Vielfältige Lebenssachverhalte – aus Heft 07/2013

Bach»Der Junge, der in Sport und Turnen zu einer eisernen Abhärtung gebracht wird, unterliegt dem Bedürfnis sinnlicher Befriedigung weniger als der ausschließlich mit geistiger Kost gefütterte Stubenhocker. Er hat kein Recht, in diesen Jahren müßig herumzulungern, sondern soll nach seinem sonstigen Tageswerk den jungen Leib stählen und hart machen, auf dass ihn das Leben nicht zu weich finden möge.« – So oder so ähnlich hätte der Passus lauten sollen, der nach Meinung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und seines Präsidenten Thomas Bach den Sport im Grundgesetz verankern soll.

Damit wird es bis zur Bundestagswahl nichts mehr. Doch das dürfte die einzige Niederlage Bachs in diesem Jahr sein. Im September wird er aller Wahrscheinlichkeit nach zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufsteigen. In einer geheimen, freien und einem strengen Ethik-Kodex unterworfenen Wahl werden die 110 IOC-Mitglieder ihren neuen Chef bestimmen. Der Ethik-Kodex, den sie sich – unter Federführung des IOC-Juristen Thomas Bach – selbst auferlegt haben, lässt den Sportfunktionären – unter anderem auch so honorigen und über jeden Zweifel erhabenen Personen wie Sepp Blatter – dabei nur so viel Interpretationsspielraum, wie es ihnen nötig erscheint.

Ein Wahlerfolg Bachs ist dennoch keine ausgemachte Sache. Zumindest nicht für Leute, die nicht im IOC sind. Wie das bei den IOC-Mitgliedern selbst ist, weiß man nicht so genau, die Herren halten sich meist bedeckt (Ethik-Kodex!). Bachs fünf Konkurrenten jedenfalls machen sich noch Hoffnungen, obwohl Bachs Wahlprogramm, das Anfang Juni an alle IOC-Mitglieder verteilt wurde, eine harte Kampfansage an die Konkurrenz ist. Unter dem mutigen Titel »Freiheit in Sorgfalt« bzw. »Neuheit im Inhalt« oder eben genauer und richtig: »Einheit in Vielfalt« erläutert Bach dort seine Vision des olympischen Gedankens.

An erster Stelle steht für ihn dabei »ein Gleichgewicht zwischen Tradition und Fortschritt«. – Ein gewagter Ansatz, der ihm nicht nur einhellige Zustimmung einbringen wird, sondern auch gleichgültiges Achselzucken. Bach geht sogar noch weiter mit seinen radikalen Vorschlägen. So möchte er nicht nur »Reformer und Bewahrer« sein, sondern möchte auch Neuerungen einbringen, die das Bekannte erhalten. Ganz konkret bedeutet das für Bach: »Wir brauchen Kontinuität durch Evolution statt Revolution«. Stabilität im Wandel also, Veränderung durch Stagnation und vor allem Beständigkeit im Umschwung, sprich: Einheit in Vielfalt, Blödheit in Anhalt, Holzscheit im Türspalt, kurz: »Ich würde es gerne werden, weil ich ein IOC-Präsident für alle werden möchte.« – An diesem durchaus provokanten Programm wird er sich messen lassen müssen.

Doch wie kommt überhaupt ein streitbarer Kopf wie Bach, jemand mit derlei vielen Ecken und Kanten, in eine solch hohe Funktion? Ganz einfach: Bach ist Sportler durch und durch. Als Fechter gewann er die olympische Goldmedaille, seitdem ist er aus der Sportpolitik nicht mehr wegzudenken. Nicht ganz nutzlos für seine Karriere waren aber wohl auch seine juristische Ausbildung und sein Job beim Sportartikelhersteller Adidas, dessen damaliger Chef Horst Dassler eine Marketingfirma gegründet hatte, die nachweislich mindestens 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an höchste Sportfunktionäre auf der ganzen Welt zahlte. Zu seinem Glück bekam Bach von diesen Machenschaften nichts mit, war er doch als Direktor für Internationale Beziehungen bei Adidas mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Auch als Bach in den 90er-Jahren die IOC-Kommission leitete, die den Wettbewerb um die Olympischen Winterspiele 2002 verantwortete, hatte er so viel um die Ohren, dass er nicht merkte, wie das ein oder andere IOC-Mitglied das ein oder andere Präsent erhielt. Als er dann über die Presse davon erfuhr, setzte er sich selbstverständlich umgehend selbst an die Spitze einer weiteren Kommission, die die Vorfälle dann auch lückenlos aufklärte. Desweiteren aber ist ihm »nie ein Fall bekannt geworden, der Anlass zu irgendwelchen Zweifeln in Bezug auf Good Governance gegeben hätte«. Eine Bedrohung des Sports durch immer mehr Sponsoren und Oligarchen sieht Bach ohnehin nicht: »Ich frage lieber: Welche Chancen bieten sich damit?«

