Der Voßkcoole – aus Heft 5/2013

Der VoßkuhleAuf der Liste der mächtigsten Männer im Land steht Angela Merkel nach wie vor ganz oben. Rein formalbiologisch mag das auch zutreffen. Tatsächlich aber hat ihr ein natürlicher Feind den Rang abgelaufen. Die neue Nummer eins im Staat ist Andreas Voßkuhle, der Vorsitzende der Bundesverfassungspartei. Demos - kopen rechnen ihm beste Chancen bei der nächsten Bundestagswahl aus, obwohl er gar nicht antritt. Was auch nicht nötig ist.

Fans nennen ihn schon jetzt »Merkels Chef« (Spiegel) oder »coole Sau« (Neue Juristische Wochenschrift). Während die Kanzlerin zum Wurmfortsatz des Überrichters verkümmert, drängen sich Fragen auf: Ist Voßkuhle noch aufzuhalten? (Nein!) Wer kann diesen außer Rand und Band geratenen Rechts-Extremen bremsen? (Niemand!) Und was tragen Verfassungsrichter eigentlich unter der Robe? (Nichts!)

In Berlin macht sich Paranoia breit. Neue Gesetze werden nicht einmal mehr in der Theorie oder im Vollsuff angedacht. Zu groß ist die Angst vor dem Verfassungkuhle bzw. der Verfassungskeule, derentwegen Abgeordnete nur noch mit eingezogenen Köpfen durch den Tiergarten tigern. Was König Artus Excalibur, Darth Vader das Laserschwert oder Jens Jeremies die Blutgrätsche, ist Andreas Voßkuhle die Verfassungskeule, die ihn unbesiegbar macht.

Vor Selbstbewusstsein strotzend, reizt er ständig neue Grenzen aus. Jüngster Aufreger war seine feindliche Übernahme der Bundespressekonferenz. Strenggenommen steht die Nutzung des Raumes ausschließlich Mitgliedern der Bundesregierung zu. Voßkuhle wäre jedoch nicht Voßkuhle, wenn er sich um solche Formalitäten scheren würde. Just auf dem Stuhl, wo normalerweise die Kanzlerin herumdruckst, plauderte Voßkuhle wie Graf Rotz aus dem Nähkästchen. Die Rüge, mit der ihn das Bundespresseamt belegen wollte, wies er als verfassungswidrig zurück.

Somit betraf die einzige personelle Konsequenz aus dem Vorfall den Hausmeister, der Voßkuhle ahnungslos Zugang verschafft hatte und sich zum Dank nun eine neue Bundespressekonferenz suchen darf. Im ganzen Regierungsviertel ist Andreas Voßkule inzwischen ein ungern gesehener Dauergast. Die Toilettenwände im Kanzleramt sind vollgekritzelt mit Sprüchen wie »Voßi go home« oder »Nur eine Robe ohne Rübe ist eine gute Robe«. Es sind verzweifelte Hilferufe aus Edding und Exkrementen. Nichts hat man bei der Abwehr der Nervensäge aus Karlsruhe unversucht gelassen. Selbst die Schlösser ihrer Behörde hat die Kanzlerin auswechseln wollen. Aber auch diese Maßnahme verstieß natürlich gegen das Grundgesetz. Und so treibt Voßkuhle weiter sein Unwesen, fläzt sich mit der Chuzpe eines doppelt und dreifach Habilitierten auf den Ledersesseln demokratisch gewählter Mandatsträger.

Ein Bundespräsident, der aus Furcht vor einer Verfassungsklage namentlich nicht genannt werden mag, berichtet sogar von einem Barbecue im Schloss Bellevue, zu dem Richter Maßlos ohne Erlaubnis eingeladen habe. Überhaupt hat sich der Hausherr das angeblich höchste Amt anders vorgestellt. Niemand habe ihn vorgewarnt, dass die Unterzeichnung jedes Quatschgesetzes vom Segen des Karlsruhers abhänge. »Da hätte ich ja gleich Pfarrer in der DDR bleiben können«, sagt der ehemalige Pfarrer aus der DDR.

