erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Diplomaten verwandelt. Er versuchte mit seinen Zappelbeinchen zu wackeln, an deren Enden, unter den Sohlen seiner Füße, einst »18 %« stand. Jetzt waren sie würdevoll und bleiern. Sein Kopf wurde von einer riesigen, ernsten Brille herabgedrückt und lastete schwer auf dem Kissen.

Seine Ärmchen, die er früher oft wutentbrannt schwang, führten jetzt staatstragende Gesten aus oder schlossen sich leicht in der Luft wie bei einem Händedruck, der den freundschaftlichen Beziehungen und der langjährigen erfolgreichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen unseren Staaten Ausdruck verleiht.

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu großes Menschenzimmer in seiner zu groß geratenen 400-Quadratmeter-Villa auf Mallorca, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch hing ein Bild, das er dem Künstler Norbert Bisky – Westerwelle war Kunstsammler – abgekauft und in einem hübschen Rahmen untergebracht hatte. Durch die Fenster schien still die Mittelmeersonne.

»Bonjour, Guido«, rief es – es war der eingetragene Lebenspartner Michael Mronz –, »es ist um neun. Wolltest du nicht schon längst mit diesem und jenem herumgeschimpft und gezetert haben?« Guido wollte antworten, wollte ihm in keifendem und tuckigem Ton Paroli bieten, wollte Mronz zur Sau machen, ihn erniedrigen, weil dieser sich anmaßte, ihn, den Außenminister auf Französisch zu wecken. Dabei waren sie doch in Spanien, wo bekanntlich Spanisch gesprochen wird.

Die sanfte Stimme! Guido erschrak, als er die Stimme hörte, die zweifelsfrei seine frühere war, in die sich aber ein merkwürdiger sonorer Unterton mischte, zu dem ihm seine PR-Berater geraten hatten. Die ungewohnten Wörter, die sie ruhig bildete, während seine Augenunterlider auf wichtige Weise herabhingen, waren noch beängstigender: »Europa war immer mehr als ein Binnenmarkt, mehr als eine gemeinsame Währung. Europa ist vor allem eine Kultur- und Wertegemeinschaft. Die gemeinsamen Werte sind das Erbe jahrtausendalter, gemeinsamer Geschichte. Sie sind das Fundament, auf dem das europäische Haus steht.« Guido schlief fast von selbst wieder ein, als er sich diese Sätze sagen hörte.

»Alles klar, dein Frühstücksei steht auf dem Tisch. Frei gehandelt, so wie du es magst«, antwortete Mronz. Durch die geschlossene Tür schien er die Veränderung der Stimmlage Guidos nicht zu bemerken. Der Außenminister versuchte, sich auf den Bauch zu drehen, doch eine kleine Joschka-Fischer-Gedächtnisplauze machte sein Vorhaben unausführbar. Ständig kugelte er zurück, und die Weisheit, die aus seinen Poren strömte, vernebelte den Raum wie eine Menthol-Zigarette von Helmut Schmidt.

Was war nur mit ihm geschehen? Hierüber nachzusinnen brachte ihn für den Augenblick nicht weiter. Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen sehr erhabenen, diplomatischen und staatstragenden Moment oder gar Akt gehabt zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Dass die Veränderung der Stimme nichts anderes war als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden in der Flugbereitschaft der Bundeswehr, daran zweifelte er nicht im Geringsten.

Unter großen Mühen schleppte er sein politisches Schwergewicht ins Bad. Im Spiegel schaute ihm sein Angesicht entgegen. Die Narben, die ihm die Journalisten einst bereitet hatten, waren noch da. Jene Wunde stammte von der Häme über seine Äußerungen über die spätrömische Dekadenz der Hartz-IV-Bezieher, eine andere von seiner Akne-Krankheit. Alle anderen Wunden kamen auch von der Akne. Doch trotzdem sah er im Spiegel nicht mehr das ihm vertraute Bild.

Jetzt war er etwas anderes, ein Staatsmann, eine respektierte Persönlichkeit. Guido kam ins Grübeln. War die Metamorphose dahin doch schleichend gewesen? Hatte er nicht schon vor längerer Zeit damit begonnen, einfach die Klappe zu halten? Es muss gewesen sein, als er den Parteivorsitz und die Vizekanzlerschaft aufgab. Da hatte er beschlossen, von nun an gar nichts mehr zu unternehmen und sein Schicksal durch die freien Kräfte des Marktes regeln zu lassen. Die Wandlung, die von da an einsetzte, schien mit dem heutigen Tage abgeschlossen. Er versuchte, seinem Spiegelbild die Zunge herauszustrecken, stattdessen blinzelte er angestrengt und sagte: »Wir Europäer sind uns als Kinder der Aufklärung viel ähnlicher und viel näher, als man es gelegentlich meint – sobald Sie in Neu Delhi stehen, in Schanghai, in São Paulo oder Accra, sehen die Unterschiede, die wir in Europa als so gigantisch betrachten, ziemlich klein aus. Wir Europäer gehören zusammen und müssen auch zusammenhalten.«

Guido wurde schlecht. Was nur würde er als freundlicher diplomatischer Phrasendrescher ohne eigene Meinung wohl als Nächstes sagen? Würde er gar demnächst der Frage, ob er eine zweite Amtszeit als Außenminister anstrebe, mit folgenden samtenen Worten begegnen: »Ich kann nicht verhehlen, dass mir Ihre Frage gefällt.« Oder hatte er nicht genau das neulich beim Spiegel-Gespräch getan?

Da sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor … Quatsch … Westerwelle wurde wiedergewählt, blieb für vier weitere Jahre Außenminister, sagte weiterhin nichts und war schließlich beliebter als Angela Merkel. Danach hielt er mehr Gastvorträge als Gerhard Schröder, Peer Steinbrück und Helmut Schmidt zusammen und machte eine Menge Schotter.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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