Die Frage ist rhetorisch, er kennt die Chancen. Schließlich ist er nicht nur IOC-Vizepräsident und DOSB-Präsident, sondern auch Präsident der arabisch-deutschen Handelskammer, Aufsichtsratschef der Weinig AG und Aufsichtsrat der Nürnberger Allgemeinen Versicherungs- AG, er war Berater von Holzmann (damals 250 000 DM pro Jahr), acht Jahre lang Berater bei Siemens (400 000 Euro jährlich plus bis zu 5000 Euro Spesen täglich), Verwaltungsratsmitglied von Siemens Schweiz und ist weiterhin FDP-Mitglied.

Als IOC-Präsident wäre damit Schluss. Bis auf den Aufsichtsratssitz bei der Weinig AG, die überwiegend kuwaitischen Investoren gehört, und vermutlich seine FDP-Mitgliedschaft würde er zugunsten des Ehrenamtes als IOC-Präsident alle Ämter aufgeben, versichert er. Bach befürchtet, dass sonst der Eindruck entstehen könnte, er habe als IOC-Präsident Interessenskonflikte, die er als IOC-Vizepräsident freilich nie hatte. Da wusste er bisher immer streng zwischen seinem »IOC-Ehrenamt« und seiner »beruflichen Tätigkeit« zu trennen. Bei ihm gibt es nach eigener Aussage lediglich »vielfältige Lebenssachverhalte, in denen sich persönliche, durch Freundschaften oder auch Ehrenämter begründete Bekanntschaften und berufliche Kreise überschneiden«. Und das kann ja wohl jedem mal passieren!

Klar, dass derartige Umstände die höchsten Stellen alarmieren und es einem Netzwerker wie ihm in Deutschland schnell an die Gurgel geht. Bereits drei Bundesverdienstkreuze wurden ihm konsequenterweise schon um den Hals gelegt. Im Gegenzug durfte er sich revanchieren und für die FDP in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten für Christian Wulff oder wohl eher Joachim Gauck (»Geilheit und Verausgabung«) stimmen.

Sollte Bach die Wahl gewinnen, würde viel Verantwortung auf ihm lasten. Karate, Rollschuhsport, Wakeboarden oder doch die chinesische Kampfkunst Wushu – welche dieser Sportarten soll olympisch werden? Man möchte nicht in Bachs Haut stecken. Typen wie Wladimir Putin, Wolfgang Schäuble, Mahmud Ahmadinedschad, Donald Rumsfeld und Franz Beckenbauer säßen Bach im Nacken. Sie alle fordern, dass Ringen olympisch bleibt. Das IOC entscheidet darüber im September. »Eine Sportart heraus- und eine andere hereinzunehmen, kann kein Selbstzweck sein«, erklärt Bach. Auch der finanzielle Erfolg »ist für mich nur Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck «. Denn, so Bach weiter, »es ist nicht das einzige Ziel, viel Geld zu erlösen, sondern Sie müssen darauf achten, dass die Spiele an möglichst viele Menschen herangebracht werden.« – Und der hehre Gedanke der möglichst großen Reichweite ist der einzige Selbstzweck und hat mit Werbeverträgen mit Adidas nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Gregor Füller
Zeichnung: Frank Hoppmann


 

Kommentare 

 
#1 Roland Fuchs 2013-06-25 20:52
In einem völlig neuen Licht erscheint mir somit eine Bemerkung, die ich nach der Bekanntgabe, Ringen sei fürderhin keine olympische Disziplin mehr, aufschnappte: "Olympia geht den Bach runter."
Zitat
 

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