Wer ist dieser Mann, der das politische System aus den Angeln hebt? Die Bilderbuchkarriere des Andreas Voßkuhle liest sich geradezu furchteinflößend. Sein juristisches Talent erkannten bereits die Erzieherinnen des Kindergartens St. Justitia, wo der kleine Andreas eine neue und im europäischen Kindergartenwesen wegweisende Hausordnung ausgearbeitet hat.

Am Gymnasium verurteilte er seinen Lateinlehrer zum Tode. »Mein einziger Fehler«, wie er später einräumte. Danach ging alles ganz schnell. Abitur, Dissertation und Habilitation schrieb er praktisch gleichzeitig, sodass er als jüngster Professor in die deutsche Rechtsgeschichte einging. Auf der eigens für ihn eingerichteten Singlebörse eliterichter.de gab er als Hauptsuchkriterium an, seine Traumfrau müsse zumindest dem Bundesgerichtshof vorstehen oder eine erfolgreiche Gerichts-Trash-Sendung im Privatfernsehen moderieren. Letztendlich gab er sich mit der Vorsitzenden Richterin eines Oberlandesgerichts zufrieden, von der er zwei Kinder einklagte, wogegen sie in Revision ging. Auch auf das Risiko hin, dass er eine Dritte in den Zeugungsstand ruft.

Andreas Voßkuhle ist so begehrt – wenn irgendwo ein Thron frei wird, fällt sein Name zuerst. Als die ganze Nation nach einem moralisch sauberen Wulff-Ersatz suchte, stand er ganz oben auf der Wunschliste. Aber er lehnte ab. Genauso wie die Nachfolge von Benedikt XVI. Sogar Pep Guardiola sei bei Bayern München nur zweite Wahl gewesen.

Aber wofür steht der mächtigste Mann der Republik eigentlich? Was ist Voßkuhles politische Agenda? Der Blick auf seine bisherigen Urteile bringt Licht unter den Talar. Mit großen Bauchschmerzen segnet er den überlebenswichtigen Euro-Rettungsschirm ab, nicht ohne diesen an strenge Bedingungen zu knüpfen; mit missionarischem Eifer verficht er die Gleichstellung der Homoehe; ohne Skrupel kippt er das NPD-Verbot. Kurzum: Voßkuhle ist gegen Europa, gegen Familie, und die Nazis lässt er machen. Vielleicht macht ihn gerade das bei der Bevölkerung so sympathisch.

Wenn es sein muss, legt er sich mit jedem an. Selbst mit Ikonen. Viele fassten es als Akt der Befreiung auf, als er Süddeutsche Zeitung-Aufschneider Heribert Prantl ans Küchenmesser lieferte oder Kinderschreck Cohn-Bendit in die Eier trat. Die Menschen lieben ihn, und er liebt die Öffentlichkeit. Seine Entscheidungen, die nicht selten die Welt ins Wanken bringen, sollen nicht mehr im Hinterzimmer getroffen werden. Er will erklären – lehrreich, aber auch unterhaltsam, und immer offen. Gestern lädt er zum gemütlichen Plausch in die Bundespressekonferenz, morgen zum lauschigen Schauprozess ins Fußballstadion. Andreas Voßkuhle hat das Zeug zum Mario Barth des deutschen Superrechtsstaates.

Konsequent lebt Voßkuhle nach dem rechtsphilosophischen Grundsatz des »eius me potes temporibus« (zu Deutsch: »Ihr könnt mich mal«). Natürlich will er das Parlament entmündigen, die Regierung wegsperren, die Herrschaft an sich reißen. Aber er kann es sich auch leisten. Als oberster Verfassungshüter spricht er nicht nur Recht, er ist Recht, sozusagen die Inkarnation des Rechtsstaates, Justitias rechter Augapfel. Und sollte er doch scheitern mit seinen Ambitionen, so bleibt ihm immer noch die berechtigte Hoffnung auf einen exponierten Sendeplatz bei Sat.1. Wenn nicht die Merkel, dann schlägt er eben die Salesch. Oder er versöhnt sich mit Prantl und Cohn-Bendit beim perfekten Promidinner. Ist schließlich auch eine Gerichtsshow.

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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