Der tiefe Fall des Jesus vom Tegernsee – aus Heft 6/2013

Der SchmerWurstlz nagt mit spitzen Zähnen an Uli Hoeneß’ zarter Seele wie ein Greis an einer HoWe-Wurstwaren-KG-Rostbratwurst. »Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht«, gestand der Paria unter den Multimillionären in einem Zeit-Interview. Wenn er dann in der feuchten Bettwäsche die Augen aufschlägt, ist sie immer da: die Furcht, eingenässt zu haben. Doch dies ist nicht seine einzige Qual, denn er wälzt und wälzt sich: »Ich wälze und wälze mich. Und dann wälze ich mich noch mal.«


Wen es nicht rührt, wie die ehemalige Dampfwälze der Bundesliga in Selbstmitleid und der eigenen Angstsuppe liegt und ihre Federkernmatratzenkuhle ausscheuert, ist kein Mensch. Doch bei allem berechtigten Mitgefühl bleibt die Frage offen: Was ist mit uns? Wo bleiben wir kleinen Männer, wir einfachen Steuerzahler und Durchschnitts-Millionärsspeichellecker von der Straße, die um eine Ikone beraubt wurden?

Früher war alles so einfach. Schon Kinder, die heimlich Süßes naschten oder ihren Kita-Genossen durch gezielte Schippenschläge Schädelbasisbrüche zufügten, wurden angehalten, ihr Verhalten tunlichst zu bereuen. Denn fernab im bayerischen Freistaat saß die »moralische Instanz« (FAZ), die alle Missetaten in ihrem goldenen Buch notierte.

Wenn man unartig war, konnte es sein, dass der Onkel aus München am Heiligabend vorbeikam und der eigenen Lieblingsmannschaft alle guten Spieler wegkaufte. Freilich konnte dies auch geschehen, wenn man artig war. Deswegen, und weil er in seiner Wurstfabrik Millionen Schweine von Billigarbeitern gnadenlos abschlachten ließ, sie anschließend samt ihrer toten, geschändeten Augen durch einen Fleischwolf trieb, um sie in ihre eigenen Därme pressen zu können, in denen sie daraufhin der Bevölkerung zum Fraß vorgeworfen wurden, wurde Uli Hoeneß in der gesamten Republik geachtet und geliebt.

Doch für die erwachsenen Bürger des Planeten war Hoeneß weit mehr als der gütige Racheengel und liebenswerte Cholesterintabletten-Junkie, der Kinder bestrafte und Tiere tötete. Denn der »Obersamariter« (Welt) war »fürsorglicher als ein Herz- Jesu-Sozialist« (Süddeutsche). »Für die Bedürftigen, für soziale Gerechtigkeit, für die Aufdeckung von Missständen war Hoeneß das Sprachrohr. « (Welt) »Das Vorbild Uli Hoeneß « (Focus), der »Saubermann« (FAZ), der »unerschrockene Wohltäter « (Hamburger Abendblatt) war wie der Heiland selbst, nur ein bisschen besser. Er war sich nicht mal zu schade, Christoph Daum zu verpetzen.

Kein Wunder, dass wir ihn vergötterten, wenn er in seinem wallenden Mantel über München flog und Gutes tat; dass wir uns unserer Unzulänglichkeiten wegen schämten, wenn der »populäre Klartextredner mit hohen Wertvorstellungen« (Stern) über die Isar promenierte. Das Herz des Mannes, dessen einziges Kryptonit die Hypertonie war, war so groß, dass er es in seinem Bäuchlein vor sich herschleppen musste. Sein Großmut so riesig, dass sein Kopf stets zu platzen schien. Konnte man Worte finden für diese allseits geschätzte Person? »Ehrbarer Kaufmann« vielleicht? Oder doch eher »Wohltäter, Gutmensch, Gönner«? (Welt) Oder »die höchste moralische Instanz der Fleißigen, die an den Erfolg durch harte Arbeit glauben«? (Focus online)

Ganz egal, wie man diesen wunderbaren Menschen bezeichnen wollte, das Volk erhielt von ihm in den schwersten Stunden Zuspruch. Es betete ihn an, wer die Hände zusammengefaltet bekam. Und schadete es? Nein, ganz im Gegenteil! Denn das Leben war leicht und beschwingt. Die Frauen sangen beim Toilettenputzen und die Männer tranken gemütlich einen Schnaps und ließen unbesorgt einen fahren. Denn sie hatten etwas, an dem sie sich orientieren konnten. Jemand, der »bis zum Abwinken Anstand und Ehrlichkeit propagierte«, zu dem man aufschauen und an dem man sich aufrichten konnte – ein »Idol« (Zeit), »sozial engagiert, ehrlich, moralisch integer«. (n24.de)

All die Leichtigkeit dieser vergangenen Tage ist Geschichte. »Nun ist das Entsetzen groß.« (Welt) Das einst so zauberhafte Bild des Uli Hoeneß ist zerstört. »Ausgerechnet Hoeneß!« (Hart aber fair, tz, Kölnische Rundschau, Augsburger Allgemeine, Focus Online) Der Steuerskandal machte aus dem Mann, an dem wir uns alle orientierten, einen »entzauberten, gedemütigten Helden«, einen »Ikarus, der der Sonne zu nahe kam«. (Zeit) Sein Fall könnte tiefer nicht sein – ihm bleibt nichts übrig außer sein vieles Geld, seine Immobilien, die Autos und die Fabriken. Und die Bevölkerung bleibt orientierungslos zurück.

Hoeneß richtig zu hassen fällt den meisten immer noch schwer. Aber wir müssen es jetzt tun! Vielleicht hilft es, wenn man sich seine engelsgleiche Erscheinung wegdenkt und sich vorstellt, er besäße ein cholerisches Schweinsgesicht – eine Hackfresse, der man keine zwei Meter über den Weg trauen würde. Um unsere Gefühle zu schützen, sollten wir uns der Illusion hingeben, er besäße eine Visage, die aussieht, als würde er Waisenkindern Popel unter die Leberwurst schmieren, wenn er auch nur fünf Cent dafür bekommen würde. Imaginieren wir, er sähe aus wie ein Mensch, der sich jeden Tag einen Eimer Bratfett aus seinen Fabriken bestellt, um ihn sich für den aufgedunsenen Look ins Gesicht zu reiben.

An wen sollen wir uns nun moralisch halten, wo Uli Hoeneß entzaubert ist? Wer soll unsere neue »moralische Instanz« (WAZ, Spiegel, Focus, Rheinische Post) sein? Die Antwort darauf fällt schwer. Joseph Ackermann und Hartmut Mehdorn erscheinen als geeignete Kandidaten. Auch ein Lothar Matthäus würde den Job wohl übernehmen. Aber letztlich kommt es darauf an, wem wir vertrauen wollen! Und um dies herauszufinden, sollten wir zunächst in uns selbst hineinhorchen. Ist es nicht so, dass wir jemanden verehren wollen, der uns sehr, sehr ähnlich ist? Der vielleicht genauso aussieht, so denkt, so redet und so fühlt wie wir selbst? Und der genauso sympathisch ist? Also, Herr Lanz, übernehmen Sie!

Andreas Koristka
Zeichnung: André Sedlaczek

 

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