Behinder statt Inder – aus Heft 07/2013

Behinder statt InderDer Softwaregigant SAP hat angekündigt, ab sofort nur noch Autisten einzustellen. Damit hätten Millionen Betroffener allen Grund zum Jubeln, wenn sie bloß nicht so schrecklich autistisch wären! Vom neuen Personal verspricht sich der Konzern einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Sollte das Modell Schule machen, so sind sich Psychoanalysten einig, könnte die deutsche Wirtschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein. Kein Wunder, dass die SAP-Aktie nach Bekanntgabe der »Operation Wahnsinn« wie irre in die Höhe schoss. Bis in die hintersten Winkel Europas schwärmen nunmehr Scouts aus und halten Ausschau nach Verhaltensauffälligen. Die deutsche Unternehmenskultur steht vor einer gewaltigen Umwälzung, die allerdings auch Opfer produziert.

Hans P. sitzt mit vorgebeugtem Oberkörper auf dem Büroflur und starrt an die Wand, gegen die er seit Stunden seinen Kopf hämmert. P. ist einer der letzten Normalos, die bei SAP ihren Stuhl räumen. Dreißig Jahre seines Lebens hat der Diplominformatiker dieser Firma gedient, um nun von heute auf morgen wegirrationalisiert zu werden. P. blickt durch eine offene Tür, hinter der ein junger, blässlicher Mann mit wachen Augen und akkuratem Pony seinen Platz eingenommen hat. »Der zeigt noch nicht einmal Mitgefühl«, klagt P. Am Flurende lässt ein ausrangierter Roboter seinen Greifarm hängen. Er war einmal der Stolz einer Zulieferfirma und konnte zweitausend Rohlinge pro Minute lochen. »Über diese Schlagzahl kann der Autist nur lachen«, seufzt P., ehe er sich wieder der Wand widmet.

Der Neue hat bereits ein Zeichen gesetzt. In einer einzigen Nacht hat er die Telefonlisten der Mitarbeiter neu geordnet – nicht alphabetisch, sondern nach den Kubikwurzeln aus der Summe der Buchstaben des jeweiligen Nachnamens. Das ist revolutionär in der betrieblichen Binnenkommunikation. An der Qualität der Produkte soll sich indes nichts ändern. Alles bleibt beim Alten. Nur heißt das Firmenmotto künftig nicht mehr nur »Systeme für Autisten«, sondern auch »von Autisten«.

Neben dem Fachlichen sind es vor allem die sozialen Kompetenzen der Savants, die die SAP-Bosse letztlich überzeugt haben. Sie können alles, außer Gefühle. Sie murren und jammern nicht, Zynismus ist ihnen fremd, Mobbing außerhalb ihrer Vorstellungskraft, sie würden niemals aufmucken. Es erklärt sich deshalb von selbst, dass auch der neue Betriebsrat mit einem dieser sympathischen Eigenbrötler besetzt wurde. An die Stelle von geschwätziger Gruppenarbeit treten bei SAP jetzt hocheffiziente Ich-AGs, die sich durch nichts ablenken lassen, sofern auf keinem der Schreibtische Brieföffner oder andere spitze Gegenstände rumliegen.

»Autismus ist keine Krankheit, Autismus kann man lernen«, sagt Unternehmensberater Roland A. S. Perger. Heutzutage genüge es nicht mehr, normal zu sein. Um seine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu wahren, müsse die moderne Leistungselite ihr autistisches Potential voll ausschöpfen. Perger bietet daher professionelle Intensivkurse für Autismus an. Überforderte Arbeitnehmer erhalten hier praxisnahe Hilfe, wie sie es aus der Normalo-Falle schaffen. »Der Weg vom Abstellgleis führt nur durch den Tunnel«, erklärt Perger. Ein echter Inselbegabter ist nur der, der den Tunnelblick beherrscht. Ist einem dieser durch eine miese Laune der Natur nicht angeboren, lässt er sich mit handelsüblichen Scheuklappen antrainieren. In den ersten dreißig Monaten sollte man sie nach dem Rat des Experten unbedingt rund um die Uhr tragen.

Für die Familie, räumt Perger ein, könnte das gewöhnungsbedürftig sein. Ehefrau und Kinder könnten sich vernachlässigt fühlen. Doch bei gewissenhaftem Training würde man die langen Gesichter im unmittelbaren Umfeld schon nach wenigen Wochen auszublenden verstehen. Gegen das Gejammer hülfen Ohropax, dauerhafte Kunstharzversiegelungen oder – besonders bewährt – Scheidung. Die Anstrengungen aber würden sich lohnen. Perger verspricht: »Je enger das Sichtfeld, desto weiter der Erfolgshorizont, der sich vor einem öffnet.« Klingt paradox, ist aber total schizo.

Gleich hinter dem Tunnelblick kommt die hohe Kunst des Kommunikationsboykotts. Diese gilt es besonders beim Vorstellungsgespräch zu beachten. Wie auch immer die Frage des Personalers lauten mag, der Bewerber soll keinesfalls darauf eingehen. Jede kleine Abweichung vom Schweigen würde von den zukünftigen Vorgesetzten als unabweichendes Verhalten erkannt und mit Minuspunkten quittiert. Bei zwei richtigen Antworten kann man im Grunde seinen Hut nehmen.

Nicht nur mental wird man in Pergers Autismuscamp gefordert, auch körperlich wird einem alles abverlangt. So sind die Teilnehmer angehalten, acht Stunden ohne Unterbrechung mit dem Oberkörper vor und zurück zu wippen. »Schaukeln wie die Profis«, nennt Perger diese Trainingseinheit, die von der Belastung her mit Sit-ups zu vergleichen ist. Den Sixpack gibt es zur Macke somit gratis obendrauf.

Seit neuestem wird diese berufliche Weiterbildung für Autismuswillige staatlich gefördert. Sie soll außerdem ein wichtiger Baustein werden für das geplante Integrationsprogramm »Behinder statt Inder«. Der Wirtschaftsminister hat die Initiative für erfolgreiche Inselbegabung zur Chefsache erklärt. »Menschen, die sich von Außenreizen – wie Kritik, guten Argumenten oder Umfragen – nicht beeindrucken lassen, fühle ich mich persönlich sehr verbunden«, sagt Philipp Rösler. In einem Manifest legt der Minister überdies die positiven Effekte auf die Gesamtwirtschaft dar: »Erst im real existierenden Autismus entfaltet der Kapitalismus seine volle Blüte, kommt gleichsam zu sich selbst.« Auch Hans P. zählt inzwischen zu den Kursteilnehmern. Seine Resignation hat er abgelegt. Er schaut jetzt wieder nach vorn. Ausschließlich nach vorn. Den Scheuklappen sei Dank. Die Zwischenprüfung hat er mit Bravour bestanden.

Wenn er sich weiter so ins Zeug legt, zählt er vielleicht schon bald zu den ersten Besitzern der sogenannten »Spleen Card«. Damit würden ihm sämtliche Zellentüren offen stehen. »Und wenn es mit dem Autismus nicht klappt«, sagt P. ganz unverzagt, »dann schule ich halt um auf Tourette.«

Florian Kech
Zeichnung: Hannes Richert

 

 

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