Feldherrenputsch der Professoren – aus Heft 06/2013

LuckeVor einer echten Wahl-Alternative standen die Deutschen in der jüngeren Geschichte nur einmal – bei den Reichstagswahlen im Frühjahr 1933 wünschten sie sich eine Diktatur herbei. Bei den Volkskammerwahlen 1990 hatten immerhin die DDR-Deutschen noch einmal die Chance, von heute auf morgen das System zu wechseln – sie wählten den Kohl-Kapitalismus anstelle des Pfaffen-Sozialismus der DDR-Sozialdemokraten (doch wäre es auf das Gleiche hinausgelaufen). Acht Jahrzehnte nach Adolfs Achtungserfolg, der kürzlich in allen Medien gebührend gefeiert wurde und das Gesichtshaarmodel zur beliebtesten deutschen Fernsehfigur werden ließ, dürfen die Deutschen nun noch einmal zuschlagen. Und zwar gründlich! Obwohl – oder weil – die Kanzlerin sich für »alternativlos« hält. Aber sind die Fußstapfen des Führers für Bernd Lucke nicht doch ein bisschen zu groß?

Viel wissen wir nicht über den Mann, der die Deutschen aus der Finanzknechtschaft führen und das Brüsseler Schanddiktat überwinden will. Wenn er wirklich Hitler bewundert, zieht er sich schon mal falsch an. Auf dem Campus der Hamburger Uni schlendert der Fünfzigjährige, dem man den Makroökonom nicht ansieht, zumeist in einem Pulli (Thor Steinar?) und mit einem lächerlichen Rucksäckchen herum, an dem er ganz bewusst keine rechtsradikalen Sticker trägt. Dass er darin außer Lipgloss und den Schlüssel zu seinem Fahrradschloss auch noch Mein Kampf spazieren trägt, ist unwahrscheinlich – dieses Standardwerk der Makroökonomie ist zu dick, und er hat es sicherlich im Kopf.

»Der Erlöser«, wie er von Anhängern – vermutlich scherzhaft – genannt wird, wirkt wesentlich jünger als A. Hitler in diesem Alter, der unter der Last der Verantwortung (als Fünfzigjähriger sah er sich gezwungen, den Zweiten Weltkrieg auszulösen) rasch gealtert war. Aber eines muss man auch sagen: Dafür, dass Lucke Deutschland aus dem Desaster und in eine goldene Zukunft führen will, ist er eindeutig zu alt. Denn bis zur Zukunft dauert es doch immer eine Weile. Alle jugendliche Unbekümmertheit, die Lucke ausstrahlt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er für wichtige politische Stationen, die sein Alter Ego frühzeitig durchlief (der Röhm-Putsch, die neue Reichskanzlei, die Wiederherstellung der deutschen Mutter, die Belebung des Lagerlebens usw.), nur eine historisch kurze Frist zur Verfügung hat.

Seine Reife hat aber auch Vorteile. Lucke hat die Zeit im Wartestand – über drei Jahrzehnte gut getarnt und stillgehalten in der CDU – genutzt, um akademische Meriten zu erwerben, sich zu promovieren und zu habilitieren (Hitler hatte sich das bekanntlich erst für seinen Lebensabend auf dem Obersalzberg vorgenommen). Der makroökonomische Elfenbeinturm war für Lucke das, was für den Führer die Festungshaft war – eine Zeit der Sammlung und der Selbstfindung.

Na gut, der Vergleich hinkt, schließlich hat Lucke vor seinem politischen Aufbruch außerdem fünf Kinder gezeugt und war im Babyjahr, was dem jungen Hitler nicht vergönnt gewesen ist, denn das Babyjahr gab es damals noch nicht. Wiederum ist exakt in dieser Lebensphase eine Schrift entstanden, die man als Luckes Mein-Kampf-Programm bezeichnen kann. Genau genommen sind es sogar zwei, die wohl bald nach der Machtergreifung vom Kopp-Verlag in Hirschleder gebunden herausgebracht werden: Die erste ist der Hamburger Appell. Zusammen mit seinen Kameraden der ersten Stunde, den Professoren Thomas (»Tommy«, der das Luftfahrtministerium führen wird) und Michael (»Michi«, der künftige Generalbeauftragte für die Neugestaltung der deutschen Hauptstadt), erklärt Lucke dort, dass alle anderen dumm sind (»fehlender ökonomischer Sachverstand«).

Die Kernfrage, wie er dem Erbe des Führers gerecht werden und Deutschlands Wachstumsschwäche überwinden will, beantwortet Bernd Lucke jedoch, anders als Hitler, nicht mit Krieg. Vielmehr erhebt er die Forderung nach geringentlohnter Zwangsarbeit (außer für Makroökonomen, Schwangere und Soldaten), Verlängerung der Arbeitszeit und sehr kurzem Jahresurlaub. Um die Volksgenossen dafür zu motivieren, müssten natürlich die Sozialleistungen, die man fürs Nichtstun bekommt, wegfallen.

Nun wird mancher sagen, das geht ja gar nicht, das lassen die Leute nicht mit sich machen! Doch, widerspricht Lucke freundlich. Er ist nämlich nicht nur Theoretiker, sondern hat auch Blut an den Händen. Nicht vom Feldherrenputsch, aber so ähnlich – er war einst der Feuerkopf im »Sachverständigenrat zur Einführung der Marktwirtschaft in der DDR«. »Da hat er die Leute Dreck fressen lassen«, sagt eine seiner Hamburger Studentinnen angewidert, die er angeblich für sein Projekt »Lebensborn für akademischen Nachwuchs« gewinnen wollte.

Denn das zweite Luckesche Opus magnum ist der »Gründungsaufruf an alle deutschen Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre«. Es enthält die Grundzüge von Luckes Rassenpolitik. »Alle Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre, die an einer deutschen Universität oder als deutsche Staatsbürger an einer ausländischen Universität lehren« und deren rassereine Kinder sind für Bernd das, was für Hitler die Arier waren – von der Vorsehung Auserwählte. Dazu zählt auch seine Gattin, eine Wirtschaftsprofessorin von nachgewiesener Fertilität. Deutsch und promoviert zu sein ist dabei das wichtigste Kriterium, sowohl für die Fortpflanzung als auch für den Eintritt in die Elite.

Die Revolution, die Deutschland zum Jahreswechsel bevorsteht, wird nämlich diesmal nicht von Sozialarbeitern, Politologie-Studenten, Stückeschreibern, Eurythmie-Lehrerinnen und Päderasten angeführt (wie bei den 68ern). Auch antifaschistische alkoholisierte Gutmenschen (Willy Brandt), zynische proletenhafte Emporkömmlinge (Gerhard Schröder) und Wutbürger (Walter Sittler) sind aus dem Spiel. Die neue nationale Bewegung ist der Furor der deutschen Professoren, die sich der Merkelschen »Politik des Bauchgefühls« nicht länger unterwerfen wollen.

Es muss ein Programm her, in dem sich Deutschlands Weg aus der Krise vermittels Formeln berechnen und in Kurven und Diagrammen darstellen lässt! Einen Malus hat Lucke allerdings. Es gibt keinen einzigen großartigen Satz von ihm, nichts über schmutzige, sparunwillige Südvölker, kein »Multikulti ist unser Unglück«, nichts über Frauen, die kein Wahlrecht brauchen, und nichts über Männer, die zwar akademische Hochschullehrer sein mögen, aber unanständig miteinander verkehren und deshalb nicht auf das parteiinterne Limit von fünf Kindern kommen. Solche Sätze übernehmen jedoch gern seine in CDU und NPD gehärteten Parteikollegen.

Lucke selbst ist offen nach rechts und links. Lafontaine konnte ihm schon Sympathien abgewinnen und plant, die AfD auf kaltem Wege mit der Linkspartei zur ALOG, zur »Alternativen Linken ohne Gysi«, zu fusionieren. Die Kanzlerin wenigstens hat den kleinen Führer durchschaut. Seine Machtergreifung, glaubt auch sie, erfolge nach Adolfs Strickmuster, denn er werde von den aggressivsten Kräften des Monopolkapitals finanziert – »von Schweizer Millionären«.

War noch was? Ach ja – Lucke will raus aus dem Euro. Doch wohin? Das, sagt er, sagt er uns später.

Mathias Wedel
